18. Januar 2013, 8:46 Uhr
Schauplatz Nordwest
Der Dichter Johannes Schenk hat seinem Heimatort Worpswede ein selbstgebautes Rettungsboot hinterlassen, von dem aus er regelmäßig Lesungen hielt. An dem Boot haben Wind und Wetter genagt, so dass es mittlerweile in einem unansehnlichen Zustand ist. Sven Weingärtner wollte wissen, warum das Boot, das eigentlich an den Künstler erinnern sollte, so verfallen konnte.
Sehnsucht und Seefahrt waren die Themen, die Johannes Schenk immer wieder aufgriff. Er war selbst zur See gefahren und ist selbst einmal mit einem umgebauten Rettungsboot sogar bis Casablanca gekommen. Abwechselnd lebte er in Berlin und in Worpswede. In dem Künstlerdorf hielt er sonntags regelmäßig Lesungen – aus seinem selbst gebauten Rettungsboot.
Einer, der sich gerne an die Lesungen erinnert, ist Narciss Göbbel vom Verein "Freunde Worpswedes". "Da waren zehn bis 20 Leute, und plötzlich stieg er aus seinem Boot aus, kam hoch, mit seinem Hut, hatte seinen Zettel dabei und rezitierte für eine halbe Stunde seine Gedichte", erzählt Göbbel. Nach der Lesung habe er sich verbeugt und um eine kleine Aufmerksamkeit gebeten. Jeder habe dann zwei oder drei Euro oben auf das Boot gelegt. "Dann verschwand er wieder in seiner Luke und damit war die Lesung von Johannes Schenk beendet", so Göbbel.
Narciss Göbbel haben die Auftritte von Johannes Schenk so beeindruckt, dass ihm klar war, dass zumindest das Boot erhalten werden muss. Nach dem Tod des Künstlers schenkte dessen Lebensgefährtin, die Malerin Natascha Ungeheuer, das Rettungsboot der Gemeinde Worpswede. In der Schenkungsurkunde steht, dass die Gemeinde, "diese wundersame Skulptur aus Realitäts- und Traumtüchtigkeit einer interessierten Öffentlichkeit in einem angemessenem Zustand auf Dauer an dem jetzigen Standort zugänglich erhält".
Bloß was tun mit dem Boot? Aus Angst, dass es Vandalen zum Opfer fällt, ließ der Bürgermeister es in die Mitte des Ortes bringen, direkt hinter die Touristen-Information. Das gefiel nicht jedem. Es entbrannten Debatten, welcher der vielen Künstler eigentlich an welcher Stelle des Künstlerdorfes geehrt gehöre. "Man möchte etwas Gutes und Witziges und Richtiges unterstützen und dann ist man Gegenstand einer unsäglichen Diskussion und einem wird vorgeworfen, dass man sich nicht kümmert", sagt Bürgermeister Stefan Schwenke.
Zuletzt habe er sich tatsächlich nicht mehr so sehr um das Boot gekümmert, räumt der Bürgermeister ein. Aber das wollte schließlich auch der Freundeskreis Worpswede übernehmen. So richtig vorangegangen ist das aber auch nicht, sagt Narciss Göbbel. "Seit dieser Zeit ist es für uns oder für mich schwierig gewesen, eine Art Unterstützung zu bekommen, die am Ort das Boot erst einmal einkleidet, dass man eine Art Baustelle macht, dass man am Boot arbeiten kann", so Göbbel. Seine Idee: Wenn das Boot erst einmal saniert ist, kann man es auch wieder klassisch-literarisch nutzen.
Vielleicht können später wieder Lesungen von dem Boot aus gehalten werden. Im Moment ist das sehr fraglich. Bürgermeister Stefan Schwenke hofft, dass sich in diesem Jahr endlich etwas tut. "Wenn ich dabei behilflich sein kann, noch einmal Unterstützer zu finden oder möglicherweise Geld zu sammeln – außer von der Gemeinde – dann bin ich gern bereit und mache das mit", so Schwenke. Farbe habe er noch, sagt der Bürgermeister, und er würde selbst den Pinsel in die Hand nehmen. Allerdings fehlen rund 40.000 Euro, um überhaupt eine Baustelle einzurichten und den weiteren Verfall aufzuhalten. Und so wird das Rettungsboot erst mal weiter vor sich hingammeln.
Das Rettungsboot von Johannes Schenk, [3:15]
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