24. November 2012, 11:00 Uhr
Herbstgäste
Wer fernsieht und ins Kino geht, kennt seine breitschultrige Gestalt, die norddeutschen blauen Augen und blonden Haare, das flächige Gesicht: Devid Striesow, der Vielbeschäftigte auf Leinwand und Bildschirm.
Devid Striesow
Im Fernsehen sorgte er zuletzt im Oktober als Soldat im Afghanistan-Film "Auslandseinsatz" für Aufmerksamkeit, und am 21. November spielt er im ARD-Film "Blaubeerblau" einen Architekten, der nach einer Begegnung im Hospiz sein ganzes Leben umkrempelt.
Spießer, SS-Mann, Schwuler oder Stasi-Spitzel
Striesow verkörpert sie alle mit traumwandlerischer Sicherheit: den sexwütigen Spießer, den soften Heilpraktiker, der sich einem Ex-Knacki mit Muckis und klaren Absichten stellen muss, den SS-Wachmann, Nazi-Lehrer oder Hochstapler, den Schwulen in Tom Tykwers Komödie "Drei" oder den Matratzenverkäufer mit Riesenbrille, der bei den Ostdeutschen scheitert. Und natürlich Jan Martensen, der als Kriminal-Assistent eher liebevoll die Pirouetten der ZDF-Kommissarin Bella Block alias Hannelore Hoger ertragen hat.
Der Neue beim ARD-Tatort aus Saarbrücken
Demnächst wird Striesow aufsteigen und als Kommissar Jens Stellbrink beim ARD-Tatort rund um Saarbrücken ermitteln, mit pinkfarbenen Socken, Friesennerz und unterwegs auf der Vespa. So präsent der Enddreißiger im Fernsehen ist, so wenig begegnet man ihm in Talkshows, obwohl er schlagfertig plaudert und witziger ist als die meisten seiner Figuren. Aber vermutlich hat er einfach keine Zeit, denn in den letzten zehn Jahren hat dieser besessene Künstler soviel gedreht wie kaum ein anderer.
Doppel-Auftritt bei der Berlinale
Er brachte es auf 23 Drehs in zwei Jahren, auf vier Filme gleichzeitig und einen Doppel-Auftritt bei der Berlinale 2007: als gewissenloser Broker, der sich in Yella (Nina Hoss) verliebt und als SS-Mann im Oscar-prämierten Nazi-Film "Die Fälscher". Striesow ist einer, der sich wenig Zeit lässt, sich schnell langweilt und immer das Neue sucht. Oft endeten seine Drehtage noch mit einem Auftritt auf der Bühne, denn Theater spielt er auch – und damit fing seine Karriere auch an.
Video: Herbstgast Devid Striesow
Einstellungen, Infos und Kommentare
Schauspielschule statt Goldschmiede
Striesow wächst auf in Rostock, Vater Elektriker, Mutter Krankenschwester, die sein musikalisches Talent fördert. Chor und Geige gehören zu Devids Kinderprogramm. Als die Mauer fällt, ist er 16 Jahre alt. Die Goldschmiede, in der er eine Lehre anfangen will, überlebt die Wende nicht, und so macht er erst einmal Abitur und bewirbt sich dann – ermutigt von Freunden, die ihn als kreativen Klassenclown kennen – bei der Schauspielschule "Ernst Busch" in Berlin, wo er bald in einem Jahrgang mit Nina Hoss sitzt.
Unterwegs im Wohnmobil
Zum Abschied prophezeit ihm sein Direktor eine Zukunft eher in Bauern-Tölpel-Rollen denn als Hamlet, aber zwei Jahre später steht Striesow als eben dieser Shakespear’sche Dänen-Prinz in Düsseldorf auf der Bühne. "Zart wie die frühe Liebe, grob wie die Axt im Walde", so beschreibt ihn später sein Kollege Ulrich Mühe in einer Laudatio, und das trifft den Kern: die intuitive Wandelbarkeit des Schauspielers, mit der er die vielen Striesows, die in ihm stecken, auslebt, sagt er.
Eines dieser Ichs hockt gern zu Haus in Berlin-Pankow, bei seiner Frau, den Kindern und der englischen Bulldogge Buddy oder ist unterwegs im komplett eingerichteten Wohnmobil, in dem Striesow Richtung Meer oder über Land tourt – oder sich zum nächsten Dreh aufmacht.
Spielt mit sparsamer Mimik
Dieser Schauspieler kann Nebenrollen verzaubern, er ist weniger der Mann fürs Besondere als vielmehr einer, der im Alltäglichen das Changierende, Geheimnisvolle bloßlegt – und das mit sparsamster Mimik, ohne die Augenbraue zu rühren. Sein oft irritierend starres Gesicht wird zur Projektionsfläche für die Neugier, die Ängste und alle Gefühle der Zuschauer. Eine trügerische Ruhe, denn hinter der ruhigen Fassade lauert immer die Möglichkeit, dass alles auch ganz anders sein könnte.
Moderation: Katrin Krämer
Ein Vorbericht zum Anhören:
Herbstgast 2012 Devid Striesow, [3:22]
Das ganze Gespräch zum Anhören:
Devid Striesow, [48:18]
Ein Nachbericht zum Anhören:
Herbstgast Devid Striesow, [3:24]
Zur Übersicht: Herbstgäste 2012
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Veranstaltungszeit/Sendezeit
Veranstaltungszeit:
Sa., 11 – 13 Uhr
Sendezeit:
11:05 – 12 Uhr
Wiederholung:
Di., 15:05 – 16 Uhr
Info: Horst-Janssen-Museum
![Das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg [Quelle: Radio Bremen] Das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg [Quelle: Radio Bremen]](/kultur/nachrichten/janssenmuseumoldenburg100_v-mediateaser.jpg)
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