24. September 2012, 7:50 Uhr
Der Kommentar
Begleitet von Protesten hat der umstrittene erste Mox-Transport am 24. September 2012 das Kernkraftwerk Grohnde in Südniedersachsen erreicht. Ein Schiff hatte die plutoniumhaltigen Brennelemente aus dem britischen Sellafield nach Nordenham gebracht. Von dort aus wurden die acht Brennstäbe in Spezial-Lastwagen weitertransportiert.
Anti-Atom-Protest vor dem AKW Grohnde
Laut Eon wird der nächste Transport für November erwartet. Dazu fehlt es bislang am nötigen Katastrophenschutz, mein Nordwestradio-Redakteur Bernd Klose.
Mox-Elemente sind hoch brisant. Japan kämpft in Fukushima noch immer mit einem außer Kontrolle geratenen Reaktor, in dem genau diese Elemente verwendet wurden.
Brisant ist auch der Transport dieser Mox-Elemente. Jeder der insgesamt 16 aufbereiteten Kern-Brennstäbe aus Sellafield enthält 16,5 Kilogramm Plutonium – ein schon in extrem geringen Mengen hoch giftiges Material.
Sicherheit muss bei diesen Transporten über alles gehen. Niemand ist hier ernstzunehmend anderer Meinung. Die Sicherheit versteckt sich allerdings zu oft hinter Formalien. Und das muss in Zukunft anders werden.
Formal erfüllen die Transporte alle Sicherheits-Anforderungen. So sagt es das Bundesamt für Strahlenschutz, BfS. Dann kann ja wohl nichts passieren – und wer etwas anderes behauptet, der schürt unverantwortlich Panikmache. So argumentiert das Land Niedersachsen. Mit gleicher Berechtigung könnte man sagen: Autounfälle darf es nicht geben – die Politik hat ja eine Straßenverkehrsordnung dagegen erlassen.
Das Transportschiff, der über 25 Jahre alte britische Frachter "Atlantic Orsprey", entspricht formal den international geforderten Kriterien für Atomtransporte. Aber was heißt das? Das Schiff hat weder eine doppelte Bordwand, noch ein Querschott gegen eindringendes Wasser. Auch ein zweites Antriebs-System für den Fall eines Motorschadens fehlt.
Das sind klare Schwachpunkte für Transporte der höchsten Gefahrenklasse auf See. Formal wird diese Ausrüstung aber nicht verlangt.
Die Transport-Container wurden vom Bundesamt für Strahlenschutz geprüft. Stöße, Hitze und Wassereinwirkungen dürfen ihnen nichts anhaben – bis zu gewissen Grenzen. Diese Grenzen reichen für "normale Unfälle", sagen Experten und das BfS. Aber was ist ein normaler Unfall?
Die Kreise, durch die der Mox-Transport gerollt ist, sind für die Katastrophenabwehr zuständig. Aber wie soll man in der Wesermarsch rechtzeitig einen Katastrophenplan aufstellen, wenn das "Wann", "Wo" und "Wie" des Transports Verschluss-Sache sind? Geheimhaltung sei Teil des Sicherheits-Konzepts, argumentiert das Land – und unterstellt dem Kreis dadurch, nicht diskret mit sicherheitsrelevanten Informationen umgehen zu können. Das ist Hochmut.
Diesmal ist alles gut gegangen. Der nächste Transport kommt im November. Es ist Zeit für einen breit aufgestellten Katastrophenschutzplan, der alle Beteiligten einschließt. Kosten und Gewinn-Maximierung dürfen hier genau so wenig eine Rolle spielen wie politisches Lagerdenken. Die Sicherheitskriterien für Atomtransporte müssen auf nationaler und internationaler Ebene überprüft werden. Jetzt. Und nicht erst, wenn etwas passiert.
Nicht akzeptabel ist allerdings die Forderung, die Transporte einfach zurückzuweisen. "Lasst doch die Brennstäbe in England", sagen viele Kernkraft-Gegner.
Video: Atomtransporte über Nordenham
Einstellungen, Infos und Kommentare
Unsere Brennstäbe wohlgemerkt – unser künftiger Atom-Müll – das strahlende Ergebnis unserer verfehlten Energiepolitik.
Wir müssen Lösungen finden – bis zu einem sicheren Endlager. Wir können die Augen vor dem Problem verschließen. Aber Brennstäbe und Atommüll werden immer noch da sein, wenn wir sie wieder öffnen. Über Jahrtausende.
Mox-Transporte: Ein Katastrophenschutzplan muss her! , [3:08]
Weitere Informationen zum Thema:
Radioaktive Brennelemente sind am Ziel
Nordwestradio unterwegs: Atomtransporte über Nordenham
Nordenham erwartet Mox-Transport
Startseite Nordwestradio - ganz klar
Info: Der Kommentar
Hier finden Sie ausgewählte Kommentare des Nordwestradios.
Sendezeit:
Mo. - Fr., 7:50 Uhr
Zwischen Mythos und Moderne
Das 1990 gegründete Ensemble möchte altbekannte Hörgewohnheiten verändern und sie auch konservativerem Publikum nahe bringen. Dabei hilft die Verflechtung mit anderen Künsten wie Tanz, Schauspiel, Film oder Malkunst. Wir präsentieren einen Mitschnitt vom Januar in der St. Ansgari-Kirche in Oldenburg. Mehr...
5. Juni, 20:05 Uhr | Nordwestradio
Lesebuch: Anna Seghers
In den aktuellen Folgen des Lesebuchs hören Sie den Roman "Aufstand der Fischer von Sankt Barbara" von Anna Seghers. Mehr...
radiobremen.de nun auch mobil
Seit Februar 2013 ist der Radio-Bremen-Web-Auftritt unter der Adresse "m.radiobremen.de" auch mobil abrufbar. Das gilt natürlich auch für die Homepage des Nordwestradio. Mehr...
Info & Service
Plattdeutsches bei Radio Bremen
Mögen Sie Plattdeutsch? Oder wollen Sie es lernen? In unserem Plattdeutsch-Spezial bieten wir Ihnen einen Anfängerkurs mit den wichtigsten Regeln und vielen Übungen. Mehr...
Neues Digitalradio-Angebot
Radio Bremen hat ein neues Digitalradio-Angebot gestartet. Damit können Sie das Nordwestradio in rauschfreier Qualität empfangen. Mehr...
Jetzt auf radiobremen.de
Werder Bremen: Neuer Trainer Dutt wird heute vorgestellt
Bessere Arbeitsbedingungen: ENO-Mitarbeiter treffen sich zu Betriebsversammlung
Streit um Beratungsstelle: SPD-Fraktionschef will Rat und Tat-Zentrum erhalten
Böhrnsens Türkei-Reise: "Wichtig, sich mal sehen zu lassen"