Gefahr durch multiresistente Keime
Ein Keimskandal wie in Bremen ist in den Niederlanden sehr unwahrscheinlich. Denn dort wird viel mehr vorgebeugt. Deshalb liegt die Infektionsrate etwa bei multiresistenten Staphylokokken (MRSA) im Nachbarland unter einem Prozent. Im europäischen Vergleich bewegt sich Deutschland mit 10 bis 25 Prozent nur im Mittelfeld. Was die Niederländer anders machen, hat sich Radio-Bremen-Reporter Volker Ide in der Nähe von Groningen angeschaut.
Musterhaft verhalten sich seit längerem unsere Nachbarn in Holland. Die Hygiene wird hier streng überwacht. So auch in der Dokkum-Klinik bei Groningen: Die Stationen arbeiten in einem Netzwerk zusammen. Hier ist Corien Zalsman für die Hygiene des kleinen Krankenhauses verantwortlich. Sie erklärt, dass bei der Aufnahme jeder Patient gezielt nach Keimen untersucht wird. Zudem wird genau nachgefragt, mit wem er Kontakt hatte oder ob er vorher in einer ausländischen Klinik war. Und es gibt noch einen weiteren Grund, warum Bakterien in Holland kaum eine Chance haben. Der Kinderarzt Jacob Carsten berichtet, dass Antibiotika nur zögerlich oder möglichst gar nicht vergeben werden. Von den Maßnahmen in den Niederlanden können die Deutschen viel lernen.
Video: Kaum Keime in niederländischen Krankenhäusern
Einstellungen, Infos und Kommentare
Wenn ein Patient in ein niederländisches Krankenhaus aufgenommen wird, kommt er zunächst auf eine Isolierstation für zwei Tage. Hier wird er untersucht: vor allen auf multiresistente Keime. Liegt eine Infektion vor, bleibt der Patient in Quarantäne. So verhindern die Niederländer, dass sich die gefährlichen Mirkoorganismen im Krankenhaus verbreiten. Die Vorsichtsmaßnahme kostet viel Geld, führte aber dazu, dass der Anteil der gefährlichen Erreger hier bei nur drei Prozent liegt. Dagegen sind es in Deutschland bis zu 50 Prozent.
Jetzt fordern Experten, wie der Bremer Professor Gerd Glaeske, das niederländische Modell auch in Deutschland einzuführen. Zudem gebe es in Deutschland zu wenige Hygiene-Fachleute. Bundesweit fehlten 600 spezialisierte Ärzte auf diesem Gebiet, schätzt der Pharmazeut.
Wie oft wird die Wunderwaffe "Antibiotikum" eingesetzt, ohne dass es nötig gewesen wäre? Gerade bei Erkältungen drängen viele Patienten auf eine schnelle Wirkung und lassen sich ein Antibiotikums verschreiben. Diese sind aber bei einem virus-bedingten Infekt völlig wirkungslos. Hinzu kommt das die Einnahme oft unregelmäßig erfolgt oder zu früh abgebrochen wird. Dadurch können die Bakterien mutieren und werden resistent. Jetzt müsste ein neues Mittel gefunden werden.
"Für die Pharmaindustrie ist es ökonomisch nicht sinnvoll, in teure Forschung zu investieren, um wirksame neue Antibiotika zu entwickeln", so argumentiert der Professor Glaeske. Deswegen sei es notwendig, ein öffentliches Förderungsprogramm auf den Weg zu bringen. Dieses solle finanzielle Anreize für die Pharmaunternehmen schaffen. Der Experte fordert Antibiotika sparsamer und passgenauer einzusetzen. Ärzte verschrieben Antibiotika zu oft und unnötig. "So entstehen immer mehr resistente Keime und die Antibiotika wirkten nicht mehr", kritisiert Glaeske.
Auch der Pharmakologe Prof. Peter Schönhöfer weist im Radio-Bremen-Interview auf das Problem hin: "Nicht die Bedürfnisse für die Krankenversorgung sind für die Forschung von Bedeutung, sondern die Profitmaximierung. „Unsere Gesundheitsversorgung wird immer mehr degeneriert zu einer Gesundheitswirtschaft neoliberaler Art", kritisierte Schönhöfer.
Hygieneskandal in Bremer Klinik
![Keime [Quelle: Radio Bremen] Keime [Quelle: Radio Bremen]](/politik/dossiers/krankenhauskeime/keime100_v-mediateaser.jpg)
In diesem Online-Dossier werden wir Sie darüber informieren, welche Hygiene-Richtlinien in Bremer Krankenhäusern gelten und wie das Krankenhaus solche Infektionen melden muss.
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Beiträge zum Hygiene-Skandal
Jetzt läuft
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