21. März 2013, 7:50 Uhr
Der Kommentar
Die Euro-Schuldenkrise führt zu Spannungen zwischen den EU-Staaten. Dabei stehen Deutschland und Kanzlerin Merkel immer wieder in der Kritik. In der Krise suchen viele einen Sündenbock, meint Rainer Burchardt in seinem Kommentar.
Hört das denn gar nicht auf, mag man sich dieser Tage fragen, da die deutsche Dominanz in EU-Europa mal wieder zur allgemeinen Zielscheibe in den südlichen Krisenstaaten geworden ist. Im Besonderen gipfelt das gegenwärtige Germanen-Bashing, wie schon zuvor in Griechenland und Italien mit Plakaten und Karikaturen der Kanzlerin mit wahlweise Hitlerbart, Hakenkreuz-Armbinde oder Pickelhaube. Das ist alles andere als witzig.
Doch dieser Tage ist ohnehin niemand zu lachen zumute. Die Lage ist ernst in der EU, ernster als je zuvor, für Staaten für Regierungen und vor allem für die Menschen in den von der Euro-Krise besonders hart betroffenen Regionen des Mittelmeerraumes. Sie brauchen einen Sündenbock und was liegt da näher, als in die Ferne zu schauen. Keine Frage, Deutschland ist aufgrund der restriktven Sparzwänge der Kanzlerin zum Sündenbock geworden. So einfach und im Wortsinne plakativ ist dies auf der Straße und in den Medien darzustellen.
Nun ließe sich vortrefflich über den Eigenanteil der Regierungen in den notleidenden Ländern an der Krise diskutieren. Doch darum geht es längst nicht mehr, es geht schlicht und einfach um wohlfeile Schuldzuweisungen.
Wieder einmal wird Deutschland von seiner verbrecherischen Vergangenheit in Zeiten der Nazi-Herrschaft eingeholt. Da mögen wir noch so oft unsere vorbildliche demokratisch geprägte Tradition der Nachkriegsära bis heute anführen, da mögen wir zu Recht darauf verweisen, dass Deutschland als Zahlmeister des europäischen Integrationsprozesses Musterknabe der Gemeinschaft war – wir werden Hitler im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit nicht los. Das muss nicht prinzipiell schlecht sein, denn es wird auch in Zukunft –hoffentlich- jede deutsche Regierung von einer verbrecherischen Hybris abhalten.
Absurd und geradezu kontraproduktiv aber ist es, wenn Demonstranten von nebenan zu derartigen Vergleichen greifen, die zudem die damaligen Verbrechen verharmlosen. Die ökonomischen Verwerfungen dieser Tage sind mit den Abscheulichkeiten der Nazis nicht einmal im Ansatz zu vergleichen.
Auch und gerade die maßlos kränkenden Plakate sind das Gegenteil von Aufklärung.
Und dennoch geht von ihnen eine große Gefahr aus, nämlich die, dass in den Völkern Europas die empörten Vereinfacher nicht nur die Straße sondern auch die Köpfe beherrschen könnten. Dies umso mehr, als die komplizierten Gründe für die Krise nicht mehr vermittelbar erscheinen. Eine britische Zeitschrift hat Angela Merkel vor Kurzem als die gefährlichste Frau Europas diffamiert und sie in die Rolle eines "Terminators" gezwängt. Das ist falsch und feige – weil es jede konkrete Argumentation ausschließt. Die aber ist längst überfällig – hart aber sachlich zumal es wirklich schwer fällt Deutschland als Musterkanbe der EU zu bezeichnen.
Kommentar: Warum die Krise eine Schuldige braucht, [2:42]
Info: Der Kommentar
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