9. Januar 2012, 7:50 Uhr
Der Kommentar
Heute soll ein schöner Tag werden auf der Frühchenstation im Klinikum Bremen Mitte. Die Bremer Gesundheitssenatorin wird die Station wieder eröffnen, auf der im vergangenen Jahr drei Kinder an einem gefährlichen Keim gestorben waren. Alles neu oder neudeutsch "Frühchenstation Version 2.0“ wird ab heute gestartet. Neue Geräte, neue Wärmebettchen, neue Hygienevorschriften und neuer Linoleumboden. Nichts wünscht sich das Personal mehr, als die Rückkehr zur Normalität, das sagen Politiker, Klinikleitung und die Mitarbeiter selbst.
Doch noch ist nichts normal. Weit weg - ganz weit weg ist die Normalität für alle Beteiligten. Nicht zuletzt für die Eltern der toten Kinder.
Trotz des fröhlichen Tages heute auf der neuen Frühchenstation: Für Gesundheitssenatorin Jürgens-Pieper kommen die schwierigen Zeiten erst noch. Denn der Untersuchungsausschuss in der Bremischen Bürgerschaft hat mit seiner Arbeit gerade erst angefangen. In dieser Woche werden die ersten wichtigen Zeugen vernommen. Dann erst wird die von allen geforderte schonungslose Aufklärung beginnen. Doch der Bremer Senat konnte diese Arbeit der Parlamentarier nicht abwarten.
Mit Rückendeckung aus der Bremer Politik sei der Leiter der Kinderklinik gefeuert worden, so der Vorwurf einiger Ärzte am Klinikum Bremen Mitte in einem offenen Brief. Ein Bauernopfer, damit Ruhe herrscht! Und damit der Druck auf den eigentlichen Verantwortlichen, den Chef der Gesundheit Nord, Diethelm Hansen, nicht mehr so groß ist. Denn den braucht man noch.
Dass mit der fristlosen Entlassung von Professor Hans-Iko Hupperts eine Institution entlassen wurde, scheint den Verantwortlichen egal zu sein. Bundesweit hat sich Huppertz mit seinem Team in der Kindermedizin einen guten Ruf erarbeitet. Hinter vorgehaltener Hand hört man das auch aus der Gesundheitsbehörde. Nur offen sagt das im Moment niemand. Noch ist nicht klar, welche Fehler Huppertz zuzuschreiben sind und welche nicht. Der Untersuchungsausschuss soll es herausfinden. Bis dahin hätte es eine Beurlaubung vom Dienst auch getan. Jetzt ist der Ruf des Mediziners für immer beschädigt.
Der Chef des Klinikverbunds Gesundheit-Nord, Hansen hat da mehr Rückhalt bei seiner Senatorin. Im Gegensatz zu Huppertz sitzt der Geno-Chef immer noch warm und trocken in seinem Büro.
Obwohl der Umbau des Klinikums Bremen Mitte sich endlos verzögert und gerade zu einem Millionengrab für Bremen wird...
Obwohl die Motivation der Ärzte und Pfleger an seinen Kliniken seit Langem ihren absoluten Tiefpunkt erreicht hat...
Und auch, obwohl die Krankenkassen Hansens Klinikverbund Rechnungen in zweistelliger Millionenhöhe nicht bezahlen, weil die Abrechnungen schlampig geführt werden.
All das spielt für die Gesundheitssenatorin aber keine so große Rolle.
Die Bremer CDU fordert seit Bekanntwerden des Skandals die sofortige Beurlaubung Hansens. Doch hier funktioniert die Rhetorik der Bremer Politik einwandfrei. Die Antwort des Senats: Erst müsse der Untersuchungsausschuss seine Arbeit machen...
Ein leicht durchschaubares Schmierentheater wird der Öffentlichkeit hier seit zwei Monaten vorgeführt. Auch Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen von der SPD ahnt das. Denn der Regierungschef ist mittlerweile völlig von der Bühne dieses Dramas verschwunden. Anfangs forderte er noch öffentlich einen Bericht über die Vorgänge. Dieser Bericht liegt inzwischen vor. Doch Bürgermeister Böhrnsen schweigt und schickt stattdessen seinen Justizstaatsrat vor die Kameras und Mikrofone.
Heute wäre ein guter Tag für ihn, sich zu Wort zu melden. Aber bei noch lange kein normaler Tag im Klinikum Mitte.
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