20. August 2011, 11:00 Uhr
Sommergäste
Als Kind wäre er gern Leuchtturmwärter geworden, ein einsamer Job mit Zeit zum Schauen und Beobachten: Matthias Brandt, der Darsteller schräger, zerrupfter Gestalten, der Meister des Minimalismus. Nun verfolgt er Mörder in Serie, löst am 21. August als neuer Kommissar Hanns von Meuffels seinen ersten Fall im ARD-Sonntags-Krimi "Polizeiruf 110", für Brandt die erste Serienfigur. Von Meuffels ist kein Action-Typ, aber auch kein Sensibelchen, sondern ein wertkonservativer Ermittler mit guten Sitten, der sich von seiner adligen Familie losgesagt hat. Gleich beim ersten Fall muss er gegen einen Kollegen ermitteln, was die Sympathiewerte des Neulings aus dem Norden im Münchner Polizeirevier nicht gerade hebt.
Matthias Brandt mit seinem psychologisch austarierten Spiel gilt als Idealbesetzung für zwiespältige Figuren. Er beherrscht das Schweigen und die Sparsamkeit der Bewegung und verschwindet oft so weit hinter seinen Figuren, dass die Leute ihn im Alltag auf der Straße wohl erkennen, aber nicht immer gleich wissen, wer er ist.
Video: Sommergast Matthias Brandt
Einstellungen, Infos und Kommentare
Der jüngste der drei Söhne Willy Brandts stand seinem charismatischen Vater, Ex-Kanzler und Nobelpreisträger nie sehr nah: Matthias war das versonnene Kind, der Jugendliche, der sich keinen Deut für Politik interessierte, der Abiturient, den es zur Kunst zog. Eine Zeitlang hat er darüber nachgedacht, den berühmten Namen abzulegen, hat es aber nicht getan, aus Respekt vor dem Vater, der im Widerstand gegen Hitler den Namen "Brandt" als Pseudonym trug.
Matthias lebt nach der Trennung der Eltern bei seiner Mutter Rut, mit ihr kann er viel lachen, und er bewundert sie wegen ihrer Weltläufigkeit und Unspießigkeit. Er übt heimlich für die Aufnahmeprüfung bei der Schauspielschule in Hannover, wird aufgenommen und bekommt sein erstes Engagement am Oldenburger Schauspielhaus: Neun Rollen in einem Jahr, viel lernen und nicht gleich von den großen Feuilletons verrissen werden – eine schöne Erinnerung für Brandt, der seitdem treuer Fan von Werder Bremen ist. Bald nach dem Start im Nordwesten steht er in Wiesbaden, Bonn, Mannheim, Zürich und Frankfurt auf der Bühne.
Den Durchbruch beim Fernsehen erlebt Matthias Brandt 2003 mit einer Rolle, die ihn in die eigene Familiengeschichte katapultiert: Als DDR-Spion Günter Guillaume, der als Kanzlerberater 1974 den Rücktritt Willy Brandts und die größte Spionage-Affäre der Bundesrepublik auslöste. Im TV-Drama "Im Schatten der Macht" übernimmt der Kanzlersohn die Rolle des Spions - aus Interesse an dessen gespaltenem Charakter, sagt er. Nun beginnt eine steile TV-Karriere, Brandt überzeugt als Briefträger, Lehrer und Tankstelleninhaber, als DDR-Mitläufer, Feuerteufel oder psychotischer Killer. Für das Sozialdrama "In Sachen Kaminski", in dem er als leicht behinderter Familienvater um seine Tochter kämpft, erhält er 2006 den Bayerischen Fernsehpreis, es folgen zwei Grimme-Preise und zahlreiche weitere Auszeichnungen.
Der Schauspieler mit den stillen Gesichtszügen wird in diesem Jahr fünfzig, er verbringt seine freie Zeit zu Hause in Berlin mit seiner Frau und seiner Tochter. Er interessiert sich nicht für Glamour oder rote Teppiche und radelt gern stundenlang durch seine Heimatstadt Berlin, lässt sich treiben, beobachtet Leute, sammelt Eigentümliches und Befremdliches, das später in seine Figuren einfließen wird - also Rollenstudium mit dem Leuchtturmwärterblick.
Moderation: Katrin Krämer
Sommergäste: Matthias Brandt, [45:08]
Nordwestradio Sommergast Matthias Brandt, [3:33]
NWR-Sommergast: Matthias Brandt , [3:50]
Ein Nachbericht von Britta Lumma
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![Das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg [Quelle: Radio Bremen] Das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg [Quelle: Radio Bremen]](/kultur/nachrichten/janssenmuseumoldenburg100_v-mediateaser.jpg)
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