29. Januar 2013, 8:15 Uhr
Schauplatz Nordwest
Wer im Landkreis Aurich über die Feldwege von Arle nach Dornum fährt, der kommt an einem mannshohen Findling vorbei. "Nooit" steht darauf. Das ist Plattdeutsch und heißt "niemals". Niemals soll hier Müll abgeladen werden, ist die Aussage. Denn vor etwa 40 Jahren wollte der Landkreis Norden im sogenannten "Arler Hammrich" die größte Mülldeponie Ostfrieslands bauen.
Der Nooit-Stein im Landkreis Aurich erinnert an erfolgreichen Bürgerprotest.
Entlang der holprigen, schmalen Straße, wo es nur Felder und Natur gibt, planten die damals Verantwortlichen 1974 das Mammut-Projekt. "22 Hektar Land hatte der Landkreis dafür gekauft", erinnert sich Anwohner Hinrich Gast. "Es gab sogar die Option, noch mehr Land zu kaufen. Und die Bürger, die wussten von nichts", empört sich Gast noch heute. Später hieß es, man habe Bodenspekulationen vermeiden wollen. "Doch geglaubt hat die Bevölkerung das nie", so Gast.
Irgendwie haben die Bürger aus Arle und Dornum trotz größter Geheimhaltung Wind von der Sache bekommen. Der Landkreis sah sich schließlich gezwungen, die Menschen an der Grenze zwischen Norder- und Harlingerland über seine Pläne zu informieren. Denn inzwischen formierte sich Protest. Auch der heute 73-jährige Hinrich Gast machte mit. Er erinnert sich noch genau an die öffentliche Diskussionsveranstaltung, zu der der damalige Landrat einlud, so Gast.
"Ich habe noch nie eine Veranstaltung miterlebt, die so chaotisch war", sagt er lachend. "Da gab es dann Pfiffe und "Pfui"-Rufe – da war richtig Stimmung!" Die Veranstaltung musste schließlich abgebrochen werden. Argumente konnten dort nicht ausgetauscht werden. Dennoch hielt der Landkreis an seinen Plänen fest, obwohl sogar der zuständige Gemeinderat nicht mehr voll hinter dem Projekt stand.
Die Bürger legten Beschwerde ein. In zweiter Instanz entschied das Oberverwaltungsgericht Lüneburg, dass es Verfahrensfehler gegeben habe und der Fall neu aufgerollt werden solle. Drei Jahre waren inzwischen vergangen. "Und der neue Landrat damals, das war Hinni Swieter, sagte sinngemäß 'Ich hab jetzt die Schnauze voll von der Mülldeponie in Arle, damit ist jetzt Schluss' ", weiß Hinrich Gast auch fast 40 Jahre später noch.
Den echten Schlusspunkt des Vorhabens setzten dann die Arler und Dornumer Bürger selbst. Am Wegesrand mitten im Arler Hammrich stellten sie den Findling mit dem plattdeutsche Wort "Nooit" – "Niemals" – auf. Als das Müll-Mahnmal errichtet wurde, pilgerten viele Dorfbewohner an den denkwürdigen Ort, erinnert sich die damal 18-jährige Thea Krey: "Sie alle folgten einer Blaskapelle – auch meine Eltern – und ich sollte eigentlich in der Zeit auf das Essen aufpassen. Sie haben gesagt, pünktlich zum Mittagessen wären sie wieder da". Das passierte nicht. Deutlich später kamen die "Pilgerer" sturzbetrunken nach Hause. Ein neuer Brauch war geboren.
Bis heute pilgern einmal im Jahr, immer am Himmelfahrtstag, hunderte Anwohner an diesen Ort. Dann muss Thea Krey immer daran denken, wie sie damals aufs Essen aufpassen musste. Denn inzwischen gehen auch ihre Kinder dorthin. Und die kommen auch alle sturzbetrunken von der Veranstaltung zurück: "Selbst mein Mann auch", sagt Krey wenig begeistert.
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