Viel Arbeit während der Ferien
In der Bremer Bildungsszene geht es derzeit offenbar drunter und drüber: Schüler, die ihre Schule besetzen und selbst organisierten Politik-Unterricht auf dem Marktplatz machen. Eltern, die tausendfach Protestbriefe an das Bildungsressort und den Regierungschef schreiben. Schulrektoren, die zwei Tage von Schuljahresende noch nicht den Stundenplan für das kommende Schuljahr gebastelt haben.
Viele Schüler sind in die Ferien gegangen, ohne ihre Stundenpläne für das neue Schuljahr zu kennen.
In Bremen und Bremerhaven fehlen nach Ansicht von Eltern und Lehrergewerkschaft GEW mehr als 200 Lehrerstellen für den aktuellen Bedarf. 400 sind es, wenn das Lehrer-Schüler-Verhältnis im Land Bremen auf das in Berlin angehoben werden soll. Diese Lücke muss nun während der Sommerferien geschlossen werden, was die Sache nicht eben einfacher macht. Schon vor den großen Ferien haben in Bremen reihenweise Schüler, Lehrer und Eltern gegen die Situation demonstriert.
Die Oberschule Findorff war so etwas wie das Epizentrum des Protestes. Schüler besetzen die Schule, weil ein besonders geschätzter Referendar nicht übernommen werden kann. Rektoren tritt da normalerweise der Angstschweiß auf die Stirn. Bei Stephan Michael, Rektor der Findorffer Schule, schwingt fast Rührung mit: Er bedankte sich für die Unterstützung seiner Schüler und hielt sie an, politisch so aktiv zu bleiben. "Bildung ist das entscheidende Gut der Zukunft", gab er ihnen in einer Rede mit auf den Weg.
Dieses Gut hat seinen Preis. Denn Bremen hat vor Jahren eine umfassende Schulreform beschlossen. Unter schrieb sich Bremen als erstes Bundesland auf die Fahnen, die Inklusion umzusetzen: Also den gemeinsamen Unterricht von Kindern ohne Behinderung und jener mit körperlichen, geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen.
Doch Geld fehlt in Bremen an allen Ecken und Enden – und eben auch an den Schulen. Jüngst musste erst der Koalitionsausschuss von SPD und Grünen tagen, um Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper einen Weg zu öffnen, wenigstens 110 neue Lehrer einstellen zu können. Das aber löst für Schul-Elternsprecher Christoph Suppes das Problem höchstens auf dem Papier: "Selbst wenn jetzt doch noch Stellen genehmigt werden: Der Markt für Lehrer ist leer", sagt Suppes im Gespräch mit dem Nordwestradio. "Das Problem hatten wir schon oft, dass die besten Referendare längst in anderen Ländern zugesagt haben. In diesem Jahr ist das nicht anders", so Suppes weiter.
Der Blick der Öffentlichkeit richtete sich dabei bisher vor allem auf die Oberstufen. Doch auch am anderen Ende der Schulkarrieren klaffen Lücken: Bei den Grundschulen. Mehrere Klassen haben bislang noch keine Klassenlehrer. Für die ganz Kurzen ist das äußerst bitter, vor allem beim Start in die erste Klasse. Esra Güner ist Schul-Elternsprecherin an der Grundschule Oslebshauser Heerstraße. Sie sagt: "Für so junge Kinder ist das nicht zu verantworten". Nach den Eltern seien die Lehrer die zweiten Vorbilder für die Kinder. Wenn es da einen ständigen Wechsel gebe, überfordere das die Schüler, ist sie überzeugt.
Fünf Stellen sind dort noch offen, sagt sie. Ersatz? Fehlanzeige. Bis der Elternbeirat am 17. Juli dafür sorgte, dass die Schule besetzt wird. Schon am Nachmittag kam die Nachricht: Drei Stellen sind bewilligt. Drei von fünf. Esra Güner und die Eltern an ihrer Schule haben mit ihrem Aufbegehren etwas erreicht. Das ist nicht jedem vergönnt. Bei GEW-Sprecher Christian Gloede und Schul-Personalrätin Petra Lichtenberg liegen inzwischen die Nerven blank, wenn es um Jürgens-Piepers Politikstil geht. Sie gehe weder auf Schüler, Lehrer, Eltern oder die Gewerkschaft zu, meint Gloede.
Video: Bremer Grundschule im Streik
Einstellungen, Infos und Kommentare
"Das ist ein ungehöriges Verhalten den Menschen gegenüber, denen man Wertschätzung entgegenbringen muss. Genau daran lässt sie es vollkommen vermissen und das ist nicht zu dulden", sagte Gloede gegenüber dem Nordwestradio. Schul-Personalrätin Petra Lichtenberg stimmt ihm zu: "Wir müssen alle Sachen erst erkämpfen und vieles vor Gericht erstreiten. Das ist ein Stil – wie sagt man so schön: Das macht man in Bremen nicht.
Der Bremer Regierungschef Jens Böhrnsen (SPD) hat sich bislang zur gesamten Bildungsproblematik offiziell und öffentlich nicht geäußert. Böhrnsen schweigt allerdings nicht zu allem. Er gibt Interviews zu einer Zwangsabgabe für Reiche. Er gibt eine Pressekonferenz zum Wahlrecht für 16-Jährige. Aber zu dem einzigen landespolitischen Thema, das derzeit tausende Menschen auf den Marktplatz treibt, sagt er – nichts.
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