Bremer Schaffermahlzeit
Irgendwie ist es ein Anachronismus: Ausgerechnet im liberal-obrigkeitsskeptischen Bremen pflegt man liebevoll eine sehr alte Tradition, die in ihrer strengen Form und Ablauf zwar völlig antiquiert wirkt, aber trotz alledem von den Bremern geliebt und von den Teilnehmenden als große Ehre empfunden wird: die Bremer Schaffermahlzeit.
Die Anordnung der Tische entspricht dem Dreizack des Meeresgottes Neptun. An den drei langen längs stehenden Tafeln sitzen an jeder Seite rund 40 Personen und an deren Kopfende jeweils ein Schaffer. Der querstehende Tisch am Kopfende fasst rund 60 Personen, dieser ist dem Verwaltenden Vorsteher, den Vorstehern, dem Bürgermeister und den Ehrengästen vorbehalten.
Ursprünglich ging es weniger ums Essen und Trinken, sondern um die Versorgung notleidender Seeleute und ihrer Angehörigen. Der Fernhandel über See, dem Bremen seinen Wohlstand verdankte, war gefährlich. Ob Sturm oder Freibeuter, Krankheit oder Schiffbruch - die Seeleute konnten nie sicher sein, ob sie und ihr Schiff unversehrt heimkehren würden. Die Schiffergesellschaft Bremens gründete deshalb 1545 eine Stiftung "Die Arme Seefahrt". Über ihren Zweck erklärt die vom Bremer Senat gesiegelte Urkunde:
"…dass Seeleute, die in Not geraten sind, unterhalten und versorgt werden, damit sie nicht nötig haben, zur Verkleinerung der Schifffahrt auf der Straße zu liegen oder vor den Türen zu betteln und um Almosen zu bitten."
Acht Vorsteher sollten Einnahmen und Ausgaben dieser Hilfskasse kontrollieren. Die jährliche Rechnungsprüfung legte man praktischerweise auf das Ende der Winterzeit, als das Eis auf der Weser brach, die Schiffe an der Schlachte hergerichtet wurden und die Seeleute ihre Säcke für monatelange Törns packten. Den Beginn der Handelssaison nutzten Schiffer und Kaufleute auch zu letzten Absprachen, und dazu konnte man ja gut das eine oder andere Bier genießen. Die Stiftungsurkunde bestimmte unmissverständlich:
"Und wenn die alljährliche Rechenschaft gehalten wird, was dann dabei an Bier oder sonst verzehrt und vertrunken wird, das soll nicht zum Nachtheile und Schaden der Armen aus der vorgenannten Kasse genommen werden, sondern ein jeglicher soll seinen Anpart aus seinem eigenen Beutel vergüten und bezahlen."
Schaffen
Das "Schaffen" leitet sich her vom kaufmännischen Schaffen ebenso wie von einem altertümlichen Begriff für Essenfassen an Bord und symbolisiert so die alte Verbindung von Schifffahrt und Kaufmannschaft.
Aus dem anfangs eher bescheidenen Abschieds-Umtrunk für die auslaufenden Besatzungen entwickelte sich bald ein üppiges Festgelage, bei dessen Ausrichtung die wohlhabenden Bremer Kaufleute sich gegenseitig zu übertrumpfen trachteten. Das erregte den Zorn eines protestantisch-strengen Bremer Bürgermeisters Mitte des 18. Jahrhunderts. Volchard Mindemann erklärte kategorisch:
"Die lärmenden und üppigen Schaffermahlzeiten sind ein übler Brauch, der mit den Zwecken der milden Anstalt in schneidendem Kontrast steht und abgeschafft werden müsse."
Mindemanns Verbotsidee scheiterte an der geschlossenen Abwehr der Kaufmannschaft. Über die Jahrhunderte wurde also weiter am zweiten Freitag im Februar in fester Sitz- und Speisenfolge die Schaffermahlzeit zelebriert: Kaufmannschaft, Kapitäne und später auch Ehrengäste aus Wirtschaft und Politik arbeiteten sich fünf Stunden lang durch Kohl und Pinkel, Stockfisch, Butt und Cheddarkäse, spülten nach mit Bordeaux, Riesling und dem sämigen Seefahrtsmalz, rauchten aus Tonpfeifchen und ließen diverse Reden über Seefahrt, Bremen, Handel und Wandel über sich ergehen. Geklatscht wird nie, dafür mit manchmal etwas schwerer Zunge gerufen: "Hepp – Hepp-Hepp-Hurra".
Auch in anderen Hansestädten gab es einst Hilfskassen für Seeleute und gemeinsame Festgelage - doch sie sind ausgestorben. So darf sich die Bremer Schaffermahlzeit heute stolz als das "älteste Brudermahl der Welt" bezeichnen. Eine der vielen altertümlich anmutenden, aber anscheinend gerade deshalb so gepflegten Traditionen verbannt im Prinzip bis heute die Damenwelt in die Nebenzimmer – bis auf das Verdauungstänzchen nach dem Festakt. Die Revolution kam 2004: die Kapitänin Barbara Massing nahm in blau-goldener Uniform zwischen 299 Herren Platz.
Apropos Traditionspflege: Die Ursprungsidee des Mahles wird weiter gepflegt und erfüllt noch heute ihren Zweck: das Haus Seefahrt sammelt Geld und kümmert sich um alte Kapitäne und deren Witwen und Waisen.
Schaffermahlzeit 1997, [4:54]
Schaffermahlzeit 1966, [5:18]
Schaffermahlzeit 1962 mit Willy Brandt und Lucius D. Clay, [4:37]
Schaffermahlzeit 1961, [3:21]
Schaffermahlzeit 1957, [6:38]
Geschichte der Schaffermahlzeit
Eine ausführliche Beschreibung auf der offiziellen Seite zur Schaffermahlzeit
Bremer Schaffermahlzeit
Die Schaffermahlzeit in Bremen ist das älteste fortbestehende, sich alljährlich wiederholende Brudermahl der Welt. Es findet immer am zweiten Freitag im Februar nach einem festen Ritual statt.
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