30. Dezember 2011, 8:50 Uhr
Der Kommentar
In Ihrer Kammer in der Prinsengracht 263 in Amsterdam, von wo sie am 4. August 1944 in das deutsche Vernichtungslager gefahren wird, schreibt die junge Anne Frank am 4. Mai 1944 prophetische Sätze: „Warum müssen Leute hungern, wenn in anderen Teilen der Welt die überflüssige Nahrung wegfault? Und, sie weiss auch schon den Schlüssel zur Lösung: „Warum bauen sie in England immer größere Flugzeuge, immer schwerere Bomben? Warum gibt man jeden Tag Millionen für den Krieg aus und keinen Cent für Heilkunde, für die Künstler, für die Armen?“ Die Anne Frank hat das vorausgesehen: 2011 sind wir immer noch nicht an der Lösung des Weltproblems Hunger angelangt.
Wir Europäer haben die universalen Menschenrechte entdeckt und halten uns für deren beste Vertreter. Dass aber Menschenrechte für Kinder, die im Staub der Wüste oder des Grosstadtslums verröcheln nichts bedeuten, haben wir besser nicht verstanden. Erst kommt das Essen und dann kommen die Menschenrechte, möchte man mit Berthold Brecht sagen.
Ich habe in diesem Jahr zwei ganz große Initiativen erlebt, die es schaffen, sie müssten nur Kinder kriegen. Nicht die G20 oder die Vollversammlung der UNO. Ganz abseits der Politik und der Banken wird die Lösung gefunden werden. Erst wenn wir uns darauf einlassen, dass nicht die Gier und der Profitgeist die Welt bestimmen, wird das Hungerproblem gelöst. Das Überleben von allen Menschen, die im Verständnis vom Islam, vom Christentum., vom Judentum, vom Buddhismus alle Kinder Gottes sind.
In Bangladesh hat jemand, der weiter ein einfacher Mensch geblieben ist, eine Initiative gestartet, die schon Millionen von Dorfbewohnern die Kraft gegeben hat sich selbst durch Arbeit und ein gemeinschaftliches Dorfleben aus der Armut befreit hat. Mohammed Yunus trägt weder den Nobelpreis noch den Professorentitel vor sich her, um damit Eindruck zu machen. Er verdient bei seinem Versuch alle Unterstützung. Ich wünschte mir, dass die Bewegung, die den Titel Grameen führt, in einige Staaten Afrikas aufgenommen wird. In Ruanda und Uganda habe ich selbst erlebt, dass das Vorurteilsgeschwätz von den Afrikanern, die nicht vorsorgen können, einfach dummes Geschwätz ist. Jede Dinka Mutter im Süd-Sudan sorgt dafür dass Ihre Kinder nicht bis zum Abend gestorben sind.
In Ägypten habe ich SEKEM erlebt, eine Initiative, die ihre Wurzeln im Islam aber auch in der deutschen Anthroposophie hat: Da ist eine Genossenschaft von erfolgreich arbeitenden Menschen aus den Dörfern rundherum entstanden, die nicht nur ein sicheres Leben führen, sondern die auch noch in eine enthusiastische Produktions- und Lebensgemeinschaft eingebunden sind, in der es keine Polizei und keine Kalaschnikoff geben muss.
Es sind dort Fabriken entstanden auf der Grundlage biologisch-organischer Landwirtschaft mit Kompostherstellung und anderen alternativen Produktionen: Keine Gifte in der Baumwolle, keine Pestizid- Besprühung des Bodens. Und siehe da, die Wüste blüht, wächst und gedeiht.
Die Macht Gier und die Geld Gier sind die Hindernisse dieser Bewegung, die das Problem des Hungers bewältigen. Auch wir tragen als Deutsche dazu bei, dass die Welt in eine falsche Richtung läuft. Auch nach der Meinung der jungen Anne Frank, die uns Deutschen so viel bedeutet. In Ägypten habe ich erlebt, dass Saudi Arabien jede Woche den Extremisten Salafisten eine Mio US-Dollar überweist in der Erwartung, dass die mit den Mitteln nicht den Hunger bekämpfen. Sondern bei Christen Zwangskonversion veranstalten. Und diesem Land Saudi Arabien, das so viel Unfrieden auf der Welt stiftet, verkaufen wir jetzt 270 deutsche Panzer. Man sagt uns die besten Panzer der Welt. Wie sagte Anne Frank wenige Wochen vor ihrem Vergasungsmord: „Warum gibt man jeden Tag Millionen für den Krieg aus und keinen Cent für die Heilkunde, für die Künstler, für die Armen?“ Wenn man das Vermächtnis der Anne Frank ernstnehmen will, und ich glaube, wir Deutschen wollen das, dann müssen wir unser Leben und unsere Politik ändern. Ich selbst, jeder Hörer seine Lebensweise und auch Angela Merkel ihre Politik.
Rupert Neudeck ist Journalist und Vorsitzender des Friedenskorps Grünhelme e.V.
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