Zwischen Sozialstaat und Barmherzigkeit
Die Kleiderkammern karitativer Einrichtungen helfen dort, wo sich der Sozialstaat verabschiedet hat. Immer mehr Menschen brauchen sie.
Audio: Kleiderkammern: Zwischen Sozialstaat und Barmherzigkeit
Einstellungen, Infos und Kommentare
Gemeinden und karitative Einrichtungen bieten in vielen Orten in Niedersachsen Kleiderkammern, Sozialkaufhäuser und Tafeln an. Diese Angebote springen dort ein, wo der Sozialstaat sich verabschiedet hat. Doch wer die Angebote nutzt, muss erst einmal sein eigenes Schamgefühl überwinden. Denn der Gang zur Kleiderkammer ist wie das Eingeständnis: Ich bin arm. Und immer mehr Menschen im Nordwesten sind inzwischen an diesem Punkt angelangt.
Die meisten Hartz-IV-Empfänger kommen mit dem Geld nicht über die Runden.
Pullover, Hosen, Jacke – das alles packt Stefanie Jakob für eine ältere Kundin in eine Tüte. Die ehrenamtliche Helfern ist seit anderthalb Jahren bei der Caritas-Kleiderkammer tätig. Einfach, weil sie helfen möchte. Die Frau auf der anderen Seite des Kleidertisches, ihre Kundin, möchte ihren Namen nicht nennen. Sie ist nicht arbeitslos, geht seit mehr als zehn Jahren putzen. Trotzdem lebt sie "von der Arge", sagt sie. Ihr kleines Gehalt muss sie mit staatlichen Zusatzleistungen aufstocken, um über die Runden zu kommen. "Es muss ja weitergehen."
Der kleine Raum der Kleiderkammer ist bis unter die Decke voll mit Regalen. Kleidung in allen Größen und Farben gibt es hier. Zum Teil wurde sie direkt gespendet von Kaufhäusern und Boutiquen aus der Innenstadt. Das weiß die Teilzeit-Putzfrau zu schätzen: "Manchmal kriegt man hier Sachen, die wirklich top sind", sagt sie. Dafür lohne es sich, über den eigenen Schatten zu springen. Doch die Scham wiege trotzdem schwer – sehr schwer, sagt sie.
Draußen vor dem Haus stehen schon die nächsten und warten: Zuwanderer, Alleinerziehende, alte Menschen und Suchtkranke. "Seitdem es Hartz IV gibt, bekommen sie kein Kleidergeld mehr und gehen deshalb zur Caritas", sagt Sozialpädagogin Juditha Hellbusch. Das Einteilen des Geldes gelinge den meisten nicht so gut, dass etwas für Kleider übrig bliebe. Kein Wunder bei einem Betrag von monatlich 374 Euro. "Es kann doch nicht sein, dass Wohlfahrtsverbände die Aufgabe des Staates übernehmen", meint die Sozialpädagogin.
Und der Staat hat noch mehr gestrichen: Das neue Elterngeld reißt ein Loch in die Kassen arbeitsloser Mütter. Darum kommen viele zu Petra Lucassen-Kenkel vom Sozialdienst katholischer Frauen in die Kleiderkammer für Kinder. Denn arbeitslose Mütter können selbst das Nötigste kaum bezahlen. "Sie werden bestraft dafür, dass sie ein Kind haben", sagt Lucassen-Kenkel. Denn das, was sie früher vom Elterngeld gekauft hätten, seien keine Lusxusgüter gewesen, sondern Windeln, Kleidung und Nahrung.
Auch immer mehr junge Mütter kommen inzwischen zur Kleiderkammer des Sozialdienstes. Viele der Mütter arbeiten in Teilzeit. Ihr Verdienst reicht aber meist nicht mehr aus, um Kleidung zu kaufen für die Kinder. Doch Lucassen-Kenkel bietet den Müttern nicht nur materielle Hilfe an. Stets hat sie ein offnes Ohr für die Probleme der Frauen. "Denn zuhause oder im Freundeskreis mag man nicht darüber sprechen, dass das Geld knapp ist", sagt sie.
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