18. Mai 2013, 6:50 Uhr
Kurz und gut
"Alles hat seine Zeit. Pflanzen hat seine Zeit und ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit." So schreibt der Prediger Salomo.
Genau, denke ich, und mache mich an die Arbeit. Den Hopfen in unserem Vorgarten habe ich zwar nicht gepflanzt, der war einfach irgendwann da. Aber jetzt ist es Zeit, ihn auszureißen. Im Herbst sieht er zwar hübsch aus, aber inzwischen überwuchert er alles. Überall sprießt er. So kann das nicht weitergehen.
Zuerst geht es ganz einfach. Dann aber wird mir klar, mit wem ich es zu tun habe. Kreuz und quer laufen die Wurzeln durch die Erde, meterlang und stellenweise so dick wie mein Unterarm. Am Ende sieht unser Vorgarten aus wie schlecht gepflügt. Ein ungleicher Kampf, denn die dicksten Wurzeln laufen unter unsere Garage. Da ist nichts zu machen.
Während ich grabe und zerre, staune ich über diese ausgesprochen vitale Pflanze. Sie will leben! Ich denke an Albert Schweitzer. Ich erlebe wohl gerade das, was er "Ehrfurcht vor dem Leben" nennt. Wer über das Leben staunen kann, der wird berührt von seinem Geheimnis, den lässt es nicht mehr los.
Ich erinnere mich an andere Momente, in denen ich solche Ehrfurcht empfunden habe: nach den Geburten meiner Kinder war ich überwältigt von der Kraft, mit der das Neugeborene an der Brust saugt, wenige Minuten nach der Geburt. Ein kleines und zugleich so großes Leben.
Eine wieder andere Erfahrung von Leben ist der Gesang der Nachtigall vor unserem Fenster. Mitten in der Nacht erhebt sie ganz allein ihre Stimme. Die ist von so eigentümlicher Schönheit, dass ich hingerissen lausche wie in einem Konzert. So verschieden diese Momente sind, sie alle zeigen mir die Wunder des Lebendigen, das mich umgibt.
Ehrfurcht vor dem Leben ist eine Erfahrung. Darum kann sie uns helfen zu erkennen, was gut ist und was böse, meint Albert Schweitzer. Gut ist, was dem Leben dient. Das ist keine Theorie, sondern etwas, was du erleben kannst. Je mehr wir davon erleben, umso tiefer werden unser Staunen und unsere Ehrfurcht.
Was meinen Hopfen angeht, wird es wohl auf eine "friedliche Koexistenz" hinauslaufen. Ich bin jedenfalls dankbar für die Zeit im Garten und alles was ich dabei erlebe. Ich bin dankbar für das zarte junge Grün, für den Löwenzahn in meinem Rasen und – zum Kuckuck noch mal – auch für meinen Hopfen.
Autorin: Inge Kuschnerus, Pastorin
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Info: Kurz und gut
![Altar in der Ostkrypta im Bremer Dom [Quelle: Radio Bremen, André Gensler] Altar in der Ostkrypta im Bremer Dom [Quelle: Radio Bremen, André Gensler]](/nordwestradio/serien/kurz_und_gut/info218_v-mediateaser.jpg)
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