Erinnerung an Stromkajen-Debakel
Das Drama um den Jade-Weser-Port nimmt kein Ende: Der Starttermin ist auf September verschoben worden. Und nach wie vor ist unklar, ob die Kaje mit ihren mehr als 230 Rissen mit der geplanten vorgelagerten Betonwand zu sanieren ist. Ein Hafenbau-Experte warnt davor, nun eine Betonwand zu errichten. Denn ähnliche Probleme gab es schon beim Bau des ersten Container Terminals in Bremerhaven vor 40 Jahren.
Bauarbeiten an der Stromkaje in Bremerhaven, 1970
"Stromkaje auf schwachen Füßen", so titelten die Bremer Nachrichten nach dem Baustopp in Bremerhaven im Jahr 1970. Später war dann von der "Kajen-Affäre" die Rede. Der Bremer Senat debattierte damals stundenlang und in der Bürgerschaft verlangte die CDU-Fraktion Aufklärung über die Kajenpleite. Es ging um zusätzliche Millionen, die nötig wurden, um die Stromkaje weiterzubauen. Die Schlagzeilen von vor 40 Jahren liessen sich problemlos wiederverwenden. Dieses Mal für das Debakel beim Bau des einzigen deutschen Tiefwasserhafens in Wilhelmshaven. Die Parallelen zum damaligen Bau des Bremerhavener Container Terminals sind beeindruckend..
Welche Tücken der Schlick am Meeresboden hat, erlebten die Hafenbauer in Bremerhaven sogar bereits 1929 beim Bau des Columbuskaje: Die Kräne standen auf der Pier, das erste Schiff wurde erwartet. Da alarmierte ein Schreckensruf die Experten: "Die Kaje sackt weg." Die stählerne Spundwand war am Boden undicht geworden. Der auf der Landseite aufgeschüttete Sand sickerte durch die Spundwand in die Weser. Eilig wurde eine innere Spundwand hinzu gebaut, und eine zweite Spundwand vor der Kaje.
Trotz dieser Erfahrungen entschied sich die Hafenbehörde Ende der 60er Jahre beim Bau des ersten Container Terminals erneut für die Columbuskajen-Variante. Und wieder gab es große Probleme: Die Spundwand saß nicht fest. Fachleute sagten voraus, dass sie in dem Augenblick aus der unteren Verankerung wegrutschen würde, in dem auf der Landseite der Hafenboden mit Sand aufgefüllt werden würde.
Das Ergebnis war: Die Kosten für die Kaje explodierten. Statt der ursprünglich angesetzten 70 Millionen waren am Ende rund 150 Millionen Mark für den Bau des Containerterminals I fällig. FDP-Häfensenator Georg Borttscheller geriet ins Kreuzfeuer der Kritik. Der Senat schaltete den Hafenbau-Experten Professor Georg Agatz ein, und Borttscheller entzog der Firmengruppe Grün & Bilfinger schließlich den Auftrag. Den Hafen baute dann ein Konsortium aus den Firmen Rogge, Holzmann, Wayss & Freytag weiter. "Niemand ist davor gefeit, dass ihm etwas aus dem Lot gerät. Entscheidend ist, dass er damit fertig wird", kommentierte der Häfensenator damals.
Der damalige Bauunternehmer Dr. Thomas Rogge aus Bremerhaven erinnert sich noch gut und mit Blick auf den Jade-Weser-Port sei es für ihn nun erschreckend zu sehen, "dass sich dieser Fall von CT 1 in Bremerhaven vor 40 Jahren quasi wie in einem Drehbuch wiederholt." Damals hätte aber Senator Borttscheller die Sache "sehr souverän gelöst", meint Rogge. Denn er hätte eingesehen, dass er sich verrannt hatte. Das sollten die Verantwortlichen nun auch in Wilhelmshaven tun: "Es wird ununterbrochen versucht, die Verhältnisse so darzustellen, wie sie erkennbar nicht sind. Die Lösung kann ja nur dadurch kommen, dass ganz nüchtern eine Bestandsaufnahme gemacht wird. So viel ich weiß, ist noch nicht mal ein entsprechendes Prüfungsverfahren eingeleitet worden, geschweige denn ein Wertgutachten, um zu wissen, was hat denn diese Arbeitsgemeinschaft geliefert, und was ist das wert."
Das Bauunternehmen "Bunte" beim Rammen der Tragbohlen für den Jade-Weser-Port.
Das frühere Bremerhavener Bauunternehmen Rogge hatte sich in einem Konsortium um den Baukonzern Hochtief für den Bau des Jade-Weser-Ports beworben. Dieses unterlag aber letztlich im Wettstreit mit dem Unternehmen "Bunte". Einen Maulkorb lasse er sich deshalb nicht verpassen, sagt der 79 Jahre alte Rogge: "Die Böden in Bremerhaven und in Wilhelmshaven sind nicht unähnlich. Während der Eiszeit hat an beiden Orten derselbe zwei Kilometer hohe Gletscher gelegen und hat den Kram zusammengequetscht. Und bei diesen Böden, das wissen wir aus Erfahrung, müssen entsprechende Vorrichtungen fürs Rammen genommen werden, nämlich einerseits feste Bezugspunkte siehe Hubinseln, von denen aus ich operieren kann, und die nicht wackeln. Und zweitens muss ich die Bohlen so führen, dass einer an die andere stramm angebunden werden kann. Das ist in Wilhelmshaven in beiden Fällen nicht geschehen. Und das Rammverfahren ist an sich nicht ausreichend gewesen für die Schwere der Konstruktion, die Schwere der Bohlen, die Umstände der See."
Das Debakel in Wilhelmshaven habe er vor vier oder fünf Jahren vorhergesagt. Leider sei es jetzt eingetreten. "Nicht zu unserer Genugtuung", betont er ausdrücklich. Er könne sich nicht über etwas freuen, was nicht funktioniert. "Aber es sind Verantwortungen entstanden und die müssen jetzt im Sinne von Korrektur wahrgenommen werden", sagt Rogge. Und damit meint er, dass statt einer Betonwand eine neue Spundwand vor die marode Kaje gesetzt werden müsse, um das Bauwerk abzusichern.
Jade-Weser-Port: Große Parallelen zum Bau von CT 1, [4:48]
Hörfunkbeitrag von Dirk Bliedtner
Dossier: Hafen mit Tiefgang
Das riesige Container-Terminal in Wilhelmshaven ist offiziell in Betrieb gegangen. Wozu wir den Tiefwasserhafen brauchen und ob er eher Jobmaschine oder teures Prestigeprojekt wird, erfahren Sie in diesem Online-Dossier. Mehr...
Fakten zum Jade-Weser-Port
Jetzt läuft
Kein Kamel durchs Nadelöhr
Die Infrastruktur für das große Geschäft, das in den Häfen abläuft, ist marode. Das Nadelöhr liegt in Bremen, es fehlt eine Güterumgehungsbahn. Doch dafür bräuchte man Politiker, die anpacken. Radio-Bremen-Redakteur Gerald Sammet kommentiert die Hinterlandanbindung der Häfen. Mehr...
buten un binnen zum Superhafen
Wir berichten von der feierlichen Eröffnung des Jade-Weser-Ports in Wilhelmshaven und zeigen, wie die Container ins Hinterland transportiert werden. Moderation: Alexander Brauer Mehr...
Noch nicht ausgelastet
Der Jade-Weser-Port hat Platz für fast drei Millionen Container. Für die ersten Betriebsjahre kalkuliert Hafenbetreiber Eurogate jedoch mit Verlusten. Mehr...
Jetzt auf radiobremen.de
Pressekonferenz: Werder Bremen präsentiert neuen Trainer Dutt
Betriebsversammlung bei ENO: Mitarbeiter wollen bessere Arbeitsbedingungen
Streit um Beratungsstelle: SPD-Fraktionschef will Rat-und-Tat-Zentrum halten
Bremer Delegation in der Türkei: Böhrnsen findet es wichtig, "sich mal sehen zu lassen"