Hygiene-Experte zur Reinigung
Mit der Reinigung im Klinikum Bremen-Mitte hat sich der Ausschuss bei der Sitzung am 5. Juli schwerpunktmäßig beschäftigt. Ein Experte, der die Desinfektion der Frühchen-Station und anderer Bereiche kontrolliert hat, macht der Klinik Vorwürfe. Die Reinigungskräfte seien unkoordiniert und hätten sich sogar "wie ein Hühnerhaufen" benommen.
Video: Desinfektor vor dem Ausschuss
Einstellungen, Infos und Kommentare
Mehr als ein halbes Jahr hat der Bremer Desinfektor Konrad Sextro vergeblich das Gespräch gesucht. Nun konnte er endlich über seine Erlebnisse am Klinikum Bremen-Mitte berichten - aber nicht der Klinikleitung, sondern dem Untersuchungsausschuss. Mit möglicherweise einschneidenden Folgen für die Klinik. Zwar wollte er in der Öffentlichkeit nie auftreten, aber seitdem sein Protokoll über die Reinigungspannen im Klinikum Mitte bekannt geworden ist, ist Schluss mit der Vertraulichkeit. Der Untersuchungsausschuss hat ihn als Zeuge geladen, weil sein 14-seitiges Papier für viele offene Fragen und Unruhe gesorgt hatte.
Zeugen am 5. Juli 2012
Vor dem Ausschuss hat Sextro seine Angaben bekräftigt. Dies war zuvor von der Klinik-Geschäftsführung in Teilen in Frage gestellt worden. Zudem erklärte er, dass er sich vielleicht bei dem einen oder anderen Namen der Reinigungskraft geirrt hat. Doch es sei " aber Fakt, dass die Dinge wie sie beschrieben sind, so passiert sind." Mehrfach unterstrich er, dass der die Fehler der Reinigungskräfte auch den Verantwortlichen in einem Gespräch mitteilen wollte. Doch offenbar interessierte sich niemand dafür. Monatelang wurde er immer wieder vertröstet. Erst nachdem er im Juni ein Protokoll verfasst hatte und das an die Öffentlichkeit gelangte, habe die Klinik mit ihm sprechen wollen. Nun will er aber nicht mehr. Er hat die Zusammenarbeit mit der Klinik aufgekündigt und wollte erst mit dem Untersuchungsausschuss sprechen.
Auch nach der Anhörung im Ausschuss bleiben viele Fragen über die Hintergründe offen. Nach eigenen Angaben wurde er nach Bekanntwerden der Infektionswelle als externer Desinfektor in die Klinik geholt. Seine Aufgabe, so Sextro: Die Desinfektion begleiten und kontrollieren. Die Klinik wollte, dass er nach der Wiedereröffnung der Station bei einer Pressekonferenz der Klinik auftritt. Sextro lehnte dies aber ab. Eine schriftliche Auftragsbestätigung hat Sextro nach eigenen Angaben nie von der Klinik erhalten. Ihm wurde telefonisch mitgeteilt. "Sie sollen nur überwachen" und nicht reinigen – das würden andere Personen machen. Auch der Krisenstab der Klinik habe ihn nie eingeladen oder angehört. Allerdings: Trotz der Reinigungsmängel, die der Desinfektor beobachtet haben will, hat das Gesundheitsamt Bremen vor der Wiedereröffnung keine hygienischen Mängel feststellen können. Das wurde bei der Sitzung des Ausschusses von den Obleuten angeführt.
Bei dieser Sitzung durfte Radio Bremen die Zeugenanhörung nicht für die Berichterstattung aufzeichnen. Zwar waren Öffentlichkeit und Journalisten grundsätzlich erlaubt und auch Fotos durften zu Beginn der Sitzung vom Zeugen gemacht werden - aber kein Mitschnitt der Befragung. Ein bisher einmaliger Vorgang im Ausschuss. Die Vorsitzende Antje Grotheer (SPD) erklärte dies mit Sextros Presse-Scheuheit. "Auf Bitten des Zeugen", so Grotheer, habe man Rücksicht genommen. In seinem Beruf sei Diskretion wichtig. Durch die Berichterstattung befürchte er wirtschaftliche Schäden. Sonst zeichnet Radio Bremen alle Zeugenanhörungen auf – also alles, was in die Tischmikrofone gesprochen wird.
Vor dem Ausschuss nahm der neue Krankenhaus-Hygieniker Martin Eikenberg zu Sextros Kritik Stellung: Er räumte ein, dass die Klinik "Nachholbedarf" bei der Reinigung habe, und deshalb würde das Reinigungspersonal intensiv geschult werde. Aber auch er konnte dem Ausschuss nicht erklären, warum der Desinfektor in die Klinik geholt wurde: "Es war fachlich nicht nötig, ihn zu holen. Deshalb macht das alles nebulöser". Grundsätzlich sei externe Hilfe, auch die von Sextro gut. Dennoch wies Eikenberg manche Darstellung zurück. So steht im Protokoll, dass Hygiene-Fachkräfte ohne Hände-Desinfektion eine Station betreten wollten. Dagegen erklärte Eikenberg, die "Hygiene-Fachkraft habe Stein und Bein geschworen, sich die Hände desinfiziert zu haben". Zwar habe es eine schlechte Organisation der Reinigung gegeben, aber keine groben Fehler.
Bei der Kontrolle von Mischgeräten für Desinfektionsmittel habe man im Wasserschlauch einiger Geräte einen "deutlich sichtbaren Biofilm" gefunden, so der Klinik-Hygieniker. Ob sich zum Beispiel auch Keime darin befunden haben, könne noch nicht gesagt werden, weil die Proben noch im Labor untersucht werden. Um aber die Hygiene zu verbessern, wird zukünftig der Schlauch dieser Maschinen im gesamten Klinikverbund einmal im Jahr ausgetauscht. Denn darin hatte ein Hygiene-Experte die Keimquelle vermutet. Für einige Wochen galt dieser Fund als erste "heiße Spur" – doch der Apparat war zu lange außer Betrieb, so dass nicht mehr geklärt werden, ob es sich bei den gefundenen Keimen um den Ausbruchsstamm handelt.
Auch ein Mitarbeiter der Firma "R&S" war als Zeuge geladen: Dennis Niehoff, ein Wirtschaftsingenieur. Er ist unter anderem für Schulungen der Reinigungskräfte zuständig. Diese Schulungen basieren auf Reinigungsplänen, die das Klinikum Mitte erstellt, so Niehoff. Auch fänden Kontrollen statt, berichtet der 30-Jährige. Grundsätzlich sieht er aber "keinen Verbesserungsbedarf" bei der Reinigung. Nach seiner Darstellung hat es keine Probleme gegeben und an ihn seien auch keine Probleme herangetragen worden.
Die kommende Sitzung des Untersuchungsausschusses wird wohl auch die letzte Zeugenanhörung sein – mit politischer Prominenz: die Bremer Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD). Am 17. Juli wird sie ab 14 Uhr über die Infektionswelle und Hintergründe berichten. Auf eine zweite Anhörung von Klaus-Dieter Zastrow von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaus-Hygiene verzichten die Ausschussmitglieder. Der geplante Termin am 13. Juli ist abgesagt. Zastrows hatte sich kritisch über die Vermutung geäußert, dass die Keimquelle im Desinfektionsmittel-Gerät liegen könnte. Diese Spur könne aber nicht mehr verfolgt werden.
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Protokoll eines Desinfektors wirft neue Fragen auf
Bericht von Cengiz Tarhan
Hygieneskandal in Bremer Klinik
![Keime [Quelle: Radio Bremen] Keime [Quelle: Radio Bremen]](/politik/dossiers/krankenhauskeime/keime100_v-mediateaser.jpg)
In diesem Online-Dossier werden wir Sie darüber informieren, welche Hygiene-Richtlinien in Bremer Krankenhäusern gelten und wie das Krankenhaus solche Infektionen melden muss.
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