26. Januar 2012, 12:20 Uhr
Der Kommentar
Deiche sind den Menschen an der Küste heilig und Land, das ihre Vorväter mühsam dem Meer abgerungen und eingedeicht haben, bedeutet ihnen viel. Wer solches Land wieder dem Meer überlassen und Deiche platt machen will, der muss schon sehr gute Gründe haben. Und er muss versuchen, die betroffen Menschen von den Gründen zu überzeugen, sie in die Entscheidung einbinden. In Butjadingen haben die Verantwortlichen genau das versäumt.
Für den Bau des Jade-Weser-Ports gibt es gute Gründe. Die Region Wilhelmshaven hofft auf einen wirtschaftlichen Aufschwung und neue Arbeitsplätze. Wer aber mit einem gigantischen Bauwerk in die Natur eingreift, der muss für diesen Eingriff einen Ausgleich schaffen. Er muss also der Natur das zurückgeben, was er ihr genommen hat. So schreibt es das Bundesnaturschutzgesetz vor. Und das ist auch richtig so. Das Problem an der Sache ist aber, dass der Ausgleich nicht im Raum Wilhelmshaven geschaffen werden soll, sondern auf der anderen Seite der Jade, an der Spitze der Halbinsel Butjadingen. Dort sollen in den kommenden Wochen und Monaten Dutzende Bagger anrücken, um eine etwa 300 Fußballfelder große, eingedeichte Weidefläche, den "Langwarder Groden" platt zu machen. Wo bisher das Vieh der Bauern weidet, würden nach massivem Baggereinsatz wieder die Gezeiten das Landschaftsbild prägen und ökologisch wertvolle Salzwiesen entstehen. So hat es die Niedersächsische Landesregierung im Planfeststellungsverfahren zum Bau des Jade-Weser-Ports beantragt und so ist es auch genehmigt worden.
Die betroffenen Bürger in Butjadingen haben von all dem kaum etwas mitbekommen. Die Pläne wurden zwar öffentlich ausgelegt, es gab Erörterungstermine und auch die Gemeinde Butjadingen wurde informiert. An den Menschen lief das Verfahren jedoch weitgehend vorbei. Stuttgart 21 lässt grüßen. Auch dort sind die Menschen erst 15 Jahre später aufgewacht, als die Bagger vor der Tür standen.
Hätten die verantwortlichen Politiker schon vor Jahren zu Bürgerversammlungen aufgerufen und gefragt, ob der Langwarder Groden im Meer versinken soll, dann wären die Menschen viel eher wach geworden. Denn einen Deich einzureißen, und sei es auch nur einen Vordeich, das ist für die Menschen an der Nordsee - gefühlt - genauso schlimm, wie an dem Ast zu sägen, auf dem man sitzt. Hätten die Politiker wirklich versucht, die Bürger in Butjadingen in die Entscheidung einzubinden, der ganze Prozess wäre mit Sicherheit vollkommen anders verlaufen. Vielleicht wäre sogar ein Kompromiss mit den Naturschützern möglich gewesen. Doch die Politiker wollten damals die Genehmigung des Jade-Weser-Port möglichst geräuschlos durchdrücken, ohne mögliche Gegner aufzuschrecken. Nachdem die Entscheidung aber gefallen war, zeigten sich alle Landespolitiker, die sich vor Ort informierten, entsetzt über den geplanten Eingriff am Langwarder Groden. So erklärte der langjährige niedersächsische Umweltminister Sander zum Beispiel, er halte die Deichöffnung für vollkommen unverantwortlich. Dabei war und ist es seine eigene Landesregierung, die genau das seit Jahren plant und forciert. Da weiß ganz offensichtlich die eine Hand nicht was die Andere will.
Jetzt, wo die Bagger vor der Tür stehen, sind Geschrei und Protest riesengroß. Die Situation ist vollkommen verfahren. Es droht ein Butjadingen 21. Die Niedersächsische Landesregierung wird nun wohl nicht mehr darum herum kommen, mit den Menschen vor Ort die Diskussionen zu führen, die sie vor Jahren versäumt hat. Ehrliche und ergebnisoffene Verhandlungen müssen folgen. Sonst machen die Bagger nicht nur den Langwarder Groden platt, sondern auch die demokratische Kultur in Butjadingen.
Land fluten in Butjadingen für den Jade-Weser-Port?, [3:20]
Hintergrundinformationen:
Tiefwasserhafen der Superlative
Online-Dossier zum Jade-Weser-Port
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