Proteste gegen die öffentliche Vereidigung im Weser-Stadion
1.200 Rekruten legen am 6. Mai 1980 in Bremen ihr feierliches Gelöbnis ab. Zudem wird ein Jubiläum gefeiert: Die Bundeswehr ist vor 25 Jahren der Nato beigetreten. Dazu ist politische Prominenz angereist, wie Bundespräsident Karl Carstens und Verteidigungsminister Hans Apel. Draußen vor dem Weser-Stadion marschieren 10.000 Demonstranten auf, um gegen die öffentliche "Militär-Show" zu protestieren. Aber der friedliche Protest eskaliert.
Eine Strohpuppe, die starke Ähnlichkeit mit dem Bundespräsidenten Karl Carstens hat, führt den Demonstrationszug an.
Vom friedlichen Protest zur Randale
Fotos von Radio-Bremen-Redakteur Peter Meier-Hüsing
Die Szenerie ist bizarr. Einheiten der Bundeswehr haben auf dem Rasen des Weser-Stadions Aufstellung genommen, um ein Gelöbnis zur Verteidigung des Vaterlandes abzulegen, Militärmusik schwappt durch das Stadion, auf den Rängen sitzen Soldaten, Offiziere, Politiker, Bundespräsident Karl Carstens spricht über Pflicht und Freiheit, alle suchen nach feierlicher Haltung, doch es hallen Pfiffe und Gebrüll über das Tribünendach, es riecht nach brennenden Autos, ein knatternder Polizeihubschrauber kreiselt über allem.
Radio-Bremen-Fernsehbericht vom 7. Mai 1980, [9:11]
Fast 10.000 Menschen sind zu zwei angemeldeten Demonstrationen gegen die öffentliche Rekrutenvereidigung gekommen, von christlichen Jugendverbänden und Gewerkschaftern bis zu den damals noch weit verbreiteten "kommunistischen Sekten" und selbsternannten "revolutionären" Stadtguerillas. Da geht es nur im Vordergrund um ein Gelöbnis. Tatsächlich geht es um die Ablehnung eines Staatswesens.
Demonstranten am Osterdeich
Dazu muss an die Situation im Frühjahr 1980 erinnert werden: Der NATO-Doppelbeschluss zur Nachrüstung und der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan liegen gerade wenige Monate zurück, die Friedensbewegung in Deutschland war stark und genoss große Sympathien in der Bevölkerung.
In dieser Situation ein öffentliches Rekrutengelöbnis samt Großem Zapfenstreich als militärisches Ritual zu inszenieren, um die schon bezweifelte NATO-Treue der deutschen Sozialdemokratie zu dokumentieren, und das im Bremer Weser-Stadion, ist gelinde gesagt politisch unüberlegt. Auch prominente Bremer SPDler wollen auf das "Säbelrasseln" verzichten, aber Bürgermeister Koschnick hält es für notwendig.
Koschnick zu den Krawallen, [5:42]
Christian Siegel sprach mit dem Bremer Bürgermeister.
Dass solch ein Spektakel zu dieser Zeit einer Provokation gleichkommt und massiven Protest auslösen muss, liegt auf der Hand. Nur niemand, weder in der Politik, weder bei der Polizei oder beim Verfassungsschutz, aber auch nicht die Organisatoren der zwei angemeldeten Demonstrationen haben je mit einer solchen Eskalation der Gewalt gerechnet. Und sie nimmt an diesem Abend vor dem Weser-Stadion ihren Ausgang von einer relativ kleinen Gruppe militanter Autonomer bis hinein in das RAF-Sympathisantenumfeld. Die haben von vornherein auf gewaltsame Konfrontation gesetzt. Eine gemeinsame Demonstrationsleitung o.ä. gibt es seit dem Eintreffen am Weser-Stadion nicht mehr. In der Folge wächst die Aggressivität der Polizisten. Pflastersteine fliegen zurück, Wasserwerfer mit CS-Gas werden eingesetzt, nach Einbruch der Dunkelheit räumen einige Hundertschaften der Polizei dann massiv den Osterdeich und seine Seitenstraßen und prügeln wahllos auf jeden ein, der nicht schnell genug fliehen kann.
Der 6. Mai 1980 hat ein langes politisches Nachspiel. Vergebliche Rücktrittsforderungen gegen Bremens Bürgermeister Koschnick und Innensenator Fröhlich, parlamentarische Untersuchungsausschüsse und einen Bericht des Verteidigungsauschusses des Bundestages. Empfehlung der Bonner Politiker ein halbes Jahr nach den Bremer Krawallen: Die wichtige Aufgabe der Bundeswehr müsse den Jugendlichen in Deutschland positiver dargestellt werden. Und Radio Bremens Jugendsendung Popkarton wird wegen ihrer antimilitaristischen Haltung schwer gescholten. 30 Jahre später wirbt die Bundeswehr für den Einsatz am Hindukusch. Ohne Proteste. 30 Jahre - das ist eben schon eine ganze Generation.
Hobbyfilmer Veit Bendixen war mittendrin am 6. Mai 1980
Radio-Bremen-Reporterin Marianne Strauch stellt ihn und sein Super-8-Material vor.
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12. Juni, 17:45 Uhr | EinsPlus
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