Hells Angels wieder im Raum Bremen
Sie hatten sich freiwillig aus Bremen zurückgezogen: die Rockergruppe "Hells Angels". Der Druck des Staates war im Sommer 2012 groß: Razzien, Festnahmen, Vereinsverbote. Doch jetzt sind sie wieder da. Der Bremer Ableger "Westside" ist neu gegründet worden. Noch ist nicht klar, ob sie sich wieder direkt in Bremen oder im Umland ansiedeln wollen. Was das bedeutet? Das Nordwestradio hat mit dem NDR-Journalisten Stefan Schölermann gesprochen. Er beschäftigt sich seit langem mit der Rockerszene.
Mtiglieder der Hells Angels bei einer Beerdigung eines Clubsmitglieds (Archiv).
Radio Bremen: Um welchen Club geht es denn?
Stefan Schölermann: Es geht um den Bremer Hells-Angels-Club namens Westside. Kein ganz unwichtiger Club in der Szene, einer mit Symbolkraft. In Bremen hat man ja große Anstrengungen unternommen, um den Club zu vertreiben. Der polizeiliche Druck war in den letzten Jahren enorm groß. Und nach der großen Razzia in Schleswig-Holstein und Niedersachsen und diversen Verbotsverfahren waren die Bremer Rocker im vergangenen Jahr eingeknickt und hatten von einem Tag auf den anderen ihre Selbstauflösung bekannt gegeben. Bremen konnte ein Stück weit aufatmen. Jetzt sind sie wieder da. Am Donnerstag wurde die Neugründung beschlossen.
Radio Bremen: Haben Sie eine Ahnung, warum die sich ausgerechnet jetzt wieder gegründet haben?
Stefan Schölermann: Das ist eigentlich unklar. Darüber geben sie auch keine Auskunft. Sie sagen nur, es sei ein Zeichen für ihre Flexibilität. Es auch nicht ganz klar, ob sie ihr Clubhaus in Bremen gründen werden oder in der Region um Bremen herum. Dann wäre es auch ein Problem des Nordwestens in Niedersachsen. Jedenfalls haben sie diese Region auch zu ihrem Wirkbereich erklärt. Das heißt, da wollen sie, so wie sie es sagen, dass die Motorradregeln, die Szeneregeln eingehalten werden. Kriminalbeamte sehen es anders. Die Polizei geht davon aus, dass es um Machtbereiche geht. Die Gründung eines Clubhauses sei im Augenblick zweitrangig, sagen die Hells Angels selbst. Wichtig sei, dass der Club wieder auf der Bildfläche ist.
Zur Person
Stefan Schölermann ist Redakteur bei NDR Info. Der Journalist beschäftigt sich mit Themen wie dem Rockermilieu, Rechtsextremismus und Kriminalität.
Radio Bremen: Das klingt nach einer relativ bedrohlichen Situation oder nicht?
Stefan Schölermann: Mitglieder der Rockerbande werden ja von der Polizei verantwortlich gemacht für eine Vielzahl von Straftaten. Es geht dabei vor allem um das Rotlicht- und Türstehermilieu. Und gerade im Nordwesten Niedersachsens, gerade in den Hafenstädten, ist dieser Markt eigentlich aufgeteilt. Da hat vor allem ein anderer Rockerclub das Sagen, der heißt Gremium MC. Und nun dringen die Hells Angels wieder vor und zwar gleich zwei Mal. Da ist eben der wieder gegründete Club "Westside", bei dem, wie gesagt, nicht ganz klar ist, ob er sein Haus direkt in Bremen aufbauen wird. Und dann haben die Hells Angels noch einen zweiten Ortsclub gegründet. Der heißt Jadebay und ist in Wilhelmshaven ansässig. Damit könnte tatsächlich das gesamte Machtgefüge dieser Rockergruppierungen durcheinander geraten mit allen Konsequenzen.
Radio Bremen: Von welchen Konsequenzen sprechen wir da?
Stefan Schölermann: Man muss zwei Dinge festhalten. Wie gesagt, sie sprechen von szeneinternen Regeln, wenn sie von Wirkbereich sprechen und weisen jede Verbindung zu organisierter Kriminalität zurück. Dass es Straftaten einzelner Mitglieder gebe, wird nicht bestritten, seien dem Club als ganzes aber nicht zuzurechnen, sagen sie immer wieder. Das ist die eine Seite. Rockerexperten der Polizei sehen das anders. Sie gehen davon aus, dass mit solchen Vereinsgründungen regelrechte Claims, also Machtbereiche, abgesteckt werden und die sind halt umkämpft. Das ist die andere Seite der Medaille.
Radio Bremen: Besteht denn jetzt die Gefahr, dass andere Clubs auf die gleiche Idee kommen?
Stefan Schölermann: Also sicherlich nicht diejenigen, bei denen der Club verboten worden ist. Wohl aber bei jenen, die sich von selber aufgelöst haben. Das meint aber vor allem den bis dahin mächtigsten Club in Deutschland, das Hells Angels Charter in Hannover um seinen damaligen Präsidenten. Der Club hatte sich im vergangenen Sommer ebenfalls aufgelöst, wohl auch unter dem Druck der Verbotsdebatte. Man hatte Angst auch das Vereinsvermögen zu verlieren. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass Hanebuth (Ex-Chef der Hells Angels in Hannover, Anmerkung der Redaktion) sich diesen Stress ein zweites Mal antun will. Denn es läuft noch ein Ermittlungsverfahren gegen den Mann. Er beteuert allerdings von Anfang an seine Unschuld. Gegen den Mann ist seit vielen, vielen Jahren kein Strafverfahren mehr durchgeführt worden. Seine Weste ist insofern in den letzten Jahren nicht befleckt gewesen. Die Debatte um eine Neugründung würde ihn abermals in eine öffentliche Diskussion bringen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich das ein zweites Mal antun will.
Radio Bremen: Nun werden sich also diese Bremer Rocker offenbar neu gründen oder haben sich schon gegründet. Wie ist das überhaupt rausgekommen?
Stefan Schölermann: Das Ganze ist bei einer Trauerfeier der Hells Angels in Bielefeld herausgekommen. Das muss man sich auf mal vorstellen. Da waren rund 800 Hells Angels und ihre Unterstützer vor Ort versammelt. Das war eines der größten Treffen in Deutschland seit langem. Da sind eben auch Rocker in der Kluft der Westsider aufgetreten und das ist ein klares Signal, denn ohne einen existierenden Club, darf man auch dessen Insignien tragen, so sind die Rockerregeln. Und wenn man die Regeln kennt, bekommt man auf entsprechende Fragen die entsprechenden Antworten. Und die Antwort lautete: Westside ist wieder auf dem Plan.
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![Polizisten beobachten Hells Angels auf Motorrädern [Quelle: Radio Bremen] Polizisten beobachten Hells Angels auf Motorrädern [Quelle: Radio Bremen]](/nachrichten/polizeikontrolle102_v-mediateaser.jpg)
Die Rocker im Nordwesten stellen aus Sicht der Polizei eine permanente Gefahr dar. Denn sie sind in der organisierten Kriminalität aktiv. Ob dagegen Verbote helfen, die Schließung von Klubhäusern oder Razzien – die Experten sind sich nicht einig. Mehr erfahren Sie hier in unserem Rocker-Dossier.
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