Der Norden schaut hin
Seit 15 Jahren gibt es sie schon, Kategorie C. So heißt eine Bremer Rockband und so nennt die Polizei auch gewaltbereite Fußballfans. Die Band Kategorie C hat sich in den letzten Jahren von einer kleinen Hooligantruppe, die Musik macht, zu einer der erfolgreichsten Rechtsrock-Bands entwickelt.
Unsere Reporter sind der Band deshalb nach Kaiserslautern gefolgt. Eine nicht ungefährliche Schnitzeljagd: Ziellos fahren wir durch Kaiserslautern, am Stadion vorbei, auf der Suche nach dem geheimen Treffpunkt der Bremer Rechtsrock-Band Kategorie C. Wo das Konzert stattfinden wird, sollen wir über eine anonyme Handynummer erfahren, die auf der Homepage der Band veröffentlicht wird. Bis jetzt tappen wir im Dunkeln.
Radio Bremen: "Tag, wo findet denn das Konzert heute statt?"
Stimme: "Ich schick Dir den Ort per SMS."
Die Schnitzeljagd beginnt: Von hier aus sollen wir nach Zweibrücken fahren – 60 Kilometer entfernt. Dort gäbe es neue Informationen. Fest steht: das Konzert wird stattfinden – veranstaltet von rechten Fans des 1 FC. Kaiserslautern. Doch was wird uns in Zweibrücken erwarten? Harmlose Rockfans, ein Großaufgebot der Polizei oder etwa hunderte Nazis?
Die Band selbst gibt sich unpolitisch. Die vier Männer von Kategorie C sind nach eigenen Angaben nicht rechtsextrem. Sie verstehen sich als eine Hooligan-Band, die über Fußball singt – keine Nazis. In ihrem Afrikalied zur WM 2010 in Südafrika hetzen Sie gegen farbige Spieler: "Wir haben Lust auf Fußball-Safari, aber nur mit Tore schießen, ich werde nicht vor Ort sein und auch nicht wirklich was vermissen. Die Berggorillas und Schimpansen wollen auf grünem Rasen tanzen. Spielen sie Foul, kommen sie zu Fall, so geht's ins Daktari-Hospital."
Im Internet jammert der Sänger Hannes Ostendorf über das Schmuddel-Image und das strikte Vorgehen der Behörden, denn in Bremen sind die letzten Auftritte verboten worden: "Viele Rechtsrock-Bands haben überhaupt keine Probleme zu spielen, und eine Woche später kommen wir in denselben Saal und dürfen nicht spielen. Da muss man sich mal fragen: Hey, wir sind wirklich der Staatsfeind-Nummer Eins. Und nicht irgendwelche Bushidos, die denken, sie sind so radikal. Die größten Probleme haben eindeutig wir!"
"Fußball ist Fußball und Politik bleibt Politik" ist ein Motto der Band. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt hingegen, dass hier Fußball und Politik kaum zu trennen sind: Kategorie C spielte zum Beispiel auf einem Konzert vor einem NPD-Zelt. Der Bruder des Sängers ist ein bekannter NPD-Aktivist. Laut dem Verfassungsschutzbericht von 2010 tritt die Band immer mal wieder auch mit rechtsextremistischen Skinhead-Bands auf.
Der Bremer Verfassungsschutz beobachtet die Band seit Jahren. Hans Joachim von Wachter: "Es ist eine Hooliganband, das heißt also, hier steht Gewalt im Vordergrund und nicht der Extremismus. Aber wenn in dieser Band Rechtsextremisten sind, oder auch das Publikum von Rechtsextremisten dominiert wird oder zumindest beeinflusst ist, dann ist das unsere Aufgabe, das zu beobachten. Und das stellen wir auch fest. Wenn bei einem solchen Konzert viele gewaltbereite oder -orientierte Menschen sind, dann ist das ein Ort, von dem Gefahren ausgehen, und wo rechtsextremistisches Gedankengut verbreitet wird."
Deshalb dieses Versteckspiel? In Zweibrücken bekommen wir neue Informationen: 20 Autominuten von hier soll für das Konzert schon aufgebaut werden.
Doch die Polizei macht den Spielverderber, Wolfgang Denzer von der Polizei Rheinland-Pfalz: "Wir haben natürlich Leute, die den Bereich überwachen. Die haben auch einigermaßen Erfahrung, wo solche Veranstaltungen stattfinden können. Die haben dann festgestellt, dass auf einem Wiesengelände hier im Bereich Vorbereitungshandlungen gemacht wurden, das heißt es wurden Bierwagen und Sitzgarnituren aufgestellt. Wir wussten letztendlich: Hier soll es stattfinden. Wir haben mit den Leuten gesprochen und dann gemeinsam mit der Verbandsgemeinde eine Verbotsverfügung und Platzverweise ausgesprochen."
Jetzt soll das Konzert in Frankreich stattfinden. Kurz vor der Grenze, werden wir gestoppt: Polizeikontrolle.
Wir sind nicht alleine, auch Kategorie-C-Fans sind hier. Auffällig ist, dass viele relativ jung sind. Fans, die den Kick suchen, das Abenteuer? Sie tragen Marken, die bei der rechten Szene beliebt sind. Beobachter halten die Band deshalb für gefährlich, weil durch vermeintlich harmlose Fußballmusik gerade Jugendliche an rechtsextreme Strukturen herangeführt werden.
Thomas Hafke vom Fan-Projekt Bremen erklärt: "Die halten alle zusammen: 'Wir sind eine tolle Gemeinschaft', 'Wenn's drauf ankommt, können wir uns wehren', 'Wir sind echte Männer'. Das ist die Schiene, auf der versucht wird, Jugendliche für die rechte Bewegung zu gewinnen."
Und Szenen-Kenner Ronny Blaschke kann ergänzen: "Es ist gefährlich, dass das viele von denen immer noch nicht wissen. Natürlich ist da niemand, der Wahl-Material der NPD-Partei verteilt oder zur Weihnachtsfeier der Kameradschaft einlädt. Aber das Setting und der Männlichkeitskult kann eine rechte Einstellung verstärken."
Unter 18-Jährige können das aktuelle Album ganz legal kaufen, denn es ist nicht indiziert. Die Bremer Behörden könnten eine Prüfung beantragen, sehen dies allerdings nicht als ihre Aufgabe an, weil der Lebensmittelpunkt der Bandmitglieder nicht in Bremen liege.
Ronny Blaschke: "Sie geben sich als Verfolgte des Staates, der Polizei. Darauf basiert ein großer Teil Ihres Kommerzes, ihres Merchandisings. Das kommt bei Jugendlichen gut an. Und allein das schürt ja eine Staatsferne, die bei Jugendlichen, aber auch bei Erwachsenen, schon latent oder offen vorhanden ist. Das ist gefährlich für eine Demokratie."
Die Band, mit den Vorwürfen konfrontiert, äußert sich schriftlich:
"Politik findet in unseren Texten nicht statt."
Wir recherchieren weiter. Es interessiert uns, wie gut die Band von der Musik leben kann und ob es auch in der Geschäftswelt rechte Kontakte gibt. Vermarktet wird das aktuelle Album unter dem Label "KC Music Limited". Firmenadresse ist Birmingham, England, mit Zweigstelle im niedersächsischen Bovenden. Unter der gleichen Adresse ist der Versandhandel "derVersand" gemeldet, der vom niedersächsischen Verfassungsschutz beobachtet wird. Geschäftsführer ist ein ehemaliger Schlagzeuger von Kategorie C, der zuvor bei der rechten Band "Hauptkampflinie" spielte. Das Firmenvermögen soll mehrere 10.000 Pfund betragen, Tendenz steigend. Als Unbekannte den Onlineshop der Band hacken, wird klar, dass die Kunden aus ganz Europa kommen. Ganz in der Nähe von Bremen, in Schwarme, sollen die Alben produziert worden sein. Wir wagen einen Test und geben uns als Band aus, die ein Tonstudio sucht.
Radio Bremen: "Unsere Texte sind, ich sag mal so, doppeldeutig."
Tonstudio: "Puh, doppeldeutig. Da fangen die Probleme an. Dann brauch ich ein Gutachten von Euch, dann geht das. Ich muss mich ja absichern, falls jemand nachfragt. Wenn ihr so etwas nicht habt, könnt Ihr das vergessen. Es gibt Gutachter, die übernehmen so etwas, die sind auch zuverlässig und dann geht das."
Auf dem Hof in Schwarme soll nicht nur ein Album von Kategorie C produziert worden sein. In Videos auf Youtube finden wir Hinweise, dass Fans und die Band hier waren. Auch Rechtsrock-Bands wie Vollkontakt, Endlöser oder Oidoxie sollen hier aufgenommen haben. Wir rufen den Studiobesitzer erneut an und geben uns zu erkennen.
Radio Bremen: "Sie möchten sich vor der Kamera nicht äußern?"
Tonstudio: "Wollen Sie mich jetzt outen? Ich bin echt den Tränen nahe, was würden Sie denn machen, wenn Sie kein Geld zum Essen haben. Ich wäre jetzt nicht mehr am Leben. Ich verdiene sonst nichts."
Radio Bremen: " Sie müssen bedenken, dass Sie an dem ganzen System mitverdienen."
Tonstudio: "Wenn ich das nicht aufnehme, dann produzieren sie das für unter 1.000 Euro im Osten. Dass diese Bands vom Verfassungsschutz beobachtet werden, und was die einzelnen Sänger auf Konzerten tun, darauf habe ich keinen Einfluss."
Wer denn dann? In Rheinland-Pfalz konnten die Behörden das Konzert verhindern, jedenfalls in Deutschland.
Doch Kategorie C hat vorgesorgt: Wie bei vielen Konzerten von rechtsradikalen Bands ist die Grenze zum Ausland nicht weit. Heute weichen die Musiker und Fans nach Volmunster in Frankreich aus, um dort ungestört auf einem Acker eines vermutlich deutschen Unternehmers zu spielen. Wir sind dort nicht mehr dabei, ohne Polizeischutz ist es uns zu heikel. Im Internet finden wir später ein Video vom Konzert.
In Frankreich endet unsere Schnitzeljagd, und die der Polizei. Die Taktik ist aufgegangen: weil hier in Frankreich andere Gesetze gelten. Hier wird die Band nur aus der Ferne beobachtet.
Die Suche nach dem Rechtsrock-Konzert, [9:36]
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