Pflege im Alter
Pflege im Alter ist ein Armutsrisiko. Im Schnitt müssen Pflegebedürftige 31.000 Euro aus eigener Tasche zahlen. Das geht aus einer aktuellen Studie hervor, die der Bremer Gesundheitsökonom Heinz Rothgang mit herausgegeben hat. Angesichts dieser Zahlen sei der von der Bundesregierung auf den Weg gebrachte "Pflege-Bahr" wenig hilfreich, sagt der Ökonom im Radio-Bremen-Interview.
Heinz Rothgang warnt, es sei nicht sicher, dass die privaten Versicherungen im Pflegefall wirklich die privaten Ausgaben abfangen könnten.
Radio Bremen: Mit ihrer Studie ist es erstmals möglich zu beziffern, was Pflege in Deutschland kostet. Ergebnis: Ein Pflegeleben für Männer kostet etwa 42.000 Euro, bei Frauen ist es fast doppelt so viel. Was sagen diese Zahlen aus? Ist Pflege bzw. Qualität in der Pflege überhaupt finanzierbar?
Heinz Rothgang: Die genannten Zahlen sollen vor allem verdeutlichen, dass Pflege sehr teuer werden kann. Für die Mehrheit der Pflegebedürftigen fallen sehr viel niedrigere Kosten an, für eine Minderheit sehr hohe. Allerdings ist dieser Betrag nicht auf einen Schlag zu zahlen, sondern im Verlauf eines "Pflegelebens", das – bei den Pflegebedürftigen mit hohen Kosten – in der Regel recht lang ist. Wichtig ist aber, deutlich zu machen, dass die Pflegekosten und auch die pflegerische Versorgung keine Randthemen sind, sondern bedeutsame sozialpolitische Fragestellungen aufwerfen.
Pflege-Bahr
Versicherte müssen für den Pflege-Bahr mindestens zehn Euro monatlich als Eigenbeitrag entrichten. Die Versicherungsunternehmen dürfen keinen Antragsteller wegen gesundheitlicher Risiken ablehnen. Damit möglichst viele Menschen die staatliche Förderung in Anspruch nehmen können, sind Gesundheitsprüfung, Risikozuschläge und Leistungsausschlüsse nicht erlaubt. Die Verordnung tritt am 4. Januar 2013 in Kraft.
Radio Bremen: Laut Ihrer Studie müssen Pflegedürftige aus eigener Tasche durchschnittlich 31.000 Euro drauf zahlen. Die Bundesregierung will nun Anreize für private Vorsorge setzen. Ab 2013 soll es bei einem Eigenanteil von zehn Euro vom Staat fünf Euro monatlich dazu geben – der sogenannte "Pflege-Bahr". Wie hilfreich ist das?
Heinz Rothgang: Der Pflege-Bahr trägt nicht wahrnehmbar zur Problemlösung bei. Im Koalitionsvertrag war eine obligatorische private Zusatzversicherung angekündigt worden. Hiervon ist im Pflege-Neuausrichtungsgesetz zu Gunsten einer freiwilligen Absicherung abgewichen worden – wahrscheinlich um den steuerfinanzierten Zuschussbedarf zu senken. Tatsächlich hat die Bundesregierung für 2013 nur 100 Millionen Euro für den Zuschuss in ihrem Haushalt eingeplant. Das entspricht 1,67 Millionen Versicherungsverträgen und es gibt keine Hinweise darauf, dass die Zahl der Versicherungsverträge langfristig sehr viel höher liegen wird.
Der Pflege-Bahr wird also nur von einer kleinen Minderheit in Anspruch genommen werden, und hierbei wird es sich um die Einkommensstärkeren handeln. Einkommensschwächere Haushalte, die in besonderem Maße der Unterstützung bedürfen, werden diese Zuschüsse über ihre Steuerzahlungen mitfinanzieren, aber nicht davon profitieren. Ein Sozialausgleich, wie er bei Pauschalprämien in der Krankenversicherung immer wieder diskutiert wird, ist nicht vorgesehen.
Radio Bremen: Würden Sie zum Abschluss raten?
Heinz Rothgang: Ich würde derzeit von einem Abschluss abraten – und befinde mich dabei in Übereinstimmung mit etlichen Ratgebern, etwa im Internet. Der erste Grund liegt darin, dass wesentliche Fragen der Versicherung weder im Gesetz noch in der Durchführungsverordnung geklärt sind und entsprechende Musterverträge der Versicherungswirtschaft noch nicht vorliegen. Zu diesen Frage gehören zum Beispiel die Leistungen in Pflegestufe I und II.
Das Gesetz schreibt nur eine Mindestleistungshöhe von 600 Euro in Stufe III vor, Regelungen zum Ruhen von Verträgen oder Fragen der Mitnahme der akkumulierten Altersrückstellungen im Fall des Versicherungswechsels. Zudem unterliegt eine freiwillige Versicherung, in der die Verträge ohne Gesundheitsprüfung abgeschlossen werden und die Tarife keinen Risikobezug aufweisen, immer der Gefahr, dass sie vor allem von "schlechten Risiken" abgeschlossen werden, also insbesondere den Personen, die von den bisherigen Zusatzversicherungen aus gesundheitlichen Gründen ausgeschlossen wurden. Die Tarife sind dann für "normal Gesunde" entweder zu teuer oder unseriös kalkuliert.
Die letztgenannte Gefahr besteht insbesondere, da der Pflege-Bahr eine fünfjährige Karenzzeit hat, also in den ersten fünf Jahren keinen Leistungsausgaben anfallen und man dann erst später sehen kann, ob die Prämien angehoben werden müssen – was bei Pflege-Bahr-Verträgen möglich ist.
Radio Bremen: Wie schneidet Bremen bei den Pflegekosten im Bundesländer-Vergleich ab?
Zur Person
Prof. Heinz Rothgang leitet seit 2006 die Abteilung Gesundheitsökonomie im Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem die Themen "Zukunft in der Pflege im Demografischen Wandel" und "Qualität und Humanität in der Pflege".
Heinz Rothgang: Vergleichbar sind insbesondere die Heimentgelte. Hier muss allerdings festgestellt werden, dass Bremen als einziges Bundesland keine aussagekräftigen Daten an das Statistische Bundesamt abgeliefert hat. Für die Bundesstatistik sind vom Statistischen Bundesamt daher Schätzwerte für Bremen verwendet worden, die aber nicht ausreichend genau für einen Ländervergleich sind. Im Report sind daher für Bremen – als einziges Bundesland – keine Werte ausgewiesen.
Radio Bremen: Und wie steht es um die Qualität in der Pflege? In Ihrer Studie veröffentlichen Sie Zahlen der Pflegeheim-Prüfungen. Bremen kommt da nur auf den vorletzten Platz (vor dem Saarland). Was sagt das über die Qualität der Pflege in Bremen aus?
Heinz Rothgang: Dieses Ergebnis darf sicher nicht überbewertet werden. Zum einen sind die Unterschiede in den Durchschnittsnoten der Länder gering. So weist Bremen beim Durchschnitt über alle Kriterien eine Note von 1,4 auf, während Baden-Württemberg und Sachsen mit 1,1 die besten Noten aufweisen. Im Schulnotensystem entspricht beides aber einem "sehr gut". Zum anderen können die Länderunterschiede in den Pflegenoten auch eine etwas unterschiedliche "Begutachtungskultur" der Länder widerspiegeln. Sinnvoller sind daher Vergleich einzelner Einrichtungen innerhalb eines Bundeslandes. Der Ländervergleich zeigt vor allem, dass die sehr guten Bewertungen flächendeckend auftreten und die Pflegenoten ihren Zweck, dem potentiellen Heimbewohner einen Hinweis auf Qualitätsunterschiede zu geben, nur sehr eingeschränkt erfüllen.
Die Zusatzversicherung "Pflege-Bahr"
Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen
Gute Pflege kostet, [1:11]
Frühzeitig Vorsorge treffen
Gewalt in der Pflege
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