Parlamentswahl in Italien
"Rieccolo". Da ist er wieder. Silvio Berlusconi. Trotz aller Skandale will er in Italien wieder an die Macht. Beste Chancen bei der Parlamentswahl hat aber ein anderer: Pier Luigi Bersani mit seinem Mitte-Links-Bündnis. Aber auch ein Komiker mischt mit und ruft zum "Sturm auf Rom" auf. Europa blickt gespannt nach Italien. Francesca Montinaro kennt die italienische Seele. Die Journalistin lebt seit vielen Jahren in Bremen und arbeitet als Moderatorin beim Funkhaus Europa. Wir wollten von ihr unter anderem wissen: Warum geben viele Italiener doch wieder Berlusconi ihre Stimme?
Europäisches Unverständnis: Wenige Tage vor der Wahl hat Berlusconi in Umfragen wieder aufgeholt.
Die wichtigsten Köpfe der Wahl in Italien
Eine Übersicht bei tagesschau.de
Radio Bremen: Wer hat Ihrer Meinung nach die besten Karten und warum?
Francesca Montinaro: Das Mitte-Links-Bündnis hat jetzt die große Chance wieder an die Regierung zu kommen. Die meisten Menschen sind von Berlusconi und seinen Skandalen enttäuscht.
Radio Bremen: Viele andere Länder treibt die Sorge um, dass Berlusconi sein drittes politisches Comeback schafft. Erklären Sie uns, wieso viele Italiener Berlusconi wählen.
Francesca Montinaro: Sie müssen sich vorstellen, Berlusconi ist nicht vom Himmel gefallen. Er ist das Produkt einer bestimmten Kultur. Er ist die Spitze des Eisbergs. Es gibt viele Politiker in Städten und Kommunen, die so sind wie er. Sie regieren wie er. Sie verfolgen wie Berlusconi ihre Interessen und sie leben nach dieser Macho-Kultur. Italien ist nach Berlusconi auf jeden Fall ein gespaltenes Land.
Radio Bremen: Ein Versprechen von Berlusconi: Weg mit der Grundsteuer und Geld zurück. Glauben tatsächlich viele Italiener, dass der "Cavaliere" solche Geschenke macht?
Francesca Montinaro: Ja. Es ist tatsächlich so, dass viele noch daran glauben. Für einfache Menschen sind Berlusconis Versprechen einfach zu verstehen. Er ist in seiner Politik einfach gestrickt. Ideologien sucht man bei ihm vergeblich. Dazu kommt, dass viele Italiener von Berlusconis Politik profitieren, von dieser Vetternwirtschaft. Es ist zwar nicht die Masse, es scheint aber noch zu funktionieren.
Programmtipp
Gespräch mit Octavia Brugger in der Sendung "Nova" beim Funkhaus Europa am Montag in der Zeit zwischen 16:05 - 18 Uhr. Sie ist Journalistin in Rom.
Radio Bremen: Auch in Ihrer italienischen Redaktion beim Funkhaus Europa werden die Wahlen das Dauerthema sein. Wie ist die Stimmung dort?
Francesca Montinaro: Bei uns herrscht eine aufgeregte Stimmung. Wir sind traurig darüber, dass wir immer schlechtes über Italien berichten müssen. Krisen, Enttäuschungen, schlechte Nachrichten. Wir hoffen für unser Land, dass jetzt die Zeit der großen Wende gekommen ist. Wir sind mit Herz und Kopf dabei. Am Montag machen wir zur Wahl auch eine Sondersendung (19-20 Uhr auf Funkhaus Europa auf Italienisch; Anm.d.Red.)
Schlechte Stimmung bei Italienern in Deutschland
Bericht beim Funkhaus Europa
Radio Bremen: Auch ein Kabarettist, Beppe Grillo, hat in Umfragen stark zugelegt. Er hat unter anderem die Protestinitiative V-Day, auf Deutsch in etwa "Leck-mich-am-Arsch-Tag", ins Leben gerufen. Er schimpft über fast jeden Politiker und jede Partei. Berlusconi nennt ihn "Psycho-Zwerg". Trauen ihm die Italiener ernsthaft Regierungsverantwortung zu?
Francesca Montinaro: Grillo hat seine Wahlkampagne mit einem großen Erfolg abgeschlossen. Die Plätze in den Städten sind voll, wenn er redet. Grillo ist für mich ein großes Fragezeichen. Er scheint viele Anhänger zu haben. Das sind viele, die sich von der Politik abkehren. Wir wissen nicht, ob er zweite oder dritte Kraft werden kann. Das macht den anderen Parteien Angst. Er ist für mich aber auch politisch ein großes Fragezeichen. Denn ob er Politik machen kann, muss er noch beweisen.
Der Kabarettist Beppe Grillo beim Wahlkampf.
Radio Bremen: Die italienische Wirtschaft schwächelt. Viele Familien müssen kürzer treten, weil das Geld nicht mehr reicht. Mit der Wahl können die Italiener jetzt über den politischen Kurs entscheiden. Und trotzdem: Fast jeder Dritte weiß noch nicht, ob er überhaupt wählen geht und wenn ja für wen er stimmt. Woher kommt diese Verdrossenheit?
Francesca Montinaro: In Italien sind viele, viele Menschen enttäuscht. Sie spüren den Misserfolg der Politik am eigenen Leib. Armut, Arbeitslosigkeit. Ihnen fehlt das Vertrauen, und deswegen sind sie noch am überlegen.
Radio Bremen: Es deutet vieles darauf hin, dass das Mitte-Links-Bündnis von Pier Luigi Bersani das Rennen macht. Der Wahlforscher Roberto D'Alimonte warnt aber davor, das wahre Potenzial von Populisten wie Berlusconi und Grillo zu unterschätzen. Glauben Sie, es kann eine Überraschung geben?
Francesca Montinaro: Es scheint aber tatsächlich so zu sein, dass das Mitte-Links-Bündnis am Ende die Nase vorne hat. Die Überraschung wird wahrscheinlich eher sein, welche Konstellation es am Ende geben wird. Berlusconi, Grillo oder Monti zweitstärkste Kraft. Das wird wohl eher die Überraschung.
Radio Bremen: Welchen Ausgang wünschen Sie sich?
Francesca Montinaro: Ich wünsche, dass Italien eine Regierung bekommt, die die Wende schafft. Glaubwürdige Politiker, die Italien auch die Glaubwürdigkeit in Europa zurückbringen und für Stabilität in Italien sorgen.
Radio Bremen: Was macht Sie optimistisch, dass Italien schon bald wieder für la dolce vita und nicht mehr für Krise steht?
Francesca Montinaro: Mich macht optimistisch, dass es neben Berlusconi-Anhängern und Menschen, die einfach nur gegen die Politik wettern, sehr viele Italiener gibt, die an einen Neuanfang glauben.
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