Eine permanente Gefahr
Die Rocker-Szene in Bremen und dem Nordwesten Niedersachsens ist in Bewegung. Mal lösen sich Vereine angeblich auf, mal gründen sich neue, Mitglieder wechseln von einem zum anderen. Revierkämpfe flammen hier und da auf. Trotz all den Veränderungen stellen die Rocker aus Sicht der Polizei eine permanente Gefahr dar. Denn sie sind in der organisierten Kriminalität aktiv. Eine Übersicht.
Sie hatten ihr Ende in Bremen im Sommer 2012 selbst verkündet: Die Hells Angels hatten sich aufgelöst und ihr Vereinsheim "Angel Place" in der Innenstadt geschlossen. Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) frohlockte damals im Radio-Bremen-Interview sogar, "der Spuk" sei vorbei. Im April 2013 schließlich wurde das Clubhaus abgerissen. Aber was die Polizei bis dahin schon vermutet hatte, wurde kurz zuvor deutlich: Die Rocker waren gar nicht verschwunden. Auch ohne offizielles Domizil ließen sie sich blicken mit ihren Kutten, ihren Waffen und Bandenkämpfen.
Video: Rockerkrieg in Bremen
Einstellungen, Infos und Kommentare
Und wer sich genauer mit der Sache befasst, kommt sogar zu dem Schluss: Sie waren gar nicht wirklich weg. Das wurde im Frühjahr 2013 auf dramatische Weise überdeutlich: Am 12. April kam es in der Bremer Innenstadt in der Nähe der Disko-Meile zu einer Massenschlägerei zwischen den verfeindeten Hells Angels und Mongols. Ein Anhänger der Mongols wurde durch Messerstiche lebensgefährlich verletzt. Und selbst Polizisten wurden derartig angegriffen, dass zwei von ihnen Warnschüsse abgeben mussten. 150 Polizisten waren im Einsatz; etwa 100 Rocker wanderten vorübergehend ins Polizeigewahrsam.
Bereits im Februar 2013 war eine ähnliche Eskalation gerade noch rechtzeitig verhindert worden: In der Ölmühlenstraße trafen sich etwa zehn Rocker, mit Baseballschlägern, Messern und durchgeladenen Pistolen bewaffnet – offenbar war ein Bandenkampf zwischen den Hells Angels und den in Bremen verbotenen Mongols geplant. Doch die Polizei wurde von Anwohnern alarmiert und rückte sofort an. So wurde diese Auseinandersetzung rechtzeitig verhindert.
Selbstauflösung als juristischer Schachzug
Was Kenner der Szene schon länger vermuteten, schien sich also zu bewahrheiten: Die Auflösung des Bremer Hells Angels-Ablegers war wohl nur ein juristischer Schachzug. Denn die Luft war im Sommer 2012 immer dünner und ein Vereinsverbot wahrscheinlicher geworden. Zuvor war es über Monate immer wieder zu Konfrontationen mit der Konkurrenz von den Mongols gekommen. Es gab mehrere Großeinsätze der Polizei in der Innenstadt und die Politik sah sich unter Handlungsdruck. In der Folge wurde immer lauter das Wort "Vereinsverbot" ausgesprochen, was die Hells Angels offenbar aufhorchen ließ. Denn das hätte dann auch zur Beschlagnahme des Vereinsvermögens führen können. Doch wo kein Verein mehr ist, da gibt es auch nichts zu konfiszieren. Also machen die Hells Angels offenbar den ersten Schritt, in dem sie den Verein per Brief an das Innenressort und den Polizeipräsidenten formal auflösten.
Mäurer selbst schwankte damals Radio Bremen gegenüber zwischen Erfolgsmeldung und Zurückhaltung: Die Entspannung für die Anlieger des Vereinsdomizils "Angel Place" sei zu begrüßen. Die Kriminalität aber sei damit noch nicht beseitigt. Alle bis dahin begonnenen Ermittlungsverfahren sollten daher auch weiter geführt werden. Außerdem sollte über das Baurecht eine andere Nutzung des bisherigen Klubheims vorgeschrieben werden.
Rocker klagen über Kontrollen
Der Sprecher der Hells Angels, Rudolf Triller, gab sich etwas einsilbiger: Der Bremer Ableger "MC Westside" sei aufgelöst, Gründe für diesen Schritt nannte er nicht. Wohl aber beklagte er die zunehmenden Kontrollen durch die Polizei. Ob der MC Westside mit seiner Selbstauflösung einem Verbot zuvorkommen wollte, sagte Triller nicht. Doch mit den damals bundesweiten häufigeren Razzien gegen Rockergruppierungen habe der Schritt nichts zu tun. Kurz zuvor hatte es vor allem in Berlin, Brandenburg, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen Razzien bei verschiedenen Rockerklubs gegeben.
Die angebliche Auflösung der Bremer Hells Angels scheint so von Anfang an nicht ganz ernst gemeint gewesen zu sein. Bernd Carstensen vom Bund Deutscher Kriminalbeamter kam die angebliche Hells-Angels-Auflösung schon im Sommer 2012 komisch und nur vorgeschoben vor: Die Rocker hätten sich lediglich mit Blick auf die drohende Beschlagnahme des Vereinsvermögens juristisch gut beraten lassen. Ein Vereinsverbot ist nicht leicht durchzusetzen, aber nicht unmöglich, wie andere Städte vorgemacht haben. Der Bremer Kripochef Andreas Weber muss bei jedem Rockerclub genau hingucken: "Bei den Vereinen müssen wir sauber differenzieren. Die Mongols beispielsweise sind nicht mal Motorradfahrer, die sich des schönen Wetters erfreuen. Sondern die haben sich zusammengeschlossen als Straftäter." Bei den "Hells Angels" gehe es immerhin noch auch ums Motorradfahren, aber eben auch um Geschäfte, die zwischen Legalität und Illegalität stehen".
Kriminalität als Vereinszweck?
Das Kernproblem der Strafverfolger ist dann: Die nachgewiesenen Straftaten müssen dem Verein und nicht nur einzelnen Mitgliedern zugeordnet werden können, wie etwa Marcel S., dem Präsidenten der "Hells Angels", der im Herbst 2011 wegen räuberischer Erpressung festgenommen und angeklagt wurde. Nur wenn der Gesetzesverstoß nachweisbar gewissermaßen Vereinszweck ist, gibt es einen Hebel, um den Verein verbieten zu können. Das ist ermittlungstechnisch dünnes Eis, räumt auch Weber ein: "Einzelne Straftaten können wir ihnen eindeutig nachweisen. Das Problem ist, dass wir ihnen kaum nachweisen können, dass sie eine kriminelle Vereinigung sind." Daher setzt die Polizei auf eine Politik der kleinen Nadelstiche: Indem auch schon kleinere Verstöße und Ordnungswidrigkeiten verfolgt werden, sollen sie zermürbt und weniger attraktiv für Nachrücker werden. Und sein Kollege aus Bremerhaven, Kripochef Jörg Seedorf macht klar: "Wir beobachten die ganz genau und sind mit den Kollegen in Oldenburg und Bremen gut vernetzt. Wir lassen nicht zu, dass das Gewaltmonopol des Staates unterwandert wird."
Die im letzten Moment verhinderte Konfrontation zwischen Hells Angels und Mongols im Februar 2013 war ein erstes deutlich sichtbares Anzeichen, dass sich die Hells Angels wieder offen zeigen, sagt Andreas Weber: "Es gibt momentan Veränderung im Gefüge, überwechselnd von einer Rockergruppe zur anderen. Damit gibt es auch Veränderungen bei den regionalen Machtansprüchen." Daher gebe es immer wieder Machtdemonstrationen – auch die Konfrontation in der Ölmühlenstraße stuft die Polizei als eine solche Machtdemonstration ein.
Aus eins mach zwei: Polizei am Anfang
Zusätzlich keimte die Einsicht: Offenbar hat Bremen es nicht mehr nur mit einem Hells-Angels-Club zu tun, sondern gleich mit zweien: den Hells Angels Bremen und die Hells Angels Westside. Hinter dieser Taktik kann wiederum ein rechtlicher Trick stecken: Neuer Name, neuer Club – und damit muss die Polizei neue Beweise liefern, dass jeweils in dieser neuen Konstellation Rechtsverstöße vorliegen und krumme Geschäfte gemacht werden. Denn die Erkenntnisse über die alte Formation lassen sich nicht einfach auf die nächste übertragen, wenn beispielsweise über ein Vereinsverbot nachgedacht wird.
Nun gibt es also neue Clubs, aber kein Clubheim mehr. Das macht es zumindest nicht einfacher, die Szene zu beobachten. Größer geworden sei die Gefahr zwar nicht, aber es ist tatsächlich eine neue Qualität mit neuen Schwierigkeiten, sagt Kripochef Andreas Weber: "Wenn sie ein Vereinsheim hätten, würden wir da natürlich intensiv drauf schauen. Für die Polizei ist es jetzt eine große Aufgabe, die Veränderungen rechtzeitig zu beobachten und zu bewerten, was zu tun ist."
Rocker-Szene in Bewegung
Dabei hat die Polizei einiges im Blick zu behalten. Denn die Rocker-Szene ist ständig in Bewegung. Dass ein Club sich scheinbar auflöst und danach dann im Stillen wieder um die Ecke kommt, passiert nicht zum ersten Mal. Beispiel Red Devils: Sie gelten als Unterstützer der Hells Angels. Auch sie lösten sich Ende 2011 auf. Im März 2012 aber wollten sie ihre Rückkehr feiern. Doch ein Großaufgebot der Polizei verhinderte, das die Rocker ihr Domizil erreichten. Nach Angaben der Polizei gibt es baurechtliche Gründe, weshalb die ehemalige Werkstatt in der Eduard-Grunow-Straße nicht als Klubhaus weiter genutzt werden könne – und schon gar nicht für Partys. Deshalb fand die Neueröffnung bei den großen Brüdern um die Ecke statt: bei den Hells Angels. Das bekam die Polizei schnell mit und sperrte den Angel Place weiträumig ab. Sie kontrollierten mehr als 100 Personen, die in Rockerkluft erschienen waren. Dabei stellten die Beamten unter anderem Schlagstöcke und Messer sicher, zudem sprachen sie drei Platzverweise aus.
In Bremen stehen neben den Hells Angels und Red Devils auch der MC Truva unter Beobachtung, sowie der MC Gremium im Bremerhavener Rotlichtviertel. In Bremerhaven beobachtet Kripochef Jörg Seedorf Anfang 2013 zusätzlich, dass sich zwei weitere Rockergruppen zu etablieren versuchen: "Einmal die Garingas13. Das ist eine relativ neue Gruppierung. Und die Freeway Rider, die vorher im Landkreis tätig waren, sind jetzt auch noch Bremerhaven gekommen." Viele von deren Mitgliedern seien als Straftäter bekannt.
Die Mongols wurden vom Innenressort verboten. Die Klubs gelten als kriminell, obwohl ihnen nur noch selten etwas nachgewiesen werden kann. Denn Täter, Opfer und Zeugen schweigen in der Regel.
Verfeindete Klubs
Beim Kampf zwischen den Gruppen geht es um die Herrschaft in genau angegrenzten Gebieten, vor allem um Menschenhandel und Drogen, aber auch um Waffen und Sicherheitsdienste und die Türsteher-Szene bei Diskotheken. Der Oldenburger Kripochef Martin Rangnow: "Sie sind nicht harmlos. Das wollen sie auch nicht sein." Auf Ihrer Kutte tragen sie ein Symbol, das im Szenecode bedeutet: Wir sind das eine Prozent der Biker, die sich nicht an Recht und Gesetz halten wollen. Rangnow: "Etwa 50 Prozent der Rocker im Nordwesten sind schon auffällig geworden oder sogar vorbestraft. Dabei ging es zumeist um so genannte Rohheitsdelikte – also Erpressung, Raubüberfälle, schwere Körperverletzung. Das ist ein eindeutiges Signal, mit wem wir es hier zu tun haben."
Und der Kampf um die Herrschaftsgebiete ist nicht kleinräumig: Kenner der Rocker-Szene schlagen einen weiteren Kreis um Bremen, um die Regionalkämpfe zu verdeutlichen: In Nordwest-Niedersachsen gilt der Markt eigentlich als aufgeteilt – allerdings nicht im Sinne der Hells Angels: Da hat vor allem der Gremium MC das Sagen. Dass die Hells Angels das so offenbar nicht hinnehmen wollen, zeigen nicht nur ihre Aktivitäten in Bremen. Auch in Wilhelmshaven haben sie eine Niederlassung mit dem Namen Jadebay gegründet. Damit könnte das gesamte Machtgefüge dieser Rockergruppen durcheinander gewirbelt werden. Mit allen Konsequenzen.
Dabei treten die Mitglieder der großen Rockergruppe gar nicht selbst in Erscheinung, sondern schicken ihre Anwärter vor, so genannte Hangarounds, Supporter und Prospects. Die müssen sich dann in jahrelanger Sklaverei ihre Mitgliedschaft verdienen. So beschreibt es ein Hells-Angels-Aussteiger in seinem Buch "Der Racheengel". Er war der Kronzeuge im Prozess gegen die Hells Angels, die im Jahr 2006 Mitglieder des verfeindeten Rockerklubs Bandidos überfallen hatten. Deren Klubhaus in Brinkum ist seitdem geschlossen. Die so genannten Hüte sind aus Bremen verschwunden.
Mongols-Mitglieder vor dem ehemaligen Vereinsheim "Bulldog", das 2011 geschlossen wurde.
Rocker-Verbot
2011 gab es dann mehrere Schlägereien zwischen den neugegründeten Mongols und den Hells Angels. Der Streit endete mit dem Verbot der Mongols. Nach Ansicht der Behörden bestand deren Zweck einzig und allein darin, Straftaten zu begehen. In der Begründung heißt es: "Der Präsident und führende Mitglieder der Bremer Mongols sind hochgradig kriminell und gewaltbereit." Die Polizei hatte die Vereinsräume durchsucht und das vorhandene Vermögen beschlagnahmt, sowie das gerade eröffnete Klubhaus geschlossen. Das Tragen der Kutten mit den Vereins-Emblemen ist in Bremen seitdem verboten.
Das "Höllen-Haus" wird abgerissen
Rocker-Szene
![Polizisten beobachten Hells Angels auf Motorrädern [Quelle: Radio Bremen] Polizisten beobachten Hells Angels auf Motorrädern [Quelle: Radio Bremen]](/nachrichten/polizeikontrolle102_v-mediateaser.jpg)
Die Rocker im Nordwesten stellen aus Sicht der Polizei eine permanente Gefahr dar. Denn sie sind in der organisierten Kriminalität aktiv. Ob dagegen Verbote helfen, die Schließung von Klubhäusern oder Razzien – die Experten sind sich nicht einig. Mehr erfahren Sie hier in unserem Rocker-Dossier.
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29. Mai, 15:05 Uhr | Nordwestradio
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