9. Oktober 2012, 7:50 Uhr
Der Kommentar
Die niedersächsische Gesundheitsministerin Aygül Özkan (CDU) will die Verschreibung von Antibiotika in der Humanmedizin auf das Nötigste beschränken. Und CDU-Landwirtschaftsminister Gert Lindemann fordert weniger Antibiotika in der Tiermast. Doch sie agieren nur halbherzig – ihren Erklärungen müssen Taten folgen, fordert Ludger Fertmann im Nordwestradio-Kommentar.
Bis zu sechs Mal werden Schweine während ihres kurzen Lebens mit Antibiotika behandelt.
Fangen wir doch einfach mal mit einem Lob an: Sowohl Landwirtschaftsminister Gert Lindemann wie Sozialministerin Aygül Özkan machen mobil gegen den Einsatz von zu viel Antibiotika in Niedersachsen – sowohl im Medizinbetrieb wie in den Tierställen.
Beide Minister stellen dabei – um im Bild zu bleiben – genau die richtige Diagnose: Es muss gelingen, den Einsatz von Antibiotika deutlich zu reduzieren, weil sonst im Falle gefährlicher Erkrankungen die Gefahr rapide wächst, dass die Menschen immun sind durch den häufigen und zu intensiven Gebrauch der Medikamente, durch den Verzehr von Fleisch mit multiresistenten Keimen.
Also: Die Richtung stimmt – aber das war es auch schon. Es ist unglaublich, wie halbherzig die beiden christdemokratischen Minister ausgerechnet im Agrarland Nummer Eins der Bundesrepublik sich auf den Weg machen.
Wir reden, um in der Tiermedizin anzufangen, von über 1.700 Tonnen, die jährlich in Deutschland ans Federvieh, an Kühe und Schweine verfüttert werden. Und natürlich ist der Einsatz der Antibiotika um so massiver – weil ungezielter – je größer die Stallanlagen sind. Das heißt: In Niedersachsen wird besonders häufig gesündigt.
Da reicht es nicht aus, wenn Minister Lindemann nun Daten erheben lässt um anschließend mit den 20 Prozent der Betriebe ins Gespräch zu kommen, die besonders eifrig sündigen. Zumal der Minister auf Strafen und Sanktionen vorerst verzichten will. Mit Verlaub: Das Problem ist riesengroß, die Immunisierung schreitet voran und die Branche wird so weitermachen wie bislang, wenn ihr nicht endlich jemand flächendeckend so auf die Finger haut, das es weh tut.
Und bei näherem Hinsehen hält es Sozialministerin Özkan ganz ähnlich: Problem erkannt, Problembekämpfung aber vornehmlich mit netten Worten, einer Antibiotika-Fibel und einer Informationsoffensive. Mit Verlaub: Papier ist geduldig, die Keime aber sind es nicht. Sie werden immer gefährlicher. Der Tod der Babys auf der Frühchenstation in Bremen ist nur eines von vielen Symptomen dafür, wie krank unser Gesundheitswesen zu werden droht durch die Immunisierung gegen immer mehr Antibiotika.
Es wäre an der Zeit, dass sich die Politik festlegt auf konkrete Ziele, etwa die Halbierung des Antibiotika-Einsatzes in der Landwirtschaft binnen zwei Jahren.
Und auch in der Humanmedizin wird es Zeit, dass den Ärzten auf die Finger geschaut wird, Wer verschreibt, um des lieben Friedens willen, mehr Antibiotika als nötig?
Womit wir, zum guten Schluss wie ich hoffe, bei uns Konsumenten von Medikamenten wären. Nur wenn wir aufhören, Antibiotika als Allheilmittel zu betrachten, werden diese Medikamente bleiben, was sie waren: Zuverlässig wirksam, wenn es wirklich darauf ankommt.
Der Kommentar zum Anhören:
Neuer Umgang mit Antibiotika nötig, [2:44]
Die niedersächsische Gesundheitsministerin Aygül Özkan (CDU) will die Verschreibung von Antibiotika in der Humanmedizin auf das Nötigste beschränken. Am 8. Oktober stellte sie einen Aktionsplan vor, mit dem Ärzte, Apotheker und Patienten besser über die Gefahr von resistenten Bakterien aufgeklärt werden sollen.
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Weniger Antibiotika
Info: Der Kommentar
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