Verfeindete Rockerbanden
In Bremen bekriegen sich wieder die Hells Angels und die Mongols. Stefan Schubert befürchtet, dass dies nur der Anfang ist. Der Ex-Polizist und Autor hat ein Buch über die Hells Angels geschrieben. Der 42-Jährige geht davon aus, dass Rockerkriege Deutschland noch viele Jahre beschäftigen werden. Im Interview mit Radio Bremen spricht er darüber, warum die Gangs in Bremen wieder aufeinander losgehen und über die Schwierigkeiten der Polizei.
"Hells Angels. Von den einen bewundert, von den anderen gefürchtet und gehasst", heißt es in der Beschreibung zum Buch von Stefan Schubert.
Radio Bremen: Die Mongols verboten, die Hells Angels hatten freiwillig den Rückzug angetreten. Jetzt sind sie wieder da. Die Clubs sind in Bremen wieder brutal aufeinander losgegangen. Haben Sie eine Erklärung?
Stefan Schubert: Die Clubs waren nie weg. Nur wenn ein Vereinsverbot ausgesprochen wird, heißt es nicht, dass die Personen verschwinden, dass die ihre Geschäftsfelder aufgeben. Man ist sich halt aus dem Weg gegangen. Man sieht aber gerade in Norddeutschland, dass im Bereich Chartergründung viel passiert ist 2013. Die Zeit der Zurückhaltung der Rockergangs, auch in Bremen, scheint endgültig vorbei zu sein.
Radio Bremen: Das Jahr ist noch frisch. Was hat sich getan?
Stefan Schubert: Anfang des Jahres wurden relativ unbemerkt auch in Norddeutschland über ein halbes Dutzend Charter gegründet. Von Wilhelmshaven, in Helmstedt, in Wolfsburg, in Celle, in Magdeburg und auch in Hannover gibt es wieder einen Charter, der Badland genannt wird. Das ist schon eine ziemlich offensive Gangart.
Radio Bremen: Die Hells Angels kontrollieren in vielen Städten das Rotlichtmilieu und scheffeln Millionen. Was wissen Sie über den Bremer Club "Westside"?
Stefan Schubert: Das ist einer der ältesten und größten Charter gewesen, mit bis zu 40 Mitgliedern. Auch in der Vergangenheit haben sie schon bewiesen, dass sie ihr selbst beanspruchtes Territorium Bremen und den ganzen norddeutschen Raum bereit sind, auch gewaltsam zu verteidigen. Ich erinnere an den Überfall auf die neu gegründeten Bandidos in Bremen mit fünf Schwerverletzten, der ja dann auch als Racheaktion den Mordanschlag auf den Hells Angel in Ibbenbühren ausgelöst hat. Da ist Bremen ein gebranntes Kind in der Beziehung.
Radio Bremen: Und die Mongols?
Stefan Schubert: Es ist kein Geheimnis, dass sie aus dem Rückhalt des Miri-Familienclans kamen, wo es große personelle Verstrickungen gibt. Die haben kein Problem wie jetzt am Wochenende 50, 60, 70 Leute auf die Straße zu bringen. Diese Leute interessiert sicherlich nicht, ob ein Verein verboten ist oder nicht. Die brauchen auch nicht ihre Mongols-Kutte, um gegen die Hells Angels anzutreten. Nur mit einem Vereinsverbot wird das nicht getan sein.
Radio Bremen: Warum sind sie jetzt wieder aufeinander losgegangen?
Stefan Schubert: Es ist noch die alte Machtfrage. Sie sind ja auch zu Beginn aneinander geraten. Die Mongols kommen zum Teil auch aus dem Migrantenmilieu, also aus einem Kulturkreis, wo auch Rache, Vergeltung und Ehre sehr stark interpretiert werden. Da sind natürlich von den letzten Auseinandersetzungen noch Rechnungen offen. Wenn man jetzt hört, dass ein Mongols-Mitglied lebensgefährlich verletzt worden ist, lässt das Schlimmes befürchten.
Radio Bremen: Was befürchten Sie?
Stefan Schubert: Dass es zu weiteren Vergeltungsaktionen kommt, die ähnlich heftig werden oder sogar noch schlimmer. Das wird natürlich schwer für die Polizei, auf Dauer da präsent zu sein.
Radio Bremen: Die Polizei war mit einem Großaufgebot im Einsatz, gleich zwei Mal. Ist es damit in den Griff zu bekommen?
Stefan Schubert: Ist es natürlich nicht, weil die Mitglieder sind natürlich so geschult, sich verdeckt zu bewegen innerhalb einer Stadt. Sie treffen sich vorher unter konspirativen Umständen oder reisen zu irgendwelchen Treffpunkten. Man sieht ja auch, dass die Massenschlägerei schon in vollem Gang war, als die Polizei dazugekommen ist und dann auch keine besonders ausgebildete Polizei, sprich Bereitschaftspolizei. Das ist dann natürlich schwer zu händeln, wenn dann auch noch massiv Waffen eingesetzt werden.
Radio Bremen: Wie kriegt man es denn überhaupt in den Griff?
Stefan Schubert: Ja, schwer. Die Strukturen sind jetzt da, und man hat zu lange zugeguckt. Man hat diese Rockergangs zehn, 15 Jahre gewähren lassen. Man sieht es auch in Bremen nach dem Überfall auf die Bandidos. Das Urteil damals war ja auch ein Deal, wo die meisten mit Bewährungsstrafen nach Hause gegangen sind. Das hat natürlich keine abschreckende Wirkung.
Radio Bremen: Was ist mit dem Verbot von Gangs?
Stefan Schubert: Es ist ein Irrglaube, sich auf diese Verbotsverfügung zu stürzen. Die Gangs sind so schnell, da kommt der Beamtenapparat natürlich nicht mit, weil ein Verbot auf den Weg zu bringen, sehr komplex ist. Die Clubs sind den Innenministern dann immer einen Schritt voraus. Da wird dann halt in einem Monat ein neuer Charter aufgemacht. Der heißt dann "Bremen Süd" oder "Bremen East". Da sind dann neue Leute im Vorstand und dann geht es wieder von vorne los.
Radio Bremen: Klingt ein bisschen resignierend.
Stefan Schubert: Es gibt halt keine einfache Lösung mit einem Verbot oder einer einfachen Maßnahme diese Gangs im Zaum halten zu können. Das ist über zehn, 15 Jahre gewachsen. Die Innenminster haben darauf nicht reagiert. Die Rocker haben gesehen, dass ihr Geschäftsmodell funktioniert. Die haben an ihrem Lebensstil auch Spaß. Das heißt, die Clubs werden so weiter machen. Darauf muss man sich einstellen. Im Gegensatz zu Deutschland sitzen sie in Skandinavien oder Nordamerika lebenslange Haftstrafen ab. Die wurden im Rahmen der Rockerkriege erheblich verschärft.
Radio Bremen: Die Biker-Romantik ist also vorbei.
Stefan Schubert: Die Biker-Romantik ist ja schon länger vorbei. Diese verbreitete Propaganda von der Ehre, der Brüderlichkeit mag vielleicht noch vor 30 Jahren gegolten haben. Man muss sich nur angucken, was für Leute in den vergangenen fünf Jahren rekrutiert worden sind, wie sich die schweren Straftaten gehäuft haben, dazu die Zahl der Toten. Es ist schon heftig, was da zur Zeit passiert. Es ist ein Problem, was da gewachsen ist, und es wird uns noch viele Jahre erhalten bleiben.
Radio Bremen: Sie haben in einem Interview gesagt, "wir sind an einem Scheidepunkt". Was meinen Sie?
Stefan Schubert: Die Hells Angels und die Bandidos haben teilweise gezielt gewalttätige Migranten angezogen, um eine bessere Position bei ihren Machtkämpfen zu haben. Das hat natürlich die gesamte Rockerszene für dieses Milieu interessant gemacht. Das heißt, es gründen sich jetzt überall neue Rockergangs, die sich dann so nennen, mit ganz anderen Hintergründen. Mich würde es nicht wundern, wenn wir bald auch in Deutschland ein, zwei verschiedene Rockerclubs haben, denen hauptsächlich Migranten angehören, und die dann in diese Kriege mit eingreifen werden.
Radio Bremen: Guckt man sich die Situation in Deutschland an, dann gehört Bremen zu den Schwerpunkten eines Rockerkriegs.
Stefan Schubert: Es gibt mehrere Rockerkriege. Vor zehn Jahren war das noch recht einfach. Da hatte man auf der einen Seite die Hells Angels und auf der anderen die Bandidos. Jetzt hat man auch durch diesen kriminellen Erfolg dieser Rockergangs viele Nachahmer in dieser Szene, die auch keinerlei Motorradhistorie haben. In Bremen sind es die Mongols. Es ist dadurch viel komplizierte und vielschichtiger geworden ist.
Radio Bremen: Was ist eigentlich der Reiz, einem Club wie den Hells Angels oder den Mongols beizutreten?
Stefan Schubert: Für die einen ist es die Kameradschaft, der Zusammenhalt. Diese Leute wollen sich von einem bürgerlichen Leben mit Job, Familie, Kind und am Wochenende mal ein Bier trinken, verabschieden. Sie leben nach eigenen Werten und nenen sich auch Gesetzlose, Outlaws. Reizvoll ist es auch für Leute, die ins Rotlichtmilieu streben, die als Kleinzuhälter oder als Türsteher arbeiten. Da ist es fast schon lebensnotwendig, dass man eine starke Gruppe im Rücken hat.
Radio Bremen: Sie haben ein Buch über die Hells Angels geschrieben. Sind Sie in irgendeiner Form mal bedroht worden?
Stefan Schubert: Nein. Ich habe das Buch auch relativ sachlich geschrieben. Ich habe die Taten für sich sprechen lassen, habe auch Parallen zu Amerika und Skandinavien gezogen. Es gibt einige Hells-Angels-Seiten und -Foren, in denen es kontrovers diskutiert worden ist. Aber ich bin nicht bedroht worden.
Polizei weist anonyme Vorwürfe zurück
Rocker-Schlägerei in Bremen
Rocker-Szene in Bremen und dem Nordwesten
Hintergrund
Polizei lässt rund 100 Rocker wieder frei
Nachrichtenmeldung
Rocker-Szene
![Polizisten beobachten Hells Angels auf Motorrädern [Quelle: Radio Bremen] Polizisten beobachten Hells Angels auf Motorrädern [Quelle: Radio Bremen]](/nachrichten/polizeikontrolle102_v-mediateaser.jpg)
Die Rocker im Nordwesten stellen aus Sicht der Polizei eine permanente Gefahr dar. Denn sie sind in der organisierten Kriminalität aktiv. Ob dagegen Verbote helfen, die Schließung von Klubhäusern oder Razzien – die Experten sind sich nicht einig. Mehr erfahren Sie hier in unserem Rocker-Dossier.
Meldungen zum Thema
Artikel zum Thema
Bremer Innensenator will keine Rocker im Stadtbild
Rocker-Verbote basieren oft nur auf Einzeltaten
"Zeit der Zurückhaltung in Bremen vorbei"
Audios und Videos zum Thema
Jetzt läuft
Streit ums Grundwasser in Holdorf
Die Brunnen der Gemeinde Holdorf liefern den größten Teil des Wasserbedarfs der Region Vechta. Nun sollen noch mehr Brunnen noch mehr Grundwasser abpumpen. Viele Anwohner beklagen aber schon jetzt, dass ihre Felder vertrocknen und der Wasserspiegel ihres Badesees sinkt. Welche Folgen hat es, wenn immer mehr Grundwasser aus dem Boden gepumpt wird? Wir diskutieren live vor Ort. Mehr...
29. Mai, 15:05 Uhr | Nordwestradio
Info: Die Rundschau
Sendezeit:
Mo. - Fr., 7, 8, 12, 16, 17 Uhr
Info: Nordwestradio Journal
Sendezeit:
Mo., - Fr.,
6:05 - 9 Uhr
12:08 - 13 Uhr
17:08 - 18:30 Uhr
Sa.,
8:05 - 9 Uhr
12:05 - 13 Uhr
Podcasts
Hier können Sie die neuesten Politik-Beiträge hören – wann und wo Sie wollen. Mit einem Download auch so oft Sie wollen. Mehr...
Soziale Netzwerke
Sie finden Radio-Bremen-Nachrichten nicht nur hier, sondern auch bei Twitter, Facebook, Google Plus und Youtube. Mehr...
radiobremen.de für unterwegs
Unter "m.radiobremen.de" sind wir nun auch mobil abrufbar. Damit kommen wir vielen Internetnutzern entgegen. Testen Sie es einfach mal aus! Mehr...
Jetzt auf radiobremen.de
Werder Bremen: Neuer Trainer Dutt wird heute vorgestellt
Streit um Beratungsstelle: SPD-Fraktionschef will Rat und Tat-Zentrum erhalten
Gesetzesinitiative aus Bremerhaven: Hauseigentümer müssen Schrottimmobilien abreißen
Böhrnsens Türkei-Reise: "Wichtig, sich mal sehen zu lassen"