28. Mai 2013, 6:50 Uhr
Kurz und gut
Das Mädchen steht vor dem Spiegel. Sie sieht sich an und sie kann sich nicht erkennen. Sie sieht sich an und sie kann sich nicht leiden. Nichts an ihr ist richtig. Nichts an ihr ist so, wie es sein soll.
Ihre Freunde sagen, sie solle nicht noch mehr abnehmen. Ihre Eltern sagen, sie machen sich Sorgen. Der Arzt sagt, sie habe Bulimie.
Der Weg zum Klo ist ihr vertraut, so oft wird sie hier ihr Essen wieder los. Sie kann es nicht bei sich behalten, sie darf es nicht.
Loswerden will sie die Angst – was sehen andere, wenn sie sie anschauen? Was denken sie über sie?
Ihre Freunde sagen, sie sei hübsch. Ihre Eltern sagen, sie habe eine schöne Figur. Der Arzt sagt, sie solle etwas zunehmen, das sei besser für sie.
Das Essen wird sie los, die Angst bleibt bei ihr. Dann kniet sie dort, auf den weißen Fliesen und betet mit alten Worten. Unser tägliches Brot gib uns heute, unser tägliches Brot gib uns heute, unser tägliches Brot gib uns heute.
Da ist nichts in ihr und sie kann sich nicht finden. Das tägliche Brot – sie spuckt es aus. Könnte sie es nur bei sich behalten, vielleicht könnte sie sich dann auch finden.
Ihren Freunden zeigt sie ihre Angst nicht. Ihre Eltern wissen nichts von dem Gefühl, eine leere Hülle zu sein. Der Arzt weiß, dass sie sich erbricht, aber er weiß nichts von ihrer Sehnsucht.
Das Mädchen steht vor dem Spiegel. Auf ihren Lippen liegt diese eine Bitte. Unser tägliches Brot gib uns heute... Gib mir etwas, das mich satt macht – das meine Sehnsucht stillt.
Das Vaterunser – die alten Worte dieses Gebetes liegen vielen Menschen an jedem Tag auf den Lippen. Tag für Tag die alten Worte. Tag für Tag die Hoffnung, das Leben geschenkt zu bekommen.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Autorin: Ragna Miller, Pastorin
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Info: Kurz und gut
![Altar in der Ostkrypta im Bremer Dom [Quelle: Radio Bremen, André Gensler] Altar in der Ostkrypta im Bremer Dom [Quelle: Radio Bremen, André Gensler]](/nordwestradio/serien/kurz_und_gut/info218_v-mediateaser.jpg)
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