Der Tod kam schneller als das Jugendamt
Als die Leiche des zweijährigen Kevins bei seinem drogenabhängigen Ziehvater im Bremer Stadtteil Gröpelingen gefunden wurde, war klar, dass fast alle Beteiligten versagt hatten. Denn der Junge stand unter der Vormundschaft des Jugendamtes. In der Folge trat die verantwortliche Senatorin zurück und der Leiter des Amtes für Soziale Dienste setzte gegen sich selbst ein Disziplinarverfahren in Gang. Später kamen weitere Fälle ans Licht, bei denen Kinder unter den Augen der Behörden in schlimmen Verhältnissen leben mussten. Ein Untersuchungsausschuss der Bremischen Bürgerschaft versuchte zu klären, wer eine Mitschuld an Kevins Tod trägt.
In diesem Wohnblock wurde die Kinderleiche gefunden.
Am 10. Oktober 2006 wollte der Staat eigentlich ernst machen mit seiner Vormundschaft. Beamte des Jugendamtes und ein Gerichtsvollzieher wollten den zweieinhalb Jahre alten Jungen aus der Wohnung in der Kulmer Straße holen und ihn in eine Pflegefamilie bringen. Doch sie kamen zu spät. "Dahinten liegt er", sagte Kevins Ziehvater lakonisch. Der bereits stark verweste Leichnam Kevins wurde im Kühlschrank gefunden, eingewickelt in drei Müllsäcke.
Fernsehbericht: Totes Kind im Kühlschrank, [4:18]
Von Mathias Siebert, Michael Denk und Wolfgang Wodtke am 11. Oktober 2006.
In den Tagen und Wochen danach wurde öffentlich, dass der Junge unter den Augen der Jugendbehörde ums Leben gekommen war. Der Bremer Justiz-Staatsrats, Ulrich Mäurer, dokumentierte die Abläufe und Zusammenhänge im Todesfall Kevin K. in seinem 60-seitigen Untersuchungsbericht. Sein Fazit lautet: "Der Maßstab aller Dinge sind die Wünsche und Interessen der Eltern. Das Kindeswohl, muss ich leider feststellen, kommt in dieser Akte nicht vor." Zudem habe eine DNA-Analyse ergeben, dass Bernd K., in dessen Obhut Kevin ums Leben gekommen war, nicht der leibliche Vater des Jungen war. Er habe die Vaterschaft für den Jungen auch nie anerkannt.
Hingegen seien die Wünsche der Familie selbst "auffallend stark berücksichtigt" worden. In diesem Zusammenhang habe auch der Hausarzt des Vaters, Detlef S., eine bedeutende Rolle gespielt. Er begleitete die Familie zu vielen Terminen. Man habe den Eindruck bekommen können, dieser sei Mitarbeiter oder Sachverständiger des Amtes gewesen, so Ulrich Mäurer. Der Mediziner, der beide Elternteile mit der Ersatzdroge Methadon versorgte, räumt in einem Radio-Bremen-Interview ein, dass er mehr Verantwortung für Kevin hätte übernehmen müssen. Viele Menschen hätten von dem Fall gewusst, aber keiner habe sich wirklich gekümmert, sagt er.
Sonderermittler Mäurer ist überzeugt, der Tod des Zweijährigen hätte verhindert werden können. Die Hauptverantwortung sieht der Staatsrat beim Jugendamt - nicht allein beim zuständigen Sozialarbeiter. Auch der Beamtenapparat an sich habe versagt.
Fernsehbericht: Staatsrat Mäurer stellt seinen Bericht vor, [4:51]
Zu Wort kommen auch der Leiter eines Kinderheims und der Hausarzt des Ziehvaters, Detlef Schäfer.
Amt für Soziale Dienste Gröpelingen/Walle: Hier wurde Kevin nur als Akte "verwaltet".
Bei Kevins Geburt am 23. Januar 2004 hatte das Jugendamt eine engmaschige Betreuung und Begleitung der Problemfamilie festgelegt. Doch dieses Vorhaben, so Ulrich Mäurer, sei nie umgesetzt worden: "Als das Kind ganz klein war, ist nichts passiert. Es gab keine Hausbesuche und auch keine Hilfe", heißt es in seinem Bericht. Die vielen Probleme in der Familie waren dem Amt aber genau bekannt: Die Eltern waren drogenabhängig; die Mutter war außerdem HIV-positiv. Zudem waren beide schon häufiger mit dem Gesetz in Konflikt geraten: Sie wegen räuberischen Diebstahls und Bernd K. zudem noch wegen gefährlicher Körperverletzung. Der Ziehvater verbüßte eine Haftstrafe von insgesamt 13 Jahren.
Trotz dieser bekannten Fakten wurden die Eltern zwar regelmäßig im Methadonprogramm und weiteren Therapien betreut, aber zum Wohle des Kindes gab es nur wenige Maßnahmen, zu denen die Eltern dann meist nicht erschienen. Zwischenzeitlich hatte es vereinzelt Krisenbetreuungen durch freie Träger gegeben, etwa nach einer Fehlgeburt Ende Mai 2005. Ein halbes Jahr später starb die Mutter an den Folgen eines Unfalls. Ab jetzt übernahm das Jugendamt die Vormundschaft für Kevin - zumindest auf dem Papier.
Zwei Mal war Kevin vorübergehend in einem Kinderheim untergebracht. Beide Male sprach sich der Heimleiter mit Deutlichkeit dagegen aus, den Jungen wieder in die Obhut seines Stiefvaters zu geben. Denn der Zweijährige war in einem furchtbaren Zustand: Bei seinem zweiten Aufenthalt wog er gerade mal acht Kilogramm. Innerhalb eines Jahres nahm er nur 500 Gramm zu. Das erste Mal wurde er nach einem Polizeieinsatz ins Heim eingewiesen. Aber er war nicht nur viel zu dünn, sondern auch verwahrlost und wies Spuren von Misshandlungen auf. Das Kind wirkte ängstlich und verunsichert. So beschrieb ihn der Heimleiter des Herman-Hildebrand-Haus.
Der Kinderheimleiter und andere Beteiligte, darunter auch Kevins Kinderarzt, hatten die Behörde immer wieder auf die gefährliche Lage in der Familie hingewiesen. Dies habe aber nur zu wiederholten schriftlichen Berichten geführt. Laut Mäurers Bericht seien solche Hinweise vom Jugendamt auf barsche Weise abgewehrt worden. Selbst die Intervention von Bürgermeisters Jens Böhrnsen und der damaligen Sozialsenatorin Karin Röpke hatten das Amt nicht dazu bewogen, die Betreuung zu intensivieren.
Als Kevin Anfang 2006 in die Kulmer Straße zurückkehrte, waren auch viele Nachbarn verwundert. Viele beschrieben den Stiefvater als cholerisch, aggressiv und unberechenbar. Seine Drogenabhängigkeit war auch der Behörde bekannt. Deren so genannte "Bremer Linie", die Kinder drogenabhängiger Eltern möglichst lange im familiären Umfeld zu belassen, ist bei vielen Fachleuten umstritten.
Kevin im Alter von 1,5 Jahren
Das letzte Lebenszeichen von Kevin ist drei Monate vor seinem Tod aktenkundig. Ein Viertel Jahr ließ das Sozialamt Kevin also ohne persönliche Kontrolle bei seinem Stiefvater, der das Sorgerecht für den kleinen Jungen schon gar nicht mehr besaß. Wie der Untersuchungsbericht des Justizstaatsrates Ulrich Mäurer später ergab, war es Kevins Ziehvater in den letzten Wochen vor dem Leichenfund immer wieder gelungen, einen Besuch der Amtsmitarbeiter mit Lügen zu verhindern. Als die Behördenmitarbeiter das Kind endlich am 10. Oktober 2010 holen wollten, war es zu spät. Kevin war tot. Wie die Obduktion ergab, war er schwer misshandelt worden. Seine Leiche wies mehrfache Oberschenkel- und Schienbeinbrüche sowie Hämatome am Kopf auf. Ein offener Oberschenkelbruch habe dem Jungen die Tage vor seinem Tod große Qualen bereitet haben.
Fernsehbericht: Chronologie des Versagens, [4:16]
Von den Radio-Bremen-Reportern Mathias Siebert und Rainer Kahrs am 12. Oktober 2006.
Zweiter Kevin-Prozess beendet
Prozess gegen ehemaligen Amtsvormund
Prozess gegen Kevins Ziehvater
Indizien deuten auf grausames Verbrechen
Spardruck und die Doppelmoral der Politik
Untersuchungsausschuss "Kindeswohl"
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