Gedenken in Kirchweyhe
Eine Welle der Empörung schwappte durchs Netz. Ausgelöst durch den Tod von Daniel S. in Kirchweyhe. Auf dieser Welle ist die rechte Szene mitgeritten. "Auf Facebook tat sich eine digitale Parallelwelt auf. Was sich in dieser Parallelwelt ereignete, war ein gezielt inszenierter und gesteuerter Shitstorm. Von rechts." Zu diesem Schluss kommt Radio-Bremen-Redakteur Jochen Grabler.
Video: Keine NPD-Demo in Weyhe
Einstellungen, Infos und Kommentare
Was für eine grässliche Tat: Ein junger Mann wurde umgebracht, als er einen Streit zwischen Jugendlichen schlichten wollte. Er wurde brutal erschlagen. Ein Gewaltrausch, wie so oft. Ein Zufallsopfer, sagt die Polizei, so zynisch das auch klingen mag. Dass das Opfer einen deutschen, der Täter einen türkischen Hintergrund hatte, spielte keine Rolle.
Gespräch mit Jochen Grabler im Nordwestradio, [5:39]
Gespräch Jochen Grabler
So war das in Kirchweyhe. Und seitdem sind viele Menschen im Ort in Trauer, fassungslos über den Ausbruch von Gewalt, besorgt, verstört. Viele auch voller Wut über ihrer Meinung nach zu lahmen Medien, eine zu lasche Justiz und nicht zuletzt: viele auch über "die Ausländer".
Viele wollten und wollen diesen Gefühlen und Gedanken Ausdruck verleihen. Da kam es vergangene Woche gerade recht, dass es in der modernen Medienwelt ein Angebot gab. Auf Facebook erschien der Aufruf zu einer Mahnwache am Samstag. Dort sollten "Kerzen angezündet und eine Schweigeminute eingelegt" werden.
Viele Menschen meldeten sich über Facebook. Mal traurig, mal erbost, manche wütend – dann aber ...
Ja, dann aber! Je mehr Menschen sich via Facebook meldeten, desto mehr offenbarte sich, was sich in der modernen Medienwelt schnell offenbart: In rasender Geschwindigkeit waren die Trauernden in der Minderheit. Es erhob sich, was mittlerweile Shitstorm genannt wird. Ungebremst fegte wüstester Ausländerhass über die Trauergemeinde hinweg. Und mancher ließ sich mitreißen.
War das Weyhe? War so die Stimmung im Ort? I wo! Von Hass war im Ort selbst wenig spürbar. Erster Befund also: Auf Facebook tat sich eine digitale Parallelwelt auf. Zweiter Befund: Was sich in dieser Parallelwelt ereignete, war ein gezielt inszenierter und gesteuerter Shitstorm. Von rechts.
Der Reihe nach.
Der Initiator der Mahnwache heißt "Frank Guenther". Der gibt sich in all seinen Texten sehr moderat, betont wortreich, er sei ganz und gar unpolitisch und ihm gehe es nur ums Gedenken an das Opfer.
"Frank Guenther" lässt nämlich wenig Zweifel an seinen sonstigen Vorlieben. Auf seiner eigenen Facebook-Seite macht er Werbung für ein Musikstück der Bremer Rechtsrockband "Endstufe" – eine seit Jahrzehnten musizierende Skinhead-Kapelle. Selbstverständlich so unpolitisch, wie Skinheads eben sind. Genau wie die Musikerkollegen von "Kategorie C", auf deren Facebook-Seite "Guenther" gerne mal positive Kommentare hinterlässt. Auch "Kategorie C" ist ganz unpolitisch. Der Band geht es in ihrem künstlerischen Schaffen allein um Fußball und dabei vor allem um das körperliche Gerangel am Rande von Sportereignissen. Alles ganz harmlos. Kleine Kostprobe: "Warst Du schon einmal selber dabei? In der dritten Halbzeit, der Fußballkeilerei. Die Hände schwitzen, die Augen werden groß. Wir haken uns ein, und dann geht es los ..."
Wir halten also fest: Der erste, der des Opfers einer brutalen Schlägerei gedenken will, hört gerne die Musik der bekanntesten Hooligan-Band der Republik. Die wiederum besingt Gewalt.
Im Laufe der Woche bildete sich ein Organisationsteam für die Mahnwache heraus. Dort trat neben "Guenther" ein "Michi Kruse" als Administrator auf. Auch "Kruse" hat sich in der Diskussion des Falles stets moderat geäußert. Die Mahnwache solle keine politische Demonstration sein, niemand solle verschreckt werden.
Auch "Michi Kruse" ist auf Facebook aktiv. Wir lernen, dass er es nicht nur gut findet, wenn Männer in Lebensmittel ejakulieren. Wir lernen auch, dass "Kruse" der "Identitären Bewegung" anhängt. Ein rechter Trupp, der den Untergang der Deutschen wittert: "Du gehörst zur letzten Generation die noch die Mehrheit stellt im eigenen Land, die letzte Generation die das Schicksal Europas noch einmal wenden kann", steht in deren Selbstdarstellung. Bei den Identitären steht die "Islamisierung" kurz bevor. Der Verfassungsschutz hat beobachtet, dass es in dieser Gruppe personelle Überschneidungen mit der Neonazi-Szene gibt.
Als die Mahnwache wegen der zahlreichen Hasskommentare verboten und die Debattenseite gelöscht war, entstand auf Facebook eine "geschlossene Gruppe", die aber öffentlich einsehbar war. Unter "Mahnwache (15 Uhr) – verboten“ sammelten sich nicht nur die beiden Organisatoren, sondern auch ein überschaubarer Kreis von "anderen Mitgliedern“. Unter dem Motto "Wenn auch unsere Mahnwache verboten wurde, lassen wir uns nicht unterkriegen“ versammelte sich eine Gruppe, die sich auch von verboten nicht abschrecken ließ:
Sehr bemerkenswert ist auch ein Führerscheinprüfungs-Bilderwitz auf "Nickels" Seite. Was tun, wenn der Schutzmann den Arm hebt? Richtige Antwort: "Hitlergruß auf jeden Fall erwidern".
Reicht das?
Was sich zuvor an Hassdebatten entwickelt hatte, wundert kaum, wenn man die einschlägigen sonstigen Internetportale betrachtet. Kaum ein rechtes Diskussionsforum, das den Fall in Weyhe nicht für die eigenen Zwecke ausgeschlachtet hat. Wer's nicht glaubt, soll nachgucken: Beim pseudo-intellektuellen Organ "Junge Freiheit", bei den Rechtsaußensammlern der "Identitären Bewegung", bei der "Deutschen Stimme" der NPD, im Forum "Politically Incorrect", bei "Sezession.de" – überall dieselbe Propaganda über "Ausländergewalt".
Genau diese Propaganda bestimmte die Mahnwachen-Seite auf Facebook.
"Man man man, schmeißt die verdammten ausländer (südländer) endlich raus, damit so etwas nie wieder passieren kann! eskann doch nicht wahr sein das man auch nach diesem fall immer noch die augen verschließt und dazu nichts sagen will... ?!", schrieb ein "Hendrik Leipski". Dessen Lieblingsfoto zeigt übrigens ein Maschinengewehr und ihm gefällt "Nationale Sozialisten für Tier- und Umweltschutz".
Solche Einträge gab's massenhaft, und sie waren so massiv, dass sich manche Bürger, die einfach nur ihrer Trauer Ausdruck geben wollten, schnell zurückzogen.
Ab und an versuchten sogar Migranten, mit den anderen Nutzern zu diskutieren. Auch sie wollten trauern, kamen aber, wie "Charlene Borchers" zu dem Schluss: "Ich wäre auch gerne gekommen aber sowas unterstütze ich nicht! Sehr arm ubd traurig das sich nazis ein wirklich trauriges Ereignis sich zu nutzen machen! Schämt euch ihr seit kein Stück besser als die Täter. ... Ich hab angst um meine eigene Gesundheit!"
Wer diese Angst schürte? Zum Beispiel ein "Max Treuherz": "Und das schlimmste ist, dass in den allermeisten Berichten die Herkunft der Täter wie üblich in solchen Fällen verschwiegen wird und es quasi als Streit unter Jugendlichen dargestellt wird. Die Täter und ihre Nationalität endlich beim Namen nennen, damit auch der Letzte es kapiert, dass wir ein massives Problem mit gewaltbereiten Ausländern hierzulande haben und dass Multikulti gnadenlos gescheitert ist." "Max Treuherz", übrigens, wirbt für sich mit einem Bild, auf dem Frauen mit Kopftüchern zu sehen sind, die Plastiktüten tragen. Die Schrift darüber: "Gute Heimreise".
Es war so einfach. Wer auf Facebook seinen Namen nicht preisgeben möchte, der schreibt eben unter einem Phantasienamen. Ein "Fabian DiesDas" bekennt sich zu "Die Rechte", ein "Michi Verden", ist Kreisvorsitzender "Die Rechte" im Rhein-Erft-Kreis, ein "Jens Mitenstahl" ist Fan von der Freien Nationalisten Hessen. Die unterzeichnen ihre Pamphlete "Mit nationalen und sozialistischen Grüßen". "Tristan Berger" aus Delmenhorst ist Fan von "Kategorie C" und tatsächlich trauert auch ein "Andreas Meyer" aus Kapstadt, Südafrika. Der empfiehlt die gesammelten Reden von Adolf Hitler zur Lektüre.
Gleichzeitig wurden Redaktionen mit E-Mails bombardiert. Auch Radio Bremen. Wir wurden ultimativ aufgefordert, die vermeintliche Nationalität des Täters zu nennen. Zum Beispiel so: "Ihr von RadioBremen seit so weit links das ihr es nicht mehr merken tut, das in diesem Land und vor allem in dieser Stadt etwas schieff läuft ! Schluss mit der Toleranz gegen dieses Pack !!" Oder so: "Darf ich fragen warum Sie die Täterherkunft bei dem Mord an Daniel wegzensieren ? Passt das nicht in Ihr linksversifftes Weltbild?"
Auch das gehört zur Inszenierung, auch das gehört zum Shitstorm – zumal die Bild-Zeitung ihren Teil dazu beigetragen hat, welche Geister gerufen wurden. Am Dienstag: "Unter Hochdruck ermittelt die Polizei gegen sechs der brutalen Schläger. Alles Südländer." Am Donnerstag: "... der junge Türke, der Lackierer Daniel S. (25) ins Koma getreten haben soll." Am Freitag wurde Facebook geadelt: "Ganz Deutschland nimmt im Internet Anteil." Und am Montag schließlich fand auch die Bild zur Trauer in Weyhe: "Aber das Nazi-Pack wollte keiner sehen". Von den Ermittlungsergebnissen der Polizei, dass die Abstammung von Opfer und Täter bei der Tat keine Rolle gespielt hat – bis heute kein Wort.
Es gab also gute Gründe, die Abstammung des Täters nicht zu nennen. Und doch wurde sie im Laufe der Woche genannt. Wie auch sonst hätte man erklären können, dass die Gemeinde einen Aufmarsch der Rechten befürchtete, dass der Staatsschutz eingeschaltet und die via Facebook angekündigte "Mahnwache" schließlich verboten wurde.
Was bleibt? Viele Fragen.
Trotz dieses Verbots waren nicht wenige Menschen um 15 Uhr am Weyher Bahnhof. Wären sie wohl gekommen, wenn Hooligans, Neonazi-Organisationen, Rechte aus allen möglichen Splittergruppen aufgerufen hätten? Wären sie gekommen, wenn erkennbar gewesen wäre, wer da auf Facebook spricht?
Hätten manche Medien, auch Radio Bremen, den migrantischen Hintergrund des Täters veröffentlicht – ohne diesen massiven Druck via Internet?
Und, ungemütliche Frage: Hätte die Gemeinde eine Mahnwache organisiert, für die es ja offensichtlich ein Bedürfnis gab?
Es gab ehrliches Entsetzen, tiefe Trauer, das große Bedürfnis, dem Ausdruck zu verleihen, vielleicht sogar das Bedürfnis, über politische Konsequenzen aus so einer Tat zu diskutieren. Aber es gab eben auch Trittbrettfahrer des Grauens, die diese Stimmung gnadenlos für sich ausgenutzt haben. Bis hin zu einer Salafistendelegation, die extra aus Mönchengladbach zur Mahnwache anreiste.
Eins ist sicher: Vieles wäre anders gewesen ohne diese Trittbrettfahrer.
Wie gehen wir – Bürger, Medien, politisch Verantwortliche – damit um, dass es unterdessen kinderleicht ist, die Öffentlichkeit zu manipulieren und einen Shitstorm zu initiieren? Was, wenn sogar innerhalb dieses Shitstorm die Initiatoren mit verteilten Rollen sprechen? Wenn einige ganz offen hetzen, andere beschwichtigen – aber im Grunde dasselbe Ziel verfolgen? Wer glaubt, was er auf Facebook und anderen Portalen liest, wenn die Absender im Dunkeln bleiben oder sich tarnen?
Gibt es mehr Antworten als die ganz schlichte "Man muss genau hingucken"?
Das würde mich brennend interessieren.
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29. Mai, 15:05 Uhr | Nordwestradio
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