22. Januar 2013, 8:42 Uhr
Schauplatz Nordwest
Bevor die erste vollautomatische Waschmaschine auf den Markt kam, war Wäschewaschen eine kraft- und zeitaufwändige Arbeit. Dazu trafen sich Frauen an bestimmten Waschplätzen, die es in jedem Ort gab. In Buxtehude erinnert daran eine kleine Treppe, doch kaum einer weiß davon.
Heute ist die Treppe, die zum Fleth hinunter führt, unscheinbar
Am kleinen Fleth in der Buxtehuder Innenstadt ist viel los. Autos rollen über das Kopfsteinpflaster, Fußgänger laufen zielstrebig über die kleine Brücke. Andere schlendern gemütlich am Ufer entlang. Im 13. Jahrhundert war hier der Hafen der alten Hansestadt.
Am Westfleth ist noch heute eine kleine Treppe zu erkennen, die hinab zum Wasser führt. Kaum einer beachtet sie. Dabei hatten die Stufen eine ganz besondere Bedeutung: Über sie gelangten Frauen ans Wasser, um dort Wäsche zu waschen. "Es fing damit an, dass die Wäsche zuhause mit Lauge übergossen wurde", erzählt die Geografin Angelika Halama. Die Lauge sei aus Holzasche hergestellt worden. Die Frauen schrubbten die Wäsche, um Flecken zu entfernen und trugen dann die notdürftig ausgedrückte Wäsche zum Fleth, wo man sie spülen konnte. "Dafür brauchte man viel Wasser und da früher die Wasserleitungen noch nicht in jedem Haushalt waren, war es einfacher die Wäsche zum Wasser zu transportieren als das Wasser zur Wäsche", sagt Angelika Halama.
Dass am Fleth in Buxtehude tatsächlich Wäsche gewaschen wurde, beweist ein Bild im Rathaus aus dem Jahr 1914. Auf dem Gemälde führt eine zweiläufige Treppe hinunter zum Wasser. Im Hintergrund sind die Fachwerkhäuser zu sehen, die noch heute bestehen. Und man sieht eine Frau, die auf dem Kopf einen Korb mit Wäsche transportiert. Das Bild ist eines von wenigen Zeugnissen, das Informationen zum Wäschewaschen vor mehr als hundert Jahren liefert. Es sei schwierig, alte Dokumente aufzustöbern, sagt Angelika Halama. Das Waschen war vermutlich so alltäglich, dass man dachte, das muss man nicht aufschreiben.
Die Wassertreppe am Fleth war nicht nur Arbeitsort. Sie hatte auch noch eine ganz andere Funktion. "Um eine anstrengende Tätigkeit reizvoller zu machen erzählt man sich etwas", erzählt Halama. Man habe die anderen Frauen beobachtet und geschaut, welche Wäsche mitgebracht wurde und wie sie bearbeitet wurde. "Es war der Stammtisch unserer Urgroßmütter", so die Geografin. "Das, was Männer am Stammtisch an Informationen austauschten, tauschten unsere Urgroßmütter am Waschplatz aus". So entstanden auch Redensarten von den "geschwätzigen Waschweibern" oder vom "Klatschweib", das vermutlich vom Schlag- oder eben Klatschholz, mit dem die Wäsche bearbeitet wurde, stammt. Angelika Halama kennt noch mehr sprachliche Überbleibsel: "Wir reden von Geschwätz als von Gewäsch".
Bis Anfang des 20. Jahrhunderts kamen die Buxtehuder Frauen zum Waschen an die Wassertreppe. Nach dem großen Stadtbrand von 1911 hat sich das allmählich geändert. Ein Großteil der Stadt wurde dabei zerstört, weil das Wasser nicht zur rechten Zeit am rechten Ort war. Das hat zu einem Umdenken geführt. Wasserleitungen wurden beim Wiederaufbau in die Häuser gelegt. Das Wäschewaschen wurde immer mehr zur privaten Angelegenheit. Die ursprünglichen jahrhundertealten Wassertreppen sind heute nicht mehr erhalten. Die heutigen Stufen wurden bei Restaurierungsmaßnahmen in den Sechziger und Siebziger Jahren etwa an der Stelle der früheren Treppen eingebaut.
Die Waschtreppe in Buxtehude, [3:58]
Eine Reportage von Judith Dietl
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