29. Januar 2013, 6:45 Uhr
Der Kommentar
Das Magazin "Stern" veröffentlichte am 23. Januar 2013 ein "Schlaglicht" mit dem Titel "Der spitze Kandidat". Darin wirft die Journalistin Laura Himmelreich dem 67-jährigen FDP-Politiker Rainer Brüderle vor, sich ihr vor gut einem Jahr an einer Hotelbar auf anzügliche Weise genähert zu haben. Brüderle schweigt zu den Vorwürfen. Dazu ein Kommentar von Renée Zucker:
Cora Stephan, Krimiautorin und Mitglied des islamfeindlichen "Achse-des-Guten"-Blogs, hat die Faxen dicke: "Kann man euch etwa nicht mehr allein in die Kneipe gehen lassen? Oder in die Hotelbar?" schnauzt die über sechzigjährige Publizistin in der "Welt" jene jungen Journalistinnen an, die sich jetzt über Brüderles abgestandene Altherrenlust aufregen und den allgemeinen Sexismus in ihrer Welt beklagen.
Für Cora Stephan ist der mittlerweile überall heftig diskutierte Fall nicht ernst, soll heißen: nicht sexistisch genug. Denn Brüderles weinselige Handküsse oder seine tatsächlich eher mitleiderregenden Anzüglichkeiten über die Dirndlfähigkeit des Journalistinnenbusens – diese Deppen-Harmlosigkeiten beraubten ja die Frauen nicht gewalttätig ihrer Freiheit oder körperlichen Unversehrtheit.
Nein, das tun diese Geschmacklosigkeiten nicht. Und mit dem Aussterben der Generation Brüderles werden auch derartige Erbärmlichkeiten aussterben. Man kann es ja noch nicht mal Anmachsprüche nennen, denn welche 30-Jährige würde sich von solcherlei Karnevals-Suff-Gehabe verführen lassen wollen?
Die Taz-Kolumnistin Bettina Gaus dagegen lobt den Mut der jungen Stern-Journalistin und erinnert sich an ein Erlebnis vor 15 Jahren noch in Bonn, als ein Politiker sie auf dem Weg zum Taxistand zu küssen versuchte, sie aber darüber schwieg. Das ist allerdings überraschend: Denn wo, wenn nicht in der Taz hätte dies seinerzeit veröffentlicht werden können?
Über den Mut der Stern-Journalistin, die ihre Erfahrung mit Brüderle veröffentlicht hat, kann man jedoch geteilter Meinung sein – im Gegensatz zu ihrer Kollegin vom Nachrichtenmagazin Spiegel. Die wurde von hirnlosen und tatsächlich, zumindest in der Wortwahl gewalttätig sexistischen Piratenpartei-Mitgliedern regelrecht gemobbt und reagierte sofort mit Veröffentlichung. Die Sternjournalistin ließ sich allerdings ein ganzes Jahr Zeit.
Zur Erklärung heißt es, sie sei auf Brüderle angesetzt worden, um eine längere Geschichte zu schreiben und der Vorfall sei zu Beginn ihrer Recherchen passiert. Bei einer Veröffentlichung wäre damit die Geschichte gestorben.
Was immer man unter "angesetzt sein" verstehen soll: Eine junge und möglicherweise attraktive Frau auf einen älteren und nicht ganz so attraktiven Politiker anzusetzen, kann durchaus zweideutig sein. Vielleicht ist die junge Frau damit auch noch Opfer einer Chefredaktion geworden, die vermeintlich Chauvinismus anprangern lässt, aber doch nur gegen die FDP vorgeht, wie Parteikollegen von Herrn Brüderle behaupten?
Bedauerlich, dass ein so wichtiges Thema ein Geschmäckle ganz anderer Art bekommt... Der eher SPD-freundliche Stern macht mit einem Sexismus-Vorwurf Politik gegen die FDP. Sexismus ist jedoch keine Spezialität der Liberalen.
Wie Cora Stephan richtig schreibt: "Manche Männer kann man nicht belehren. Aber man kann sich gegen sie wehren – am besten nicht erst ein Jahr später, sondern gleich. An einer öffentlichen Hotelbar sollte das nicht schwerfallen."
Der Einzige, der mehr Klarheit in die ganze Aufregung, sei sie berechtigt oder aufgebläht, bringen könnte, ist Brüderle, der Spitzenmann einer Regierungspartei. Der schweigt. Das spricht nicht für ihn.
Kommentar Sexismusvorwürfe Brüderle, [3:04]
Nach den Sexismus-Vorwürfen gegen Rainer Brüderle schauen wir auf ähnliche Fälle in andere Länder, beispielsweise in den USA. Abgesehen von dem inzwischen angeklagten US-General Jeffrey Sinclair geht schon seit längerem kein Skandal durch die amerikanische Presse, bei denen hochrangige Politiker, Richter, Militärs oder Unternehmenschefs der sexuellen Belästigung bezichtigt werden.
Auch die Zahl offizieller Beschwerden innerhalb der zwei Millionen Angestellten zählenden US-Regierung ist in den vergangenen zehn Jahren um ein Viertel auf 12.000 zurückgegangen, wobei der Anteil belästigter Männer gestiegen ist. Unsere USA-Korrespondentin Silke Hasselmann nun ist der Frage nachgegangen, warum sich die Amerikaner lieber als "prüde" abstempeln lassen, denn als "übergriffig am Arbeitsplatz" und wie sich ein Fall wie der von Rainer Brüderle in den USA abspielen würde.
Info: Der Kommentar
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