Amtszeit von 1995 bis 1999
Erst nach ihrer Amtszeit nahmen Bremer Schüler am Pisa-Test teil und belegten seitdem immer die letzten Plätzen. Einen Grund sieht die ehemalige Senatorin in der schwierigen sozialen Situation der Großstädte.
Bevor Bringfriede Kahrs in die Politik ging, war sie elf Jahre lang im Bremer Schuldienst tätig. Sie unterrichtete im Sekundar-Bereich Haupt- und Realschüler. Später saß sie als Abgeordnete für die SPD in der Bremischen Bürgerschaft. Nach dem Scheitern der "Ampelkoalition" übernahm 1995 eine Große Koalition aus SPD und CDU die Regierungsverantwortung. Unter dem neuen Bürgermeister Henning Scherf (SPD) wurde Bringfriede Kahrs zur Senatorin für Bildung, Wissenschaft, Kunst und Sport ernannt. Vier Jahre blieb sie im Amt und kehrte anschließend in die Bürgerschaft zurück. Mittlerweile lebt die 69-Jährige in Hamburg.
Bei meinem Amtsantritt 1995 nahmen weder Deutschland noch Bremen an nationalen und internationalen Vergleichsstudien teil. Nach hartem Ringen in der Kultusministerkonferenz 1997 fiel mit Zustimmung Bremens die Entscheidung, an den von der OECD durchgeführten Leistungsvergleichen teilzunehmen. Ein Jahr später stimmte auch Bremen für die Ländervergleiche innerhalb Deutschlands. Bei meinem Ausscheiden aus dem Amt 1999 wurde das schlechte Abschneiden Bremens erstmalig festgestellt. Warum danach keine Verbesserung eingetreten ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Allgemein kann jedoch festgestellt werden, dass die sozialen Ausgangslagen in Großstädten grundsätzlich schwieriger sind.
In meiner Amtszeit traf ich die Entscheidung, die Lehrerarbeitszeit um zwei Stunden zu erhöhen. Damit wurde sie an die Unterrichtsverpflichtungen in anderen Bundesländern angeglichen, in der Oberstufe überstieg sie das Mittelmaß. Einsparungen waren wegen der extremen Haushaltsnotlage Bremens erforderlich. Bremen hatte Geld in Karlsruhe vor dem Bundesverfassungsgericht erstritten, durfte sich aber keine überdurchschnittlichen Standards mehr leisten. Herausragend gut war die Schüler-Lehrer-Relation in Bremen. Deshalb sollten weniger Lehrer und Lehrerinnen mehr Schülerinnen und Schüler unterrichten.
Vorausgegangen waren lange Verhandlungen mit dem Landesvorstand der GEW mit dem Ziel, die Lehrerarbeitszeit transparenter zu gestalten und eine Jahresarbeitszeit einzurichten, die einer 38,5 Stundenwoche eines Angestellten entspricht. Dazu sollten Vor- und Nachbereitungsarbeiten ebenso wie Verwaltungstätigkeiten u. ä. einbezogen werden. Als das Modell den Gewerkschaftsmitgliedern zur Abstimmung vorlag, votierten sie dagegen und setzten ihren Vorstand ab.
Eine gute Schule hängt vom Schulklima, der Kooperation der Kollegien untereinander, der Fachlichkeit und insbesondere der Motivation der Lehrkräfte ab. Letztere litt vermutlich durch die Arbeitszeitverlängerung.
Die Gewinnerländer der Pisa-Studien könnten kulturell unterschiedlicher nicht sein, dennoch erreichen sie Bestnoten. Dazu gehören Korea, Finnland, Shanghai und Hongkong in China, Singapur, Kanada, Neuseeland, Japan und dann mit etwas Abstand Niederlande, Belgien, Norwegen (alles Ergebnisse 2010). Innerhalb Deutschlands liegen mal die Bayern, mal die Sachsen vorn, gefolgt von Baden-Württemberg und Thüringen. Da die Schulstrukturen (homogen / heterogene Leistungsgruppen, Ganztagsschulen / Halbtagsschulen, Finanzausstattung) verschieden sind, können hier die Ursachen für das gute Abschneiden eher nicht vermutet werden. Wesentliche Faktoren für das gute Abschneiden scheint die Wertschätzung der Gesellschaften für Bildung, schulische Leistung, guten Unterricht und der Lehrkräfte allgemein zu sein. Hinzu kommen sicher eine Schulkultur der Transparenz, des Voneinander-Lernens, der gemeinsamen Qualitätssicherung von Unterricht, Bildung und Erziehung.
Es kommt darauf an, die Schulkultur zu verbessern. Der Schulleitung kommt die Aufgabe zu, einen Konsens mit Kollegium und Elternschaft über Bildungs- und Erziehungsziele herzustellen, Wege zu ihrer Erreichung zu formulieren und die Einhaltung zu überwachen. Lehrkräfte und insbesondere Schulleitungen müssen regelmäßig fortgebildet werden. Entscheidend ist, was im Klassenzimmer geschieht. Unterricht sollte regelmäßig Projektarbeit, individuelles Lernen und schülerbezogene Förderung einschließen. Lehrerinnen und Lehrer sollten voneinander lernen, Erfahrungen austauschen, hospitieren. Schulen sollten sich vernetzen und gute Beispiele anderen vermitteln. Es müssen Wege gefunden werden, wie die Motivation der Lehrkräfte erhalten und gesteigert werden kann. Dazu sind nicht allein die Unterrichtsverpflichtung und Bezahlung entscheidend. Es müsste mehr Möglichkeiten geben, gute Schulen und gute Lehrkräfte auszuzeichnen.
Das besondere Problem der Stadtstaaten liegt darin, dass sie prozentual mehr Schülerinnen und Schüler aus sozial benachteiligten und bildungsferneren Schichten beschulen. Auf die Bedürfnisse dieser Kinder und Jugendlichen besonders einzugehen, ist eine große Herausforderung. Hamburg mit vergleichbarer sozialer Schichtung liegt im Vergleich der Bundesländer fast im Mittel. Es ist also möglich, durch binnendifferenzierte Angebote Erfolge zu erzielen. Zum Beispiel kann man in Hamburg Türkisch und Portugiesisch u. a. als Abiturfach belegen. Aber vielleicht ist das in Bremen auch so.
Diskutieren Sie mit im:
Schulsystem auf dem Prüfstand
Henning Scherf (SPD)
Der spätere Bürgermeister setzt darauf, die Kinder schon früh zu fördern. Dazu müssten Grundschulen und Kindergärten enger zusammenarbeiten. In seiner Amtszeit sei es ihm zwar nicht gelungen, die gegensätzlichen politischen Lager zu einem Kompromiss zu bewegen. Aber in den Schulen zähle am Ende, wie motiviert und qualifiziert die Lehrkräfte sind. Mehr...
Willi Lemke (SPD)
Für die schlechten Pisa-Ergebnisse bekam er quasi einen "Blauen Brief". Denn viele Bremer Schüler können nicht gut lesen und hinken auch in den naturwissenschaftlichen Fächern ein Schuljahr hinterher. Allein am Geld könne es aber nicht liegen, da ist sich der Senator sicher. Mehr...
Moritz Thape (SPD)
Schulvergleich gab es in seiner Amtszeit nicht. Als er das Bildungsressort übernahm, ging es vielmehr um Schulneubauten und um die gleichen Chancen für alle Kinder. Ein längeres gemeinsames Lernen konnte sich aber in Bremen nicht durchsetzen. Mehr...
Kommentare Bildungspolitik
Die letzten Beiträge im Gästebuch:
CharLy H.-G. Wardelmann: Medien akzeptieren die Lüge
Meyer: Ungenügend
König: Lehrmittelfreiheit
Acw: Stundenausfall: Bremen will erst 2014 anfangen zu löschen
Harald Marquart: Es wird sich nichts ändern!
Zeugnis für Bremer Schulen
Nach den vielen Vergleichsstudien, bei denen Bremen immer auf den hinteren Plätzen gelandet ist, wollten wir von Ihnen wissen: Was ist gut, was schlecht. Wo drückt der Schuh am meisten? Was müsste passieren, damit Bremen im Ländervergleich die rote Laterne abgeben kann? Rund 270 Kommentare und Bewertungen gingen in unserem Schul-Check ein. Dafür herzlichen Dank! Mehr...
Ihre Durchschnittsnote für die Bremer Bildungspolitik
Wir haben Sie nach Ihrer Bewertung der bisherigen Bremer Bildungspolitik gefragt und Sie haben uns geantwortet. Daraus haben wir Ihre Durchschnittsnote errechnet. Mehr...
Schul-Check-Team
Wollen Sie uns etwas mitteilen, ihre Anregungen loswerden oder Fragen zum Schul-Check stellen, dann schicken Sie uns einfache eine E-Mail an recherche@radiobremen.de!
Dossier: Schul-Check
![Leerer Klassenraum mit hochgestellten Stühlen [Quelle: Radio Bremen] Leerer Klassenraum mit hochgestellten Stühlen [Quelle: Radio Bremen]](/nachrichten/schule100_v-mediateaser.jpg)
Vom 8. bis zum 19. April können Schüler, Eltern und Lehrer auf radiobremen.de über die Bremer Bildungspolitik diskutieren und sich am "Schul-Check" beteiligen. Wir wollen wissen, wo es gut läuft und wo der Schuh drückt. Mehr finden Sie hier im Online-Dossier!
Mediathek
Alle Seiten
Fragen an die Politik
Jetzt auf radiobremen.de
Tote Frau im Pflegeheim: Bremer Sozialsenatorin will tägliche Kontakte
VBN-Jahresbilanz: Fahrgastzahlen und Einnahmen gestiegen
Forderung der Linken: Müllabfuhr soll wieder in städtische Hand
Neuer Trainer vorgestellt: Robin Dutt: "Werder ist Euphorie pur!"