13. Mai 2013, 7:50 Uhr
Nordwestradio Journal
Die Tarifverhandlungen für die 140.000 Beschäftigten in der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie gehen in die dritte Runde. Die IG Metall fordert 5,5 Prozent mehr Geld. Die Arbeitgeber haben bislang 2,3 Prozent angeboten. Ein Kommentar von Sven Weingärtner.
Fast 22 Milliarden Euro – so hoch war der Rekordgewinn von Volkswagen im vergangenen Jahr. Es ist der höchste Jahresüberschuss, den jemals ein deutsches Unternehmen eingefahren hat. An solchen Ergebnissen wollen auch die Beschäftigten teilhaben. Das ist ihr gutes Recht: Sie waren es, die im vergangenen Jahr vielen Unternehmen aus der Metall- und Elektroindustrie zu Millionen- oder sogar Milliardengewinnen verholfen haben.
Und nun hat das Säbelrasseln begonnen. Rund 400.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich bundesweit seit dem Ende der Friedenspflicht schon an Warnstreiks und anderen Aktionen beteiligt. 5,5 Prozent mehr Geld fordert die IG Metall – bei einer Laufzeit von einem Jahr. Mindestens aber eine Drei vor dem Komma müsse drin sein. Sonst, die Drohung ist schon ausgesprochen, wird zur Urabstimmung aufgerufen. Und dann könnte es schon im Juni unbefristete Streiks geben.
Der letzte große Streik liegt mehr als zehn Jahre zurück. Einen neuen Streik wollen die Arbeitgeber nicht riskieren. Deshalb sind sie auch vergleichsweise zurückhaltend. Das gilt für ihr Auftreten in dieser Tarifrunde, allerdings auch für ihr Angebot. Dabei sind die Argumente, die sie den Arbeitnehmern entgegenhalten, ziemlich lahm. Die wirtschaftlichen Aussichten hätten sich eingetrübt, einige Unternehmen seien schon in Schwierigkeiten, Metall- und Elektroarbeiter verdienten doch ohnehin schon überdurchschnittlich; kurz – der Abschluss müsse in diesem Jahr moderat ausfallen, 2,3 Prozent seien vernünftig und fair.
Das ist natürlich Quatsch und außerdem auch ziemlich dreist! Aber das wissen die Arbeitgeber selbst, das wissen auch die Gewerkschafter. Es ist ein Leichtes, das bisher vorliegende Angebot zu zerpflücken. Die Rechnung ist einfach: Die ach so großzügigen 2,3 Prozent sind in Wahrheit nur 1,9 Prozent. In den ersten beiden Monaten soll die Erhöhung nämlich noch gar nicht wirksam sein. Damit liegt das Angebot dann kaum noch über der Inflationsrate. Die ist momentan zwar noch recht niedrig, steigt aber im Lauf des Jahres wahrscheinlich an. Spätestens die höhere Steuerlast frisst den vermeintlichen Vorteil ganz auf, im Portemonnaie der Beschäftigten bleibt nichts übrig.
Völlig außer Acht gelassen haben die Arbeitgeber in ihrer Kalkulation den Produktivitätsfortschritt. Dank verbesserter Technik drehen, fräsen und bohren die Arbeiter statt zehn, elf oder zwölf Werkstücken jetzt 13, 14 oder 15. Das spült mehr Geld in die Unternehmensschatullen und davon sollten sie einen Teil abbekommen. Selbst wenn die Löhne um sieben oder acht Prozent erhöht würden, bliebe immer noch ein großer Teil des Gewinns übrig.
Es ist ja bekannt, dass Manager meist nur auf ihre Firma schauen. Es lohnt sich, im eigenen Interesse, aber auch ein Blick durch die volkswirtschaftliche Brille. Nur wer Geld hat, kann auch Geld ausgeben. Das tun die Deutschen auch, und zwar am meisten in Europa und für europäische Produkte. Das sichert im eigenen Land Beschäftigung und stabilisiert zudem die Einkommenssituation in unseren Nachbarländern in der EU, die unser wichtigster Abnehmer ist. Wer – egal ob hier oder anderswo – genug Geld hat, kauft auch mehr "Made in Germany". An Löhnen zu geizen ist ungefähr so, als ob die Damen und Herren in den Anzügen sich den Teppich unter den eigenen Füßen wegziehen. Dabei nicht hinzufallen – das Kunststück möchte ich sehen.
Kommentar: Tarifverhandlungen Metallbranche, [2:52]
Tarifverhandlungen Metall, [5:57]
Gespräch mit Arbeitgeber-Vertreter Cornelius Neumann-Redlin
Info: Der Kommentar
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