14. Mai 2013, 6:50 Uhr
Kurz und gut
"Gib dich zufrieden und sei stille in dem Gotte deines Lebens", heißt es in einem Lied von Paul Gerhardt. Paul Gerhardt hat selbst tiefstes Elend erlebt hat. Hier rückt er sein eigenes Leben mit all seiner Plage in ein anderes Licht. Er denkt von der Hoffnung her, dass Gott ihn sieht und für ihn sorgt.
Obwohl er vor 400 Jahren schrieb, ist das alles gar nicht weit weg von uns. Wie können wir mit dem Schweren, das uns in unserem Leben widerfährt, umgehen, mit Enttäuschungen und Fehlern, mit Krankheit und Sterben?
Ich denke an eine Frau, die ich vor einiger Zeit besucht habe. Sie wohnt in einem ziemlich schmuddeligen Wohnblock in unserem Stadtteil. Ihre Wohnung ist blitzsauber, aber nur wenig möbliert. Gerade das, was man so braucht. Sie selbst sitzt in einer Kittelschürze und mit Wollsocken an den Füßen auf ihrem Sofa. Es ist ihr 91.Geburtstag. Wir kennen uns schon. Ich weiß, dass sie aus Kasachstan kommt. Geboren wurde sie an der Wolga. Sie spricht noch den weichen Dialekt der Wolgadeutschen. Diese Menschen wurden unter Stalin kreuz und quer durch die Sowjetunion geschleppt. In Viehwagons gesteckt, in Arbeitslagern ausgebeutet und von ihren Familien getrennt. Sie selbst hat Glück gehabt, meint sie.
"Ich kann mich nicht beklagen", sagt sie. "Ich habe immer genug zu essen gehabt, für mich und für meine Kinder. Ich hatte auch immer Schuhe an den Füßen und der Wolf hat mich auch nicht genommen, obwohl er hätte können." Sie erzählt von eisigen Nächten in tiefen Wäldern, als sie nachts die Pferde bewachen musste und der Wolf um sie herum schlich.
Man hat sie nicht gefragt, ob sie das will und kann. Als ihre Tochter starb und fünf Waisen zurückließ, da nahm sie die Enkelkinder auch noch zu sich. Sie hat alle satt machen können. Darauf ist sie schon ein bisschen stolz. Heute lebt ihre Familie verstreut über die Staaten Osteuropas, einige der Kinder leben in Deutschland. So kam sie hochbetagt nach Bremen. Sie lebt mit einem Sohn in der kleinen zwei Zimmer-Wohnung. Viele würden sich beklagen. Sie nicht.
Wie ginge es mir solch einer Lebensgeschichte? Könnte ich leben wie sie und dabei so zufrieden sein? Ich wage nicht, darauf zu antworten. Ich weiß es nicht. Solche Besuche machen mich nachdenklich. Ich gehe beschenkt nachhause. Auch wenn wir nicht über Gott gesprochen haben, war er doch da. Ich bin ihm begegnet in der großen Kraft und Geduld dieser Frau.
Autorin: Inge Kuschnerus, Pastorin
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Info: Kurz und gut
![Altar in der Ostkrypta im Bremer Dom [Quelle: Radio Bremen, André Gensler] Altar in der Ostkrypta im Bremer Dom [Quelle: Radio Bremen, André Gensler]](/nordwestradio/serien/kurz_und_gut/info218_v-mediateaser.jpg)
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