Gefährlicher Rassismus
Der türkischstämmige deutsche Bestsellerautor Akif Pirinçci wird gerade von der rechten Szene gefeiert. Grundlage ist ein Text im Internet: "Das Schlachten hat begonnen". Kernthese dieses Textes: Über kurz oder lang werden junge Moslems die Deutschen vernichtet haben. Jochen Grabler hat gelesen – und gestaunt.
Akif Pirinçci
Der Fall von Weyhe bei Bremen, als ein junger Mann, der einen Streit schlichten wollte, von einem türkischstämmigen Mann erschlagen wurde, ist nur der Anfang einer Kette von Ausrottungstaten. Das ist die Kernthese eines Textes, der seit dem Wochenende vor Ostern in rechtsextremen Kreisen im Internet kursiert. Überschrift: "Das Schlachten hat begonnen". Autor: Der türkischstämmige deutsche Bestsellerautor Akif Pirinçci.
Stellungnahme des Chefredakteurs
Am 6. April 2013 hat Radio Bremen einen kommentierenden Beitrag zum Text des Schriftstellers Akif Pirincci "Das Schlachten hat begonnen" veröffentlicht. Unser Autor Jochen Grabler war auf den Text gestoßen, hatte die Brisanz entdeckt und weiter recherchiert. Ergebnis war seine kritische und zuspitzende Auseinandersetzung mit dem Pirincci-Beitrag. In der Folge kam es von Akif Pirincci und Usern im Netz zu heftigen Stellungnahmen gegenüber Jochen Grabler. Diese Reaktionen waren teilweise diffamierend, beleidigend und persönlich verletzend.
Als Radio-Bemen-Chefredakteur betone ich ausdrücklich, dass Jochen Grabler meine volle Unterstützung hat. Ich distanziere mich von Beiträgen, die sich in teilweise äußerst unsachlicher Weise gegen unseren Mitarbeiter wenden. Recherche ist ein zentrales journalistisches Gut – ich werde den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dabei weiter den Rücken stärken. Martin Reckweg
Akif Pirinçci ist nicht irgendwer. Sein Roman "Felidae" wurde verfilmt und in zahlreiche Sprachen übersetzt, weitere sehr populäre Bücher folgten, sein Roman "Die Damalstür" wurde ebenfalls sehr gelobt und kam ins Kino. Doch Pirinçci, erklärter Religionsgegner, macht nicht bei der Belletristik halt. Seit dem vergangenen Jahr textet er regelmäßig für den Internetblog "Achse des Guten", einst vom Publizisten Henryk M. Broder aus der Taufe gehoben.
Genau da erschien nun Pirinçcis letztes Werk: "Das Schlachten hat begonnen", ein Text über einen "schleichenden Genozid", über einen Völkermord an den Deutschen, der sich als "beispielhaft evolutionärer Vorgang" gerade vollzieht. Denn Weyhe ist für ihn überall. Kostprobe:
"Die Tat reiht sich ein in eine Serie von immer mehr und in immer kürzeren Abständen erfolgenden Bestialitäten, die zumeist von jungen Männern moslemischen Glaubens an deutschen Männern begangen werden. Es befinden sich unter den Opfern nie Frauen. Die werden in der Regel vergewaltigt, was auch banal evolutionär zu erklären ist."
Belege für seine Behauptungen nennt Akif Pirinçci nicht. Wie er auch sonst keine seiner Behauptungen belegt. Tatsächlich nämlich geht die Zahl der von Jugendlichen begangenen Gewalttaten in den vergangenen Jahren zurück. Und es gibt keinen einzigen kriminalstatistischen Beleg dafür, dass trotz dieses Trends nun "immer mehr und in immer kürzeren Abständen erfolgenden Bestialitäten" von migrantischen Jugendlichen zu verzeichnen wären, erst recht nicht von solchen Jugendbanden. Doch bei Pirinçcii marodieren täglich muslimische Killerkommandos durch die Republik:
"Das Muster ist immer gleich. Eine Gruppe oder die herbeitelefonierte Kumpelschar umstellt das Opfer nach der Jagdstrategie von Wölfen, wobei die Delta- und Betatiere stets außen herum laufen und für das einschüchternde Jagdgeheul sorgen und das Alphatier nach und nach von der Beute Stücke abzubeißen beginnt, bis am Ende alle über sie herfallen und hinrichten."
Pirinçci-Artikel bei "Achse des Guten"
Solche Taten gibt’s tatsächlich, aber sie sind die absolute Ausnahme. Die Tat in Weyhe verlief auch ganz anders. Doch Pirinçci konstruiert munter weiter: Aus einer gewalttätigen Minderheit einer Minderheiten-Religionsgruppe wird eine völkermordende Bande, nicht besser als Tiere. Man ahnt schon, wie mit einem Wolfsrudel im Blutrausch umzugehen ist:
"Wenn in der Türkei vier oder fünf Deutsche aus türkenfeindlichen Motiven einen Türken erschlagen hätten, wären sie innerhalb von zehn Minuten von herbeigeeilten Passanten an ihren Eiern an der nächsten Straßenlaterne aufgehängt worden. Wenn sie das überlebt hätten, wären sie in der anschließenden Nacht im Knast von 'Landsmännern' des Getöteten in die ewigen Jagdgründe befördert worden."
Aber die Deutschen, so Pirinçci, seien vom Selbsthass zerfressen, moralisch degeneriert und ein "Haufen von Duckmäusern", die Justiz entlasse auch schlimmste Gewalttäter aus dem "Knast mit Internet und Flachbildschirm" eh nach zwei Jahren, und sowieso habe die einflussreichste Partei der Republik, Die Grünen, dafür gesorgt, dass "der sogenannte Migrant" ein "Objekt der Vergottung" geworden sei, der sich alles erlauben dürfe. Und die Musik dazu machen die Medien:
"Es geht einem deutschen Journalisten am Arsch vorbei, ob ein junger Landsmann von ihm auf offener Straße totgeprügelt wird."
Wobei mit dem Totprügeln ja nur die halbe Völkervernichtungsarbeit getan ist:
"Die deutschen Frauen werden wie eingangs erwähnt nicht umgebracht, sondern zumeist vergewaltigt. Die meisten Vergewaltiger sind in Europa inzwischen Moslems."
Unnötig zu sagen, dass auch dafür kein Beleg angeführt wird – es gibt auch keinen. Unnötig zu sagen, dass für Akif Pirinçci der Bürgermeister von Weyhe ein "Prachtexemplar von einem moralisch verkommenen Subjekt und ein selten gefühlsloser Apparatschik" ist, und "gestandene CDU-Politiker die Ärsche von irgendwelchen dahergelaufenen Imamen lecken und sie flehentlich darum bitten, mitten im Ort eine Moschee zu errichten".
So ergibt sich folgendes Bild: Muslimische junge Männer sind Tiere. Die Deutschen degeneriert. Politiker verkommen. Journalisten ideologisch verblendet und Manipulateure. Und es gibt nicht mal Lynchjustiz. So also sieht ein erfolgreicher Schriftsteller Deutschland. Und er verbreitet das auf der Seite eines publizistischen Netzwerkes, für das Namen wie Henryk M. Broder oder Cora Stephan stehen. Unwidersprochen. Seit Sonntag ist der Text in der Welt. Bislang gibt’s kein Wort der Distanzierung durch Broder und Co. Dafür aber wird Pirinçci in den einschlägigen Internetforen der rechten Szene gefeiert.
Wir lernen also: Es gibt einen neuen rassistischen Hassprediger unter den deutschen Intellektuellen. Einen Volksverhetzer, beseelt von Goebbelsscher Perfidie. Der nicht davor scheut, die Ausrottung der Deutschen zu beschwören, ganze Bevölkerungsgruppen zu potentiellen Völkermördern zu erklären, ihnen ihr Menschsein abzusprechen, die Demokratie nur noch der Verachtung preiszugeben und als letzte Lösung die Lynchjustiz vorzuschlagen. Diese Mischung kennen wir schon. Ihre Wirkung auch.
Autor: Jochen Grabler
Interview mit dem Soziologen Constantin Wagner, [3:32]
Jochen Grabler: Gefährlicher Rassismus, [2:53]
Der vollständige Text von Akif Pirinçci
Gewalttat in Weyhe mit zwiespältigem Echo im Internet
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