Neujahrsansprache des Bürgerschaftspräsidenten
Liebe Bremerinnen und Bremer,
Zeit zu haben, ist offenbar zum teuersten Luxus geworden. Wie oft hört man das. "Ich habe keine Zeit" – und wie oft sagt man das selbst! Hektik, Stress und Unruhe bestimmen unser Leben. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Und das ist auch nicht gesund. Ärzte, Krankenkassen und Unternehmen sprechen von alarmierenden Zahlen bei Stress-Erkrankungen, Depressionen und Burn-out.
Das beschleunigte Leben in Beruf und Alltag überfordert uns. Handy, Ipod und Computer machen uns nervös. Zu viele Informationen stürmen den ganzen Tag auf uns ein und überfluten unsere Gehirne. Dauernd müssen wir Entscheidungen treffen. Was ist wichtig, was ist unwichtig? Was muss sofort sein, was kann warten?
Nun könnten wir ja einfach abschalten. Sie werden sagen: Das ist ja Unsinn, man braucht die Informationsmedien doch. Das stimmt einerseits. Aber wenn wir ehrlich sind, verbringen wir zu viel Zeit damit und gehen sogar viel zu spät schlafen! Wie oft sind Sie vor lauter Emails kaum zum Arbeiten gekommen! Wie viele Menschen simsen den ganzen Tag oder dokumentieren ihr Leben auf Facebook!
Sind wir alle der Online-Sucht erlegen? Nehmen wir das einmal an. Wenn jemand, der süchtig ist, seine Suchtmittel einfach mal weglässt, also ausschaltet, was passiert dann? Dann tut sich ein Abgrund auf, eine Leere, ein Nichts, das nur schwer auszuhalten ist! Das ist übertrieben? Probieren Sie es einmal aus! So, und wenn wir mutig in diesen Abgrund schauen, finden wir dort: Unsere verlorene Zeit!
Dort finden wir unsere Ruhe, unsere Entspannung, das Nichtstun und die Erholung. Dort finden wir das Zuhören und den Humor. Dort finden wir vielleicht die Zeit, die uns in Haus und Garten immer gefehlt hat.
Aber das Schlimmste ist: Wenn wir uns ständig getrieben fühlen, bleibt auch keine Zeit für echte Kommunikation, bleibt keine Zeit für gemeinsame Unternehmungen – auch mit unseren Kindern – keine Zeit zum Nachdenken, keine Zeit für Mitgefühl. Zeit brauchen wir auch, um an die die Armen, die Alten, die Ausgegrenzten, an die Kranken und Einsamen unter uns zu denken, die unseren Beistand und unsere Zuwendung brauchen.
Deshalb hat dieses Thema eine große Tragweite. Es gibt Familien, da sitzen alle in verschiedenen Zimmern vor dem Bildschirm, und wenn die Tochter den Papa etwas fragen will, dann schickt sie ihm eine Email! Und wenn man dem Jungen wegen zu vieler Ballerspiele den Rooter wegnimmt, tritt er vor Wut die Tür ein!
Wir dürfen aber nicht aus der Übung kommen, wie man ein Gespräch führt oder wie man um etwas bittet. Unsere Kinder müssen lernen, wie man sich streitet und versöhnt! Wir sind als Erwachsene dafür verantwortlich, dass unsere Kinder sich das von uns abgucken können.
Es wäre gut, wenn wir ihnen vorleben, wie man anderen mit Freundlichkeit und Nachsicht begegnet, wie man tröstet, ermutigt oder verzeiht. Das zu üben, dafür muss Zeit da sein, dafür müssen Gelegenheiten da sein.
Kinder brauchen Zeit für Erfolgserlebnisse, sie brauchen Zeit, damit ihnen etwas gelingen kann. Daraus schöpfen sie ihr Selbstwertgefühl, das wir für ein friedliches Zusammenleben in der Zukunft so dringend brauchen.
Ich wünsche Ihnen allen ein gutes, von Gesundheit und Zuversicht geprägtes Jahr 2013, in dem auch Ruhe und Entspannung ihren Platz finden.
vom Präsidenten der Bremischen Bürgerschaft, Christian Weber., [3:43]
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