21. Februar 2013, 8:27 Uhr
Etikettenschwindel
Beim Bremerhavener Tiefkühlkost-Hersteller "Copack" wurde Pferdefleisch verarbeitet und nicht korrekt deklariert vertrieben. Das bestätigte ein Sprecher der Bremer Gesundheitsbehörde nach Eigenkontrollen von Copack, einer Tochter des Herstellers "Frosta". Frosta selbst hatte in der vergangenen Woche angegeben, in seinen Produkten kein Pferdefleisch zu verarbeiten.
Copack hat nach eigenen Angaben in Nudelprodukten Pferdefleisch nachgewiesen.
Der Hersteller bezieht sein Fleisch nach eigenen Angaben von Betrieben, die selber schlachten. Diese würden regelmäßig kontrolliert, so ein Sprecher. Das galt aber nicht für die Eigenmarken einiger Supermarkt-Ketten, die die Frosta-Tochter "Copack" herstellt. Konkret handelt es sich um "Penne Bolognese", die Copack an Aldi-Nord und an Lidl in der Schweiz geliefert hat. Beide Ketten haben das Produkt nach eigenen Angaben aus dem Verkauf genommen.
Pferdefleischfund in Bremerhaven, [1:29]
In der Tiefkühlware sei ein Anteil von mehr als einem Prozent Pferdefleisch nachgewiesen worden, sagte Copack-Geschäftsführer Jürgen Marggraf. Damit liege ein Verstoß gegen die Kennzeichnungspflicht vor. Schätzungsweise betrage der Pferdefleischanteil etwa zehn Prozent. Copack werde nun seine eigenen Lieferanten zur Rechenschaft ziehen. Copack habe Rinderhackfleisch von einem belgischen Lieferanten bezogen, der dieses über einen niedersächsischen Zulieferer erhalten hat. Dieser wiederum hat seine Ware über ein holländisches Unternehmen erhalten, das von einem Schlachtbetrieb in Italien beliefert worden ist, erklärte Marggraf. Copack entschuldigte sich auf seiner Homepage bei den Verbrauchern und kündigte Maßnahmen an, die eine Beimischung von nicht deklariertem Pferdefleisch in den Produkten künftig verhindern sollen.
So beschreibt der Frosta-Konzern den Transportweg des Fleisches durch Europa.
Frosta selbst habe sich die genaue Herkunft des verwendeten Fleisches aktuell noch einmal bestätigen lassen, so der Vorstandsvorsitzende Felix Ahlers. Er bedauerte, dass der Skandal ein schlechtes Licht auf die gesamte Tiefkühlkost-Branche wirft. Frosta setze sich deshalb für mehr Transparenz auf dem Markt ein. Das Unternehmen will in Zukunft weitere Informationen über die einzelnen Zutaten für seine Produkte ins Internet stellen.
Video: Pferdefleischfund in Bremerhaven
Einstellungen, Infos und Kommentare
Video: Aktionsplan gegen Pferdefleisch
Einstellungen, Infos und Kommentare
Weitere Verdachtsfälle im Land Bremen gibt es der Gesundheitsbehörde zufolge nicht. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt jetzt gegen das niedersächsische Fleischunternehmen "Schypke" aus Steinfeld im Kreis Vechta. Es bestehe der Verdacht, dass in dem Betrieb im Oldenburger Münsterland Pferdefleisch verarbeitet worden ist, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltsschaft. Dies könne ein Verstoß gegen das Lebensmittel- und Futtermittelgesetz darstellen. Der weltgrößte Lebensmittelkonzern "Nestlé" hatte nicht deklarierte Anteile von Pferdefleisch in seinen Produkten entdeckt und Schypke als Zulieferer genannt. "Wir haben uns nichts zuschulden kommen lassen, wir produzieren weiter", sagte Schypke-Vertriebschef Manfred Diekmann. "Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass die Firma Schypke zu keiner Zeit Pferdefleisch eingekauft hat", teilte die Geschäftsleitung in Steinfeld-Mühlen mit. Nach Angaben des Unternehmens, sei ein Vorlieferant Schuld gewesen. Das Unternehmen will nach eigenen Angaben selbst Anzeige gegen Unbekannt erstatten.
Der Cuxhavener Hersteller Wingert Foods rief am 22. Februar 2013 Zigeuner-Hacksteaks der Marke Maitre Corbell zurück. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass Anteile von Pferdefleisch in dem Produkt enthalten seien, teilte das Unternehmen mit. Das Gericht sei in den Supermärkten bereits aus dem Verkauf genommen worden.
Pferdefleisch hat weniger Kalorien, weniger Fett und viel tierisches Eiweiss.
Auch in Italien und Spanien wurden zwei Nudelprodukte vom Markt genommen. Der Anteil von Pferdefleisch in den Produkten "Buitoni Beef Ravioli" und "Beef Tortellini" habe bei mehr als einem Prozent gelegen. Der Landkreis Vechta hatte angeordnet, dass der Betrieb vorerst kein Fleisch verarbeiten oder weiter transportieren darf. Die Anordnung hätten die Veterinäre des Kreises mündlich gegeben. Sie gelte, bis das Fleisch von der Behörde kontrolliert worden ist, sagte der Kreissprecher. Bislang gilt das Unternehmen als "nicht auffällig". Weitere Angaben wollte der Kreissprecher nicht machen. Das Unternehmen sei Opfer krimineller Machenschaften geworden, sagte der Bremer Gesundheitssenator Hermann Schulte-Sasse. Um auf Nummer Sicher zu gehen, müssten die Lieferwege künftig noch besser kontrolliert werden.
Der Lebensmittelhändler "Bünting" ist ebenfalls vom Betrug mit nicht deklariertem Pferdefleisch betroffen. Bereits vor zehn Tagen seien Lasagne-Fertiggerichte der Eigenmarke "Jeden Tag" aus den Regalen genommen worden, bestätigte das Unternehmen. Kunden können die 400-Gramm-Packung auch zurückgeben und erhalten den Kaufpreis erstattet. Zu Bünting gehören unter anderem die Supermarktketten "Combi" und "Famila".
Bremen plant keine zusätzlichen Kontrollen
Trotz der Aufregung um falsch gekennzeichnetes Fleisch gibt es in Bremen zurzeit keine zusätzlichen Kontrollen von Lebensmitteln. Ein Sprecher der Bremer Gesundheitsbehörde begründete auf Nachfrage von Radio Bremen den Verzicht damit, dass von Pferdefleisch keine Gesundheitsgefahren ausgingen.
Bremen und Niedersachsen haben unterschiedliche Prioritäten bei Kontrollen.
Die Lebensmittelbehörden in Niedersachsen haben ihre Kontrollen hingegen verschärft. Fertiggerichte mit Hackfleisch würden besonders unter die Lupe genommen, sagte eine Sprecherin des Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Oldenburg. Bei einer zuvor unabhängig vom aktuellen Skandal organisierten Kontrolle von Fertiggerichten wurden keine Auffälligkeiten entdeckt, sagte die Sprecherin. Am 13. Februar 2013 war auch in Deutschland erstmals statt des angegebenen Rindfleischs in Tiefkühl-Lasagne Pferdefleisch entdeckt worden.
In Bremen gibt es heute nur noch einen Pferdeschlachter. Frank Dohrmann sagte: "Das ist kein Fleischskandal, sondern Etikettenschwindel. Pferdefleisch ist ja nicht gefährlich". Nach seinen Angaben war Pferdefleisch früher das "Fleisch der armen Leute". "Der Geschmack liegt zwischen Rind und Wild. Es ist sehr eiweißreich, sehr mager und hat wenig Cholesterin".
Aktionsplan gegen Pferdefleisch, [5:23]
Der feine Unterschied: Lamm ja – Pferd nein?
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Info: Nordwestradio Journal
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