Hygiene-Experte sagt aus
Reinigungskräfte, die Grundlagen der Desinfektion nicht kennen, Hygiene-Fachkräfte, die sich die Hände nicht desinfizieren und fehlendes Reinigungszubehör im OP. Das sind die Kernpunkte eines Protokolls, das am 29. Juni 2012 die Sitzung des Untersuchungsausschusses beschäftigte. Bekannt wurde das Gutachten erst am Abend zuvor und sorgt jetzt für neue Diskussionen um die Reinigung im Klinikum Bremen-Mitte.
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Erstellt hat das Protokoll ein staatlich anerkannter Desinfektor. Der externe Fachmann war seit November 2011 im Auftrag des Klinkverbundes Gesundheit Nord (Geno) im Klinikum Mitte tätig. Er sollte wohl die Schlussdesinfektion von Patientenzimmern beobachten und dokumentieren. 14 Seiten lang ist sein Protokoll und gefüllt mit Vorwürfen. Die Reinigungskräfte machten "einen unkoordinierten Eindruck". Bei der Reinigung in den Operationsräumen fehlten den Mitarbeitern ihr Handwerkszeug: "In den OP Räumen wurden auf meine Einwegkleidung zurückgegriffen, da dort keine zur Verfügung standen", heißt es in dem Protokoll, dass Radio Bremen vorliegt. In einem anderen Fall musste eine Vorarbeiterin sogar "zuerst Schutzkleidung auf einer anderen Station 'erbetteln'".
Zeugen am 29. Juni 2012
Selbst den Fachkräften, die die Hygiene-Standards in den Kliniken überwachen sollen, macht der staatlich anerkannte Desinfektor Vorwürfe. In seinem Erlebnisbericht beschreibt er, was er auf den Stationen beobachtet hat. So wollte eine Mitarbeiterin "ohne Einwegkleidung, Kopfhaube und vor allem ohne Händedesinfektion den Raum betreten. Erst nach Aufforderung wurde dies gemacht. Es zeigen sich deutliche Probleme bei der Händedesinfektion". In einem anderen Fall berichtet der Experte von einem Desinfektions-Einsatz: "Die Hygiene-Fachkraft Frau B. betrat den Raum und untersuchte die Küchenschränke innen. Dabei hatte sie ihren schweren Schlüsselbund wechselnd in der Hand und fasste alles an. Ich habe dann angewiesen, diese Stellen erneut zu reinigen".
Abschließend empfiehlt der Fachmann, die Reinigungskräfte "dringend in den Grundlagen der Desinfektion" nachzuschulen. Erschreckend an seinem Protokoll: Die letzten Einträge sind auf den 20. Juni 2012 datiert. Das würde bedeuten, dass das Klinikum Bremen-Mitte seine Hygiene-Probleme noch nicht in den Griff bekommen hat.
Das Klinikum Bremen-Mitte will die Vorwürfe nun prüfen. Man nehme die "unendlich ernst", sagte die Geschäftsführerin der Klinik, Daniela Wendorff, vor dem Untersuchungsausschuss der Bremischen Bürgerschaft. Sie war an diesem Tag als Zeugin geladen. In der kommenden Woche soll es ein Treffen mit dem Desinfektor und den Mitarbeitern geben. Klinik-Geschäftsführerin Wendorff sagte aber auch, es gebe Hinweise, dass nicht alles im Protokoll des Experten stimme. So soll eine dort erwähnte Mitarbeiterin an diesem Tag gar nicht in der Klinik gewesen sein. Aus der Gesundheit Nord heißt es, dass unabhängig von dem Protokoll Schulungen für die Reinigungskräfte geplant seien. Zudem würde der Krankenhaus-Hygieniker die Reinigungspläne auf den neusten Stand prüfen.
Die Mitglieder des Untersuchungsausschusses zeigten sich empört. Der Obmann der Grünen Björn Fecker erklärte, er sei "fassungslos". Zum zweiten Mal würde der Reinigung im Klinikum ein "verheerendes Zeugnis" ausgestellt, so Fecker im Ausschuss. Ähnlich reagierten auch die anderen Parteien: "Mir fehlen die Worte", kommentierte CDU-Politiker Rainer Bensch. Er will die Verantwortlichen für die Reinigung nun erneut vor den Ausschuss laden. Linken-Politikerin Claudia Bernhard sagte mit Blick auf das nun aufgetauchte Schreiben, dass man jetzt Angst haben muss, was als Nächstes ans Tageslicht kommt. Die Ausschussvorsitzende Antje Grotheer (SPD) hielt sich mit Kritik zurück und will den Vorgang nun aufklären. Sie schließt nicht aus, dass dazu auch weitere Zeugen im Ausschuss angehört werden müssen.
Bei der Suche nach Ursachen der tödlichen Infektionswelle im Klinikum Bremen-Mitte hat es einen Rückschlag gegeben. Auch das wurde vor dem Ausschuss bekannt. Die vermutete heiße Spur in einem Dosiergerät für Desinfektionsmittel führt nicht zur Aufklärung. Das erklärte Martin Exner vom Institut für Hygiene und öffentliche Gesundheit Bonn. Er war von der Geno beauftragt worden, neben zwei anderen Instituten auf Spurensuche zu gehen. Wie bereits berichtet, hatte Exner eine erste heiße Spur in einem Dosiergerät gefunden.
Das Gerät stand auf der Frühchenstation im Klinikum Mitte. Exner hatte in einem Wasserschlauch DNA-Spuren der Klebsiellen-Keime gefunden. Dieses DNA-Material ist aber nicht mehr verwertbar, so der Experte vor dem Ausschuss. Daher kann so auch nicht mehr geklärt werden, ob es sich um den gleichen Keim handelt, an dem drei Frühgeborene gestorben sind. Auch andere Experten sind bislang bei der Ursachensuche gescheitert. Fest steht nur, dass wohl mangelhafte Hygiene auf der Station dazu geführt hat, dass der Keim immer wieder weitergegeben wurde. Unterdessen wurde im Untersuchungsausschuss bekannt, dass ein Anfang der Woche in die Klinik eingeliefertes Baby nicht mit dem gefährlichen Darmkeim belastet war. Laut einem Test handelte es sich um einen anderen Erreger.
Es deutet sich an, dass der Untersuchungsausschuss doch mehr Zeugen als zuletzt geplant anhören will. Bisher wird der 17. Juli als letzter Termin angegeben - hier soll die Bremer Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper gehört werden. Doch daraus könnte nichts werden. Verschiedene Obleute deuteten an, nach dem aufgetauchten Protokoll zur Desinfektion die verantwortlichen Mitarbeiter hören zu wollen. Somit könnte der Ausschuss nicht mehr vor der Sommerpause fertig werden und dadurch im Herbst weitermachen. Zunächst wird aber das Thema Reinigung weiter Thema bleiben: Am Donnerstag, 5. Juli wird Dennis Niehoff von der Gesundheit Nord Dienstleistungen (GND) angehört. Die GND ist eine 100-prozentige Tochter des Klinikverbundes Gesundheit Nord. Sie steht immer wieder in der Kritik, die Reinigung nicht sachgerecht zu machen. Mitarbeiter der Firma beklagen sich parallel über eine zunehmende Arbeitsverdichtung.
Radio Bremen recherchiert für Sie und bleibt am Thema. Falls Sie mit unserem Reporter in Kontakt treten wollen, schreiben Sie an cengiz.tarhan@radiobremen.de!
Mögliche Keimquelle entdeckt
Die "heiße" Spur der Forscher vom Hygiene-Institut aus Bonn
Hygieneskandal in Bremer Klinik
![Keime [Quelle: Radio Bremen] Keime [Quelle: Radio Bremen]](/politik/dossiers/krankenhauskeime/keime100_v-mediateaser.jpg)
In diesem Online-Dossier werden wir Sie darüber informieren, welche Hygiene-Richtlinien in Bremer Krankenhäusern gelten und wie das Krankenhaus solche Infektionen melden muss.
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