7. August 2012, 8:10 Uhr
Schauplatz Nordwest
In Diskussionen rund um Religion und Kirche heißt es immer wieder: "Der Glaube ist reine Privatsache". Jeder Mensch darf heutzutage selbst bestimmen, welche Religion einen Platz in seinem Leben einnimmt. Das war nicht immer so. Noch vor einigen hundert Jahren gab es kein Recht, seinen Glauben frei zu wählen. Der Landesherr bestimmte, an wen oder was das Volk zu glauben hatte.
Davon ausgenommen war damals allerdings ein kleiner Fleck in Friesland: In Neustadtgödens herrschte größtenteils Religionsfreiheit:
Reportage:
Fünf Religionen im friesischen Neustadtgödens, [3:33]
Ein Beitrag der Reihe "Schauplatz Nordwest"
Neustadtgödens ist ein schmucker Ort. Die Kirchstraße führt direkt durch den Ort. Mitten auf der Straße steht der Kirchturm der evangelisch-lutherischen Kirche. Der Backsteinbau war das erste Gotteshaus, das in Neustadtgödens errichtet werden durfte. Allerdings erst im Jahr 1695. Denn die Lutheraner bekamen zwar als erstes eine Kirche, waren aber nicht die erste Religionsgemeinschaft, die sich in dem friesischen Ort ansiedelte, sagt Historiker Stefan Horschitz: "Man brauchte damals viele Deicharbeiter und die kamen aus Holland. In dieser Zeit war das Täufertum dort sehr verbreitet – Neustadtgödens wurde also von Täufern gegründet", so Horschitz.
In Europa galt das Prinzip, dass die Herrschenden den Glauben ihrer Untertanen bestimmten. Religionsfreiheit, wie sie heute anerkannt und auch gesetzlich geregelt ist, existierte nicht. Anders in Neustadtgödens: Hier gab es sogenannte Herrlichkeiten, also Landesteile, die sich unabhängig zur Grafschaft Ostfriesland entwickelten. Sie hatten auch ein eigenes Kirchenwesen.
Der Herrlichkeitsbesitzer – damals noch Häuptling genannt – durfte sich eine Religion aussuchen. Zwar einigte man sich, dass man größtenteils der Reformation folgte. Aber man durfte sich überlegen, ob man reformiert oder lutherisch sein wollte.
Anfang des 16. Jahrhunderts schloss sich der damalige Häuptling von Gödens der reformierten Lehre Calvins an und zwang alle Bewohner seiner Herrlichkeit, den reformierten Glauben anzunehmen. Das änderte sich mit der Herrscherfamilie Oldersum. Die Oldersums machten Neustadtgödens zu einem toleranten Ort. "Sie waren Freigeister und leisteten sich den Luxus, mit Mennoniten in ihrem eigenen Haus zu diskutieren", sagt Stefan Horschitz. Die drei Töchter der Oldersums waren alle mit Mennoniten verheiratet. "Das war vielleicht ausschlaggebend dafür, dass hier die Täufer anders gesehen wurden, als im Rest des Deutschen Reichs", meint er.
Ende des 17. Jahrhunderts stellten Täufer und Reformierte bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Neustadtgödens.
Der Bau des evangelisch-lutherischen Gotteshauses war ein weiteres Zugeständnis an diese wachsende Religionsgruppe. Ohnehin fühlten sich die neuen Häuptlinge nicht mehr dem reformierten Glauben verbunden, denn mitten im Dreißigjährigen Krieg heiratete der reformierte Häuptling plötzlich eine katholische Frau und hatte acht Kinder mit ihr. "Das stellte die Verhältnisse auf den Kopf", sagt der Historiker.
Die Häuptlingsfamilie Frydag wollte den katholischen Glauben weiter verbreiten, stieß aber auf Gegenwehr der übrigen Religionsgruppierungen. Sie musste letztlich nicht nur den Lutheranern Zugeständnisse machen, sondern auch den stark vertretenen Calvinisten. Die Frydags ließen 1714 eine reformierte Kirche in Neustadtgödens bauen und begannen danach mit dem Bau des ersten katholischen Gotteshaus in Ostfriesland nach der Reformation – ohne Tumulte in dem Ort auszulösen. Nun bekamen auch die Mennoniten ihre Kirche, obwohl sie schon vorher Bethäuser hatten.
Die Toleranz der katholischen Herrscherfamilie war allerdings nicht ganz uneigennützig: Juden zum Beispiel mussten Abgaben zahlen, um im Herrschaftsbereich wohnen zu dürfen. Um 1850 waren in Neustadtgödens rund 25 Prozent der Menschen jüdischen Glaubens. Einzigartig für eine norddeutsche Gemeinde, urteilt Stefan Horschitz.
Heute werden nicht mehr alle Sakralbauten als Gotteshäuser genutzt, können auf der Suche nach Spuren der Vergangenheit aber noch wiederentdeckt werden. Die Syngagoge beispielsweise ist ein Privathaus, ebenso die reformierte Kirche. In der Mennonitenkirche befindet sich jetzt ein Café. Die Backsteinbauten der katholischen und evangelisch-lutherischen Kirche fallen Besuchern sofort auf. Die anderen Bethäuser entdeckt man besonders gut, wenn man auf den Turm der evangelischen Kirche steigt. Vielleicht verspürt der ein oder andere dann den Wind einer Religionstoleranz um seine Nase, die selbst heutzutage nicht überall selbstverständlich ist.
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