19. Februar 2013, 6:20 Uhr
Schauplatz Nordwest
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Deutschland durch die Alliierten bekanntermaßen in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Was aber weithin nicht bekannt ist: Ein Teil der britischen Besatzungszone wurde zwischen 1945 und 1948 unter polnische Oberhoheit gestellt. Diese sogenannte fünfte Besatzungszone betraf Teile des Emslands sowie Gegenden um Leer und Oldenburg.
Polnische Truppen marschieren durch Haren.
Hierhin hatten die Deutschen seit 1939 besonders viele polnische Zwangsarbeiter verschleppt – unter anderem um in den Mooren Torf zu stechen. Nach dem Krieg fanden die polnischen Zwangsarbeiter in der Besatzungszone eine vorübergehende Heimat. Viele von ihnen lebten in der Stadt Haren, etwa 20 Kilometer nördlich von Meppen. Die deutsche Bevölkerung musste innerhalb weniger Tage ihre Häuser räumen.
Auch Familie Menke musste im Mai 1945 binnen zweier Tage das Haus in der Harener Innenstadt verlassen. Mitnehmen durften sie nur das Nötigste, erinnert sich Wilhelm Menke. Was für seine Mutter ein Alptraum war, war für den damals Siebenjährigen wie ein großes Abenteuer, sagt er.
In das Haus zogen ehemalige polnische Zwangsarbeiter ein. Etwa 30.000 dieser sogenannten "Displaced Persons" gab es damals im Emsland, hinzu kamen 18.000 polnische Soldaten, die mit den Briten einmarschiert waren.
Bei einer Tante in Althaaren kam die Familie unter. Deren Mann war im Krieg gefallen – so hatte sie genügend Platz für die Verwandten. Wer keine Angehörigen außerhalb der Stadt hatte, kam in Notunterkünften unter. Oft lebten 40 oder 50 Leute auf einem Bauernhof, erzählt Ulrich Schepers vom Harener Heimatverein. Das sei nicht unproblematisch gewesen: Es habe Typhusfälle gegeben und die Kranken hätten nicht behandelt werden können, erinnert er sich. Denn auch das Harener Krankenhaus musste geräumt werden.
Der Schulunterricht war nur in Notunterkünften möglich, erzählt Zeitzeuge Wilhelm Menke. Es habe eine Behelfsschule gegeben. Zum Heizen brachten die Kinder morgens ein Stück Torf mit. Wer ohne Torf kam, sei vom Lehrer schief angesehen worden, so Menke.
Haren erhielt damals den offiziellen polnischen Namen "Maczkow". Doch auch für die polnische Bevölkerung war es nicht leicht. Nach Jahren der Zwangsarbeit hatten sie zwar endlich wieder ein Dach über dem Kopf, doch ihre Zukunft war ungewiss, sagt Ulrich Schepers vom Heimatverein.
In der polnischen Enklave blühte dennoch das Leben auf. Ehen wurden geschlossen und Kinder geboren. Berühmte Künstler traten in Haren auf. Während einer solchen Kulturveranstaltung schlich sich Wilhelm Menke in sein nun von Polen bewohntes Elternhaus. Seine Mutter hatte beim Auszug heimlich einen Zweitschlüssel mitgenommen, erzählt er. Als er sicher war, dass niemand zu Hause war, habe er Einmachgläser aus dem Keller geholt. Die Gläser brauchten seine Familie fürs Schlachten.
Bereits 1947 konnten Wilhelm Menke und seine Familie dann als eine der ersten wieder nach Haren zurückkehren. Ein Jahr später wurde die polnische Besatzungszone auf Druck der Sowjetunion schließlich wieder aufgelöst. Die meisten Polen wanderten nach Kanada oder ins westeuropäische Ausland aus. Nur wenige blieben im Emsland.
Die polnische Besatzungszone im Emsland , [3:41]
Ein Beitrag von Jessica Holzhausen
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