Anwalt beruft sich auf Urteil
Nach der tödlichen Infektionswelle auf der Frühgeborenen-Station im Klinikum Mitte hat die Klinik versucht, dem Chefarzt Hans Iko Huppertz fristlos zu kündigen. Dagegen wehrte sich dieser erfolgreich vor dem Bremer Arbeitsgericht. In der ausführlichen schriftlichen Urteilsbegründung wird die Kündigung in allen Punkten zurückgewiesen, erklärt sein Anwalt im Radio-Bremen-Gespräch. Nun hat die Klinik einen Monat Zeit Widerspruch einzulegen. Ob das passiert, wollte der Klinikverbund Gesundheit Nord noch nicht sagen, sagte eine Sprecherin.
Chefarzt Hans Iko Huppertz möchte zurück in die Klinik.
"Herr Huppertz möchte auf jeden Fall wieder als Kinderarzt im Klinikum Mitte arbeiten", so sein Anwalt Wolf Martin Nentwig. "Wann das der Fall sein könnte, hängt von der Klinik ab". Er erklärte, dass das Gericht keinen Grund für eine fristlose Kündigung gesehen habe. Auch eine Auflösung des Arbeitsvertrages wegen einer Zerrüttung des Vertrauens sei nicht rechtmäßig, so der Jurist. Als Begründung würde das Gericht sinngemäß den öffentlichen Aufschrei und die Empörung über die Kündigung anführen. Kritik kam unter anderem vom Bremer Verband der Kinder- und Jugendärzte. Er hat sich immer schon mit dem Chefarzt solidarisiert und die Kündigung kritisiert. Bis zum 19. Juli hat das Klinikum Mitte nun Zeit Berufung einzulegen. Ob das passiert und wie eine weitere Zusammenarbeit aussehen könnte, will die Klinik nun prüfen. Nach Angaben seines Anwaltes ist Huppertz froh und glücklich über die Gerichtsentscheidung. Auch die ausführliche schriftliche Urteilsbegründung sei eine gute Grundlage, um wieder an seinen alten Arbeitsplatz zurück zu kehren.
Zeugen am 19. Juni 2012
Während der parlamentarische Untersuchungsausschuss die Geschäftsführung des Klinikums Mitte als Zeugen anhörte, war noch nicht bekannt, dass die Urteilsbegründung vorliegt. Beide Klinikgeschäftsführer erklärten, dass man erst die Begründung abwarten will und dann etwas zum weiteren Vorgehen sagen kann. Am 19. Juni waren Daniela Wendorff (pflegerische Geschäftsführung) und Robert Pfeiffer (kaufmännische Geschäftsführung) erneut geladen. Kernpunkt der Befragung war, dass die Infektionswelle im Mai auch die Professor-Hess-Kinderklinik, also ein komplett anderes Klinikgebäude erreicht hatte. Dort wurde bei einem Frühgeborenen der Keim bei einer Routinekontrolle festgestellt. Wie der Keim an das Baby gelangen konnte, ist bislang unklar. In der Klinik wurde zur selben noch ein Frühgeborenes behandelt, dass bei der Ausbruchswelle im Klinikum Mitte mit dem Keim in Kontakt gekommen war und anschließend in das andere Gebäude verlegt wurde. Eine Übertragung des Keimes durch das Personal schließt Wendorff aus. Vor dem Ausschuss erklärte sie, dass beide Kinder isoliert behandelt würden und es keine Überschneidung beim Personal gebe.
Woher der gefährliche Darmkeim stammt, konnte bislang nicht geklärt werden. Nachdem Freiburger Hygieneexperten und das Robert-Koch-Institut keine Quelle finden konnten, hatte der Klinikverbund einen weiteren Hygiene-Experten um Hilfe gebeten. Auch er machte sich auf Spurensuche und wurde fündig. In einer Maschine, die für die Reinigungskräfte Desinfektionsmittel mit Leitungswasser mischt, hatte der Experte einen auffälligen Biofilm und Genspuren von Klebsiellen gefunden. Noch wird geprüft, ob es sich dabei um den identischen Stamm handelt. Sollte das der Fall sein, wäre dies die erste heiße Spur. Allerdings bleiben dennoch viele Fragen offen: Wie kommt der Keim in die Maschine? Wie kann es sein, dass Frühgeborene mit diesem Reinigungswasser in Kontakt gekommen sind? Mit diesem Wassergemisch werden sonst Fußböden und andere Flächen auf der Station desinfiziert. Wendorff erklärte vor dem Ausschuss, dass die Klinik nun zehn andere Maschinen im Zufallsprinzip ausgewährt habe und diese nun kontrolliere. Im Raum steht die Frage, ob es sich um ein einmaliges Problem mit der Maschine auf der Frühchen-Station handelt oder ob auch bei den 137 anderen Maschinen in der Klinik Problem auftreten.
Die Infektionswelle wird auch in Zukunft dem Klinikum Mitte große Sorgen bereiten. Nach dem Tod von drei Frühgeborenen meiden viele Risikoschwangere das Klinikum. Alleine im Jahr 2011 geht der Schaden für die Klinik dadurch in die Millionen. Die vorerst dauerhafte Schließung der Frühchenstation und der Geburtshilfe verschärft dieses Problem. Wie hoch der wirtschaftliche Schaden durch die Schließung in diesem Jahr aussieht, wollte der kaufmännische Geschäftsführer Pfeiffer noch nicht beziffern. Vor dem Ausschuss sprach er von einer "schwierig, sehr schwierigen Situation". Die Infektionswelle hat somit indirekt auch direkte Auswirkungen auf den Klinikneubau. Die Bauplanung aus dem Jahr 2010 musste überarbeitet werden, weil Experten nach der Infektionswelle auch die Raumaufteilung im Neubau kritisiert hatten. Für den Bereich der Neonatologie werde es zu erheblichen Veränderungen der Pläne kommen, kündigte Pfeifer vor dem Ausschuss an.
Auch bei der nächsten Sitzung des Ausschusses am Donnerstag, 21. Juni, wird die pflegerische Geschäftsführerin Wendorff als Zeugin gehört. Bislang konnten noch nicht alle Fragen der Obleute abgearbeitet werden. Außerdem wird an diesem Tag auch ein Mitarbeiter der technischen Abteilung des Klinikums Mitte aussagen. Er ist für die Maschine zuständig, in der ein Experte Genspuren des Keimes entdeckt hatte. Wann der Ausschuss seine Anhörungen abschließt, ist bislang unklar. Als letzte Zeugin soll die Bremer Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) angehört werden. Auf der aktuellen Zeugenliste ist dafür der 5. Juli vorgemerkt. Allerdings könnte die Senatorin auch erst am 17. Juli gehört werden. Grund dafür sind neue Zeugen. Gegenüber Radio Bremen hat der CDU-Obmann im Ausschuss Rainer Bensch angekündigt, den Berliner Hygiene-Experten Klaus-Dieter Zastrow erneut einzuladen. Der Beschluss soll am kommenden Donnerstag gefasst werden. Zastrow wurde als Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaus-Hygiene schon Anfang des Jahres bereits als Zeuge gehört. Nach Radio-Bremen-Informationen hat er sich kritisch zu der angeblichen heißen Keimspur im Desinfektionsmittel-Gerät geäußert. Die damit ins Spiel gebrachten Übertragungsmechanismen sieht Zastrow zugespitzt als "konstruiert". Man könnte den Eindruck gewinnen, dass damit die Schuldfrage außerhalb des Krankenhauses verlagert werden soll, so Zastrow in einer Nachricht an den Untersuchungsausschuss.
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![Keime [Quelle: Radio Bremen] Keime [Quelle: Radio Bremen]](/politik/dossiers/krankenhauskeime/keime100_v-mediateaser.jpg)
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