Interview zu Schulden
Für Corina Lechner von der Schuldnerhilfe Bremen e.V. ist klar: "Geiz ist geil" und die "Null-Prozent-Finanzierung" sind große Verführer. Die meisten jungen Leute wollen bei Smartphones, beim Auf-die-Piste-gehen und bei der Playstation mithalten. Statussymbole sind in der jungen Zielgruppe sehr wichtig. Rund 50 junge Erwachsene hat die Schuldnerhilfe in diesem Jahr bereits betreut. Beraterin Corina Lechner äußert sich im Radio-Bremen-Interview.
Corina Lechner berät in Bremen überschuldete junge Menschen.
Radio Bremen: Wie kann ein Anfang Zwanzigjähriger tausende von Euro Schulden anhäufen?
Corina Lechner: Das geht schnell. Hier ein Handy-Vertrag, da das passende Smartphone, dort eine Spielekonsole. Die wollen und müssen mit ihren Freunden mithalten. "Geiz-ist-geil" und "Null-Prozent-Finanzierung" sind die großen Verführer. Dann kommen zum Ratenkreditvertrag noch die normale Miete, der Strom und das Essen dazu, und schon wird es auf dem Konto plötzlich eng".
Radio Bremen: Gibt es einen "typischen Schuldner"?
Corina Lechner: Die jungen Menschen kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Allerdings sind Arbeitslose und Menschen ohne umfassende Bildung überrepräsentiert. Das muss man leider so sagen. Manche Menschen mit Schuldenproblemen kommen auch aus so genannten "Schuldnerfamilien", wo auch die Eltern schon mit dem Geld nicht so gut umgehen konnten. Es ist aber schade, dass der Eindruck entsteht, dass alle nur aus Hartz-4-Familien kommen. Es sind oft auch Gymnasiasten in der Schuldenfalle, nur da zahlen dann die Eltern und gut ist."
Radio Bremen: Haben Ihre Clienten überhaupt eine Chance, der Verbraucher- oder Privatinsolvenz zu entgehen?
Corina Lechner: Wenn die den Weg zeitig finden, gleich wenn die ersten Schulden und Rechnungen außer Kontrolle geraten, dann können wir noch helfen. Wenn es nachher über 7.000 bis 10.000 Euro geht, dann ist eine Privatinsolvenz meist unvermeidlich. Das ist in ungefähr 60 Prozent unserer Beratungsfälle so.
Radio Bremen: Wie helfen sie den Betroffenen? Wie kann man eine Insolvenz abwenden?
Corina Lechner: Erstmal verschaffen wir uns einen Überblick über die Schulden. Einnahmen, Ausgaben, alles wird ausgewertet. Der nächste Schritt ist ein Finanzplan und ein strikter Ausgabestopp. Was nicht nötig ist, gibt es nicht mehr. Dann überlegen wir mit den Schuldnern: Was verdiene ich, wo kann ich noch sparen. Eigentlich ist diese Finanzplanung aber auch eine Lebensplanung.
Radio Bremen: Welche Rolle spielt beim Umgang mit Geld die Familie?
Corina Lechner: Eine sehr, sehr große Rolle. Viele Eltern reden mit ihren Kindern nie über Geld. Entweder ist keins da, dann wäre über Geld zu reden peinlich. Oder es ist genug Geld da, dann ist das kein Thema. Wir würden uns wünschen, dass Eltern offen über Geld und den Wert der Dinge reden würden. Dass bezahlen nicht bedeutet, eine Plastikkarte hinzugeben. Dass man auch was dafür tun muss, um Geld im Geldbeutel zu haben.
Immer mehr Jugendliche geraten in die Schuldenfalle
Zahl der jungen Schuldner ist weiter gestiegen
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