Lohndumping durch Leiharbeit
Anfang Dezember wurde das Altenheim Wichernstift in Ganderkesee vom diakonischen Werk der hannoverschen Landeskirche wegen Rufschädigung ausgeschlossen. Die Heimleitung hatte unter anderem versucht, ihren Mitarbeitern die Löhne zu kürzen. Nun will sich die Diakonie von einer weiteren Einrichtung trennen: der Diakonischen Altenhilfe Lilienthal. Ihr wird Tarifflucht durch massiven Einsatz von Leiharbeit vorgeworfen.
Video: Zukunft der Diakonischen Altenpflege
Einstellungen, Infos und Kommentare
Wegen des starken Kostendrucks in der Altenpflege gründete die Diakonische Altenhilfe Lilienthal 2004 eine eigene Leiharbeitsfirma mit dem Namen Dialogistik. Seitdem werden alle Pflegekräfte, aber auch das Küchenpersonal und andere Hilfskräfte, dort eingestellt. Laut Geschäftsführer Hans Mencke habe man bei den Löhnen sparen müssen, um so auf diesem Wege den Konkurs des Unternehmens zu vermeiden.
Rund 350 Beschäftigte arbeiten inzwischen bei der Dialogistik. Für sie gilt nicht mehr der Kirchentarif, sondern der Zeitarbeitstarif. Angelernte Kräfte, wie Pflegehelfer, verdienen seitdem rund 20 Prozent weniger als das alte Stammpersonal, räumt der Geschäftsführer ein. Das macht im Schnitt rund 380 Euro im Monat aus, hat die Betriebsratsvorsitzende der Leiharbeitsfirma, Sabine Lampe, ausgerechnet. Hinzu kommen nach ihren Angaben noch schlechtere Arbeitsbedingungen und weniger freie Sonntage. "Unsere Kollegen in der Dialogistik haben Anspruch auf 15 freie Sonntage und die Kollegen in der Diakonischen Altenhilfe haben Anspruch auf 26 freie Sonntage", zählt sie auf. Außerdem werden Überstundenzuschläge und anderen Zulagen nicht immer ausgezahlt. Darauf müssten die Mitarbeiter selbst achten, erklärt sie weiter.
Insgesamt ist die Betriebsratsvorsitzende der diakonischen Leiharbeitsfirma mit den Zuständen unzufrieden. Sabine Lampe zweifelt: "Das sehe ich eben nicht als sehr christlich an, wie das hier umgesetzt wird." Das fand offenbar auch das Diakonische Werk der hannoverschen Landeskirche. Inzwischen steht fest, dass die Diakonische Altenhilfe Lilienthal als diakonische Einrichtung keine Zukunft hat, räumt Geschäftsführer Mencke ein: "Wir sind sozusagen besonders im Fokus der Kritik, weil wir den Mitarbeitern nicht nur abgesenkte Vergütungssätze zahlen, sondern im hohen Maße eben auch über die Dialogistik Leiharbeit betreiben." Leiharbeit darf nach Kirchenrecht nur kurzfristig eingesetzt werden, um Engpässe auszugleichen. Nicht aber, wie in Lilienthal, auf Dauer.
Laut Geschäftsführer Mencke steht noch nicht fest, wann genau die Altenhilfe aus dem Diakonischen Werk ausscheiden wird. Fest steht aber, dass die Dialogistik demnächst aufgelöst wird. Die Mitarbeiter der Leiharbeitsfirma werden von der Muttergesellschaft zu den bisherigen Tarifen übernommen. Besser bezahlen könne er seine Mitarbeiter leider nicht, beteuert Geschäftsführer Mencke: "Wir können keine Preiserhöhungen durchsetzen, vor allem nicht dann, wenn man sozusagen sowieso schon zu den teuersten Einrichtungen gehört."
Mencke verweist darauf, dass inzwischen in allen diakonischen Altenpflegeeinrichtungen in Niedersachsen die Beschäftigten nicht mehr das volle kirchliche Tarifgehalt bekommen. Schuld sei die Politik. Sie, so klagt der Geschäftsführer, kümmere sich nicht darum, dass die Altenpflegeeinrichtungen genügend Geld bekommen. In seinen Augen ist das Dilemma, "dass es auf der einen Seite Überkapazitäten gibt und auf der anderen Seite der Gesetzgeber nicht regulierend eingreift, sondern zusieht, wie die Branche langsam kaputt geht."
Radio-Bremen-Reporter Reinhard Sablotny berichtet, [3:13]
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