Debatte um Gleichbehandlung
Sind Fußgänger nur Männer? Nein, natürlich nicht. Auch Frauen sind gemeint. Deswegen fließt jetzt in der neuen Straßenverkehrsordnung der Verkehr geschlechtsneutral. Dort heißt es dann statt Fußgänger: Wer zu Fuß geht oder zu Fuß Gehende. Bremens Landesfrauenbeauftragte meint: "Ein guter und wichtiger Schritt". Radio-Bremen-Redakteur Jochen Grabler dagegen findet: "übers Ziel hinausgeschossen". Zwei Positionen.
Sehen Verkehrsschilder in Zulunft so aus?
Die Gleichberechtigung erreicht die Straße. Soweit ist es noch nicht, aber zumindest in der Straßenverkehrsordnung gibt es nun nicht mehr nur zu Fuß gehende Männer, sondern auch radfahrende Frauen. Das wurde auch Zeit. In Bremen werden Gesetzesvorlagen schon lange nach klaren sprachlichen Vorgaben formuliert. Hier ist man sich darüber bewusst, welche Macht Sprache besitzt. Es ist gut und wichtig, dass diese Erkenntnis auch in der Bundesgesetzgebung angekommen ist.
Selbstverständlich richtete sich die bisherige Straßenverkehrsordnung an Männer und an Frauen. Fußgänger meinte Fußgänger und Fußgängerin, Radfahrer meinte Radfahrer und Radfahrerin. Doch genau da liegt die Crux. Frauen haben ein Recht darauf, nicht nur "mitgemeint" zu sein. Die Zeiten, in denen es sich ein Staat erlauben konnte, Frauen sprachlich zu unterschlagen, sind zum Glück für uns alle vorbei. Frauen gestalten die Gesellschaft auf vielen Ebenen mit. Gestalten heißt aber auch vorkommen und nicht nur mitgemeint sein. Wenn man die zahlreichen Bekenntnisse aus Politik und Wirtschaft, dass Frauen in ihrer Position gestärkt werden sollen, also ernst nimmt, dann ist es nur folgerichtig, dass Frauen und Männer gleichermaßen nicht nur an-, sondern auch ausgesprochen werden.
Keine Frage, die ungewohnten Formulierungen werden sofort Kritiker und Kritikerinnen auf den Plan rufen, welche die deutsche Sprache in Gefahr sehen. Diese sollten sich eines gesagt sein lassen: Sprache und Gesellschaft wandeln und beeinflussen sich stetig. Aus der Sprache lesen wir gesellschaftliche Werte und Normen ab. Sie prägt unser Bewusstsein. Die Politik hat also eine ganz besondere Verantwortung dafür, mit einer Sprache zu sprechen, die alle Menschen umfasst – Männer und Frauen. Das tut sie zum Beispiel bereits bei Krankenpflegern, die niemand als Krankenschwestern bezeichnen würde. Gleichberechtigung fängt im Kopf an und endet nicht auf der Straße.
Nichts ist schlimmer, als wenn Menschen, die eine gute Sache verfolgen, so übers Ziel hinausschießen, dass die Sache lächerlich wird. Das passiert, wenn Politik die Bodenhaftung verliert und in's Religiöse kippt. Wenn sich die "reine Lehre" durchsetzt und das Eiferertum – dann lachen die Leute. Und sie lachen zu recht.
Also lache ich über die geschlechterneutralisierte Straßenverkehrsordnung. Über "den zu Fuß Gehenden" und die "Fahrenden von Rollstühlen" könnte ich mich kringeln. Und wenn die Süddeutsche Zeitung titelt "Verkehr ohne Geschlecht", halte ich das für eine sehr treffende Beschreibung.
Und ich werde wütend. Denn wieder mal sehe ich einen Fall von Eiferertum. Die Absicht hinter dieser sprachhygienischen Maßnahme ist gut, wird nur leider von der kruden Maßnahme selbst diskreditiert. Chancengleichheit, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Zugang zu allen Berufen, gleiche Karrierechancen, gleiche Rechte und Pflichten in allen Lebensbereichen – auch zuhause – das sind gute Ziele. Dass sie noch nicht verwirklicht sind, ist schreiendes Unrecht. Ich wünsche, meine Tochter muss nicht mehr an diese verknasterten gesellschaftlichen Grenzen stoßen.
Aber die Idee, diese Ziele nun ausgerechnet so zu verfolgen, geht voll nach hinten los. Denn, Achtung! Schlimme Binsenweisheit! Sprache lässt sich nicht anordnen. Wer das versucht, gibt sich der Lächerlichkeit preis. Sprache entwickelt sich, und wenn es gut geht, dann sterben diskriminierende Worte langsam aus. Zu denen gehören aber ganz sicher nicht die "Radfahrer" oder "Fußgänger". Ich tippe mal ganz kühn, dass die Zahl derjenigen Frauen, die sich durch die Sprache in der Straßenverkehrsordnung diskriminiert fühlen, weit unter der statistischen Messbarkeitsgrenze liegt. Alle andern lachen. Das ist zwar gesund, kann aber nicht im Sinn der Sache sein.
Geschlechtsneutraler Straßenverkehr
Wir haben Sie, die Nutzer der Radio-Bremen-Homepage gefragt: "Brauchen wir eine geschlechterneutrale Sprache?" und Ihnen ein Gästebuch zur Verfügung gestellt, auf dem Sie Ihre Meinung äußern konnten. Auch auf unserem Facebook-Profil haben sich einige User beteiligt und einen Kommentar hinterlassen. Hier eine Zusammenfassung:
Die große Mehrheit belächelt die neue Geschlechtsneutralität. "Emil Paul" glaubte gar an einen verfrühten Aprilscherz: "Alles andere wäre großer Blödsinn!" Viele User wünschen sich einen Erhalt der deutschen Sprache und kritisieren die Änderungen: "Der einzige Effekt, den wir bewirken ist, dass wir unsere Sprache entweder vollständig geschlechtsneutral machen und zwischen das Frau und das Mann eines Tages nicht mehr unterscheiden […] " schreibt "Leon Herbst". Zu "männliche" Begriffe werden gestrichen. "Statler & Waldorf" fragt: "Um Himmels willen, wie viel Blödsinn denken sich Ämter, Behörden und die Frauenbeauftragten denn noch aus?"
Einige User weisen so wie "Mimmi" darauf hin, dass dies der falsche Weg zum Ziel Gleichberechtigung sei: "Es ist viel wichtiger, dass Frauen die gleichen Karriere- und Verdienstmöglichkeiten bekommen, anstatt die Sprache mit gekünstelten Gender-Wortschöpfungen zu verhunzen."
Es gibt wenige Stimmen, die sich für die Neuerung aussprechen: "Gleichberechtigung beginnt in unseren Köpfen. Wenn Frauen immer nur "Mitgemeint" sind, dann wird die weibliche Identität ignoriert."
Auch auf unserem Facebook-Profil bekamen wir zahlreiche Antworten zu gesendet. "Imke Engelbrecht" unterstützt neue Formulierungen: "Ich finde das gut und wichtig! Zwar klingt geschlechtsneutrale Sprache so manches Mal befremdlich, aber es verbirgt sich doch dahinter das Thema Wertschätzung und Anerkennung beider Geschlechter." Werner Schugk plädiert hingegen für eine schnelle Lösung: "Ist doch ganz einfach: "der" und "die" abschaffen. Nur noch "das" bleibt über. Das reicht doch."
Die erneuerte Straßenverkehrsordnung ist zwar kein April-Scherz, trotzdem mussten einige User schmunzeln. Dass hinter dieser Idee aber ein ernster Hintergrund steckt, wurde von vielen Usern dennoch berücksichtigt.
Zum Nachlesen:
Gästebuch: Brauchen wir eine geschlechtsneutrale Sprache?
Ihre Meinung war gefragt
Von "zu Fuß Gehenden" und "Mofa Fahrenden"
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29. Mai, 15:05 Uhr | Nordwestradio
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