12. Februar 2013, 7:50 Uhr
Der Kommentar
Papst Benedikt XVI. legt sein Amt nieder: Als erstes katholisches Kirchenoberhaupt der Neuzeit tritt Joseph Ratzinger Ende Februar aus Gesundheitsgründen freiwillig zurück. Mit diesem Entschluss habe er so modern gehandelt, wie vielleicht nie zuvor in seiner Amtszeit, sagt Nordwestradio-Redakteur Thorsten Jantschek in seinem Kommentar:
Wie kein anderer Papst zuvor hat Benedikt XVI. in seinem Pontifikat versucht, Glaube und Vernunft miteinander zu versöhnen, ja: solange die Vernunft vorankommt, gewährte er ihr das Vorrecht seiner Argumentation. Erst wenn sie nicht weiter kommt, muss der Glaube ran. Diesmal hat Benedikt der Vernunft das letzte Wort gelassen, scheinbar jedenfalls.
Die Gründe für seinen Rücktritt sind ja klar: Er habe nicht mehr genug Kraft für das Amt. So ist seine Entscheidung, als Papst zurückzutreten, einerseits – angesichts des offensichtlich immer schwächer werdenden Papstes – vernünftig, und sein Zustand muss als wirklich ernst betrachtet werden.
Andererseits bleibt sich Benedikt ganz treu. Der christliche Glaube, so hatte er in seiner päpstlichen Lehrschrift, der Enzyklika "Deus Caritas est" – "Gott ist die Liebe" – geschrieben, der christliche Glaube hat "immer den Menschen als das zwei-einige Wesen angesehen, in dem Geist und Materie ineinandergreifen und beide gerade so einen neuen Adel erfahren."
Diesen Adel zu bewahren – und da scheint der geschliffene Theologe Josef Ratzinger auf – ist selbst ein christliches Gebot: "Liebe den Nächsten wie dich selbst". Das heißt: Um die anderen zu lieben, muss man sich selbst lieben, freilich nicht eitel und selbstbezüglich. Die christliche Selbstliebe ist die tätige Sorge um sich selbst. Das betrifft auch ein Anerkennen der Grenzen um die eigenen Möglichkeiten.
Und hier hat Benedikt XVI. sich anders entschieden als sein Vorgänger: Johannes Paul II. hat seinen Verfall vor den medialen Augen der ganzen Welt geschehen lassen, hat seine eigene Passionsgeschichte öffentlich gelebt. Aber das war seine ureigenste Entscheidung, sie gehört nicht notwendig zum Papstamt. Benedikt XIV. will die Last des Alters privat leben, abseits vom Amt, aber in Würde.
Gewiss wird man in den nächsten Tagen viel darüber reden, welche katholische Kirche der Pontifex in andere weißbehandschuhte Hände gibt, nämlich eine auf konservativ gebürstete. Und viel Energie wird man in das Nachfolgerkarussell investieren, über die Krise der Kirche reden und die Perspektiven der katholischen Weltkirche.
Heute aber erst einmal gilt es, einen Papst zur Kenntnis zu nehmen, der mit seinem Entschluss, sein Amt niederzulegen, so modern handelte wie vielleicht nie zuvor in seiner Amtszeit. Denn das Recht auf Privatheit, auf dem sein Entschluss – freilich mit dem Kanonischen Kirchenrecht im Rücken – beruht und das hier nicht nur auf das verborgene Leben hinter den Mauern des Vatikan abzielt, sondern sich auf das Amtsverständnis und die Trennung von Amt und Privatperson erstreckt, dieses Recht auf Privatheit ist ein Produkt der europäischen Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts. Dieses Recht anzuerkennen, ist Pflicht, dass ein Papst es sich nimmt, verdient Respekt.
Entscheidung des Papstes verdient Respekt, [2:49]
Kommentar von Thorsten jantschek
Papst Benedikt will zurücktreten
Info: Der Kommentar
Hier finden Sie ausgewählte Kommentare des Nordwestradios.
Sendezeit:
Mo. - Fr., 7:50 Uhr
Zwischen Mythos und Moderne
Das 1990 gegründete Ensemble möchte altbekannte Hörgewohnheiten verändern und sie auch konservativerem Publikum nahe bringen. Dabei hilft die Verflechtung mit anderen Künsten wie Tanz, Schauspiel, Film oder Malkunst. Wir präsentieren einen Mitschnitt vom Januar in der St. Ansgari-Kirche in Oldenburg. Mehr...
5. Juni, 20:05 Uhr | Nordwestradio
Lesebuch: Anna Seghers
In den aktuellen Folgen des Lesebuchs hören Sie den Roman "Aufstand der Fischer von Sankt Barbara" von Anna Seghers. Mehr...
radiobremen.de nun auch mobil
Seit Februar 2013 ist der Radio-Bremen-Web-Auftritt unter der Adresse "m.radiobremen.de" auch mobil abrufbar. Das gilt natürlich auch für die Homepage des Nordwestradio. Mehr...
Info & Service
Plattdeutsches bei Radio Bremen
Mögen Sie Plattdeutsch? Oder wollen Sie es lernen? In unserem Plattdeutsch-Spezial bieten wir Ihnen einen Anfängerkurs mit den wichtigsten Regeln und vielen Übungen. Mehr...
Neues Digitalradio-Angebot
Radio Bremen hat ein neues Digitalradio-Angebot gestartet. Damit können Sie das Nordwestradio in rauschfreier Qualität empfangen. Mehr...
Jetzt auf radiobremen.de
Werder Bremen: Neuer Trainer Dutt wird heute vorgestellt
Bessere Arbeitsbedingungen: ENO-Mitarbeiter treffen sich zu Betriebsversammlung
Streit um Beratungsstelle: SPD-Fraktionschef will Rat und Tat-Zentrum erhalten
Böhrnsens Türkei-Reise: "Wichtig, sich mal sehen zu lassen"