Senatorin zieht Konsequenzen
Der Tod von zwei weiteren Frühchen im Bremer Klinikum-Mitte wirft viele Fragen auf: Wie konnte es dazu kommen, warum ist die Infektionsquelle noch nicht gefunden, und welche Konsequenzen müssen gezogen werden?
Die Bremer Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) gab am 29. Februar 2012 zwei neue Todesfälle auf der Frühchenstation bekannt. In der Folge schloss sie die betroffenen Stationen und beurlaubte den Geschäftsführer des Klinikverbundes "Gesundheit Nord" (Geno), Diethelm Hansen, und den Leiter des Hygiene-Institutes, Axel Kappler. An Hansen hatte die Gesundheitssenatorin bisher festgehalten. Nun aber sei für sie der Punkt erreicht, der eine weitere Zusammenarbeit mit ihm unmöglich mache, sagte die SPD-Politikerin. Sie begründete die Freistellung von Hansen mit einem "schleichenden Vertrauensverlust" und der "Erschütterung über das Krisenmanagement, das er zwar nicht allein zu verantworten habe, aber federführend." Möglicherweise könnte es zu einem arbeitsrechtlichen Verfahren gegen ihn kommen.
Bereits am 27. Februar 2012 starb ein Mädchen, das mit einem Geburtsgewicht von über 3.000 Gramm leblos zur Welt kam. Einen Tag später starb ein vier Tage alter Junge, der in der 24. Schwangerschaftswoche durch eine Notoperation entbunden wurde. Da wog er gerade mal 498 Gramm. Labor-Abstriche weisen bei beiden Kindern einen resistenten Darmkeim auf der Haut nach. Dieser soll zu 99.9. Prozent identisch mit dem aus 2011 sein, als drei infizierte Frühchen daran starben. Trotz einer umfangreichen Renovierung ist der Keim wieder auf der Station im Klinikum Bremen-Mitte aufgetreten. Derzeit untersuchen Rechtsmediziner, was genau die aktuellen Todesfälle von Ende Februar 2012 verursachte.
Tage zuvor war bei einer Routineuntersuchung der resistente Keim festgestellt worden bei drei weiteren Frühchen. Die Experten des Robert-Koch-Institutes kamen nach Bremen, nahmen Proben und prüften die Hygienemaßnahmen auf der Station. Was die Infektion verursachte, konnten sie bisher nicht entdecken. Aber sicher sind sie sich darin, wie die Keime übertragen werden: sehr wahrscheinlich von Hand zu Hand. Derzeit läuft ein umfangreiches Personal-Screening, bei dem von Ärzten und Pflegekräften im Abstand von einigen Tagen Abstriche gemacht werden.
Gleichzeitig tauchte im Hygiene-Institut eine Probe aus dem Jahr 2009 auf, die den gleichen genetischen Fingerabdruck wie die aktuell auf der Station gefunden wurden. Der Ausbruch der Keime, so Senatorin Jürgens-Pieper, sei praktisch seitdem nie beendet gewesen. Ein Labor in Bochum analysiert die Proben. Nach den neuen Todesfällen wurden die Frühchen- und die Geburtsstation geräumt. Die kleinen Patienten sind in die auf dem Gelände befindliche Kinderklinik verlegt worden. Jürgens-Pieper lässt nun prüfen, ob und wie die Stationen ins Klinikum Links der Weser umziehen könnten.
Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) zeigte sich schockiert: Er sei tief betroffen und fassungslos, dass erneut zwei Frühchen gestorben sind, an denen der multiresistente Keim festgestellt wurde. Mit der Schließung entsteht jetzt dem Klinikum Bremen-Mitte ein weiterer Millionenschaden. Das Vertrauen der Patienten sei schwer erschüttert, stellen die Bremer Oppositionsparteien fest.
Zu ihrer eigenen Verantwortung äußerte sich die Senatorin im Radio-Bremen-Interview. Sie habe bislang alles für eine umfassende Aufklärung getan; einen Grund für einen Rücktritt, wie von der FDP gefordert, sehe sie nicht, so Jürgens-Pieper im Gespräch mit Moderator Tom Grote.
Die Bremische Bürgerschaft gab bekannt, dass der Untersuchungsausschuss zum Keimskandal seine Vernehmungsarbeit zunächst unterbricht. In einer nicht öffentlichen Sitzung am 1. März 2012 lassen sich die Ausschussmitglieder von Frau Jürgens-Pieper auf den neusten Stand bringen.
Hygieneskandal in Bremer Klinik
![Keime [Quelle: Radio Bremen] Keime [Quelle: Radio Bremen]](/politik/dossiers/krankenhauskeime/keime100_v-mediateaser.jpg)
In diesem Online-Dossier werden wir Sie darüber informieren, welche Hygiene-Richtlinien in Bremer Krankenhäusern gelten und wie das Krankenhaus solche Infektionen melden muss.
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