Pro und Contra
Bei Mercedes, Airbus oder EADS: Überall ruht heute für einige Stunden die Arbeit. Die Arbeitnehmer befinden sich im Warnstreik. Sie fordern 5,5 Prozent mehr Lohn. Als Export-Branche stehen die Metaller im internationalen Wettbewerb und es stellt sich die Grundsatzfrage: Mehr Lohn – Richtig oder falsch? Das wollten wir von zwei Wirtschaftswissenschaftler wissen.
Auch Mitarbeiter von Mercedes in Bremen beteiligten sich am Warnstreik.
Pro
Prof. Rudolf Hickel war an der Universität Bremen Professor für Politische Ökonomie und Finanzwissenschaft. Bis 2009 war er Direktor des Instituts Arbeit und Wirtschaft.
Die Forderung der Metaller ist absolut gerechtfertigt. Wir brauchen eine deutliche Lohnsteigerung. Deutschland ist sehr abhängig vom Export. Der entwickelt sich schwächer als erwartet. Deshalb müssen wir jetzt die Binnennachfrage stärken. Außerdem mussten die Beschäftigten in den letzten Jahren enorme Verteilungsverluste hinnehmen. Diese Verluste müssen jetzt wieder wett gemacht werden. Und eine Lohnsteigerung ist auch Motivation für die Mitarbeiter. Und unsere Unternehmen brauchen motivierte Mitarbeiter.
Wenn man heute Löhne erhöht, sichert man außerdem, dass das Einkommen auch in der Realwirtschaft bleibt. In den letzten Jahren haben die Unternehmer durch Lohnzurückhaltung Gewinne gemacht. Diese haben sie kaum investiert, sondern viel auf irgendwelchen dubiosen internationalen Finanzmärkten angelegt.
Die Lohnzurückhaltung in den vergangenen Jahren war falsch, sie hat dazu geführt, dass sich die Binnenwirtschaft nicht stabilisieren konnte. Der private Konsum stagniert bei einem Prozent. Die Lohnpolitik in den letzten Jahren war nicht wachstumsfördernd.
Gemessen an den Lohnstückkosten haben wir die Nachbarländer in die Knie gezwungen. Wir haben deutlich mehr exportiert, die Krisenländer mussten viel mehr importieren. Insofern kann man schon sagen, dass die zurückhaltende Lohnpolitik auch krisenverschärfend im Euroraum gewirkt hat, weil andere Länder da nicht mithalten konnten. Durch Lohnerhöhungen könnte man diese Ungleichgewichte in der EU nun etwas ausbalancieren. Dass man damit die internationale Konkurrenzfähigkeit verliert, glaube ich nicht.
Beispiel Automobilindustrie: Wir sind unglaublich erfolgreich in den Exporten. Dadurch sind wir aber auch abhängig von der Entwicklung im Ausland. Im Euroraum haben wir uns selbst die Exportchancen versaut, weil die Nachbarländer gar nicht mehr in der Lage sind, die Importe aus Deutschland zu finanzieren. Ein kluger Unternehmer hat das im Auge.
Contra
Prof. Roland Döhrn ist Leiter des Bereichs „Wachstum und Konjunktur“ am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Konjunkturforschung und die Europäische Integration.
Die Lohnerhöhungen sollten sich immer an den wirtschaftlichen Möglichkeiten eines Landes orientieren. Eine gute Richtschnur ist, dass die Löhne so steigen wie die Produktivität zuzüglich der "unvermeidlichen" Inflation. Das würde in Deutschland dafür sprechen die Löhne maximal um zwei bis drei Prozent zu steigern.
Bei einer stärkeren Lohnsteigerung würde der ein oder andere Job weg rationalisiert. Das heißt, der Einzelne, der noch eine Job hat, verdient dann zwar mehr. Aber die Zahl der Einkommensbezieher wird mit hoher Wahrscheinlichkeit kleiner. Dafür gab es jedenfalls in der Vergangenheit zahlreiche Beispiele. Für die Kaufkraft insgesamt wäre damit nichts gewonnen.
Also zu sagen, wir nehmen einen kräftigen Schluck aus der Lohnpulle, indem wir die Löhne in einem Maß steigern, das nicht über Produktivitätszuwächse abgedeckt ist, würde niemandem weiter helfen. Im Gegenteil: Die Unternehmen würden dann versuchen, den Einsatz von Arbeitskräften zu reduzieren.
Lohnzurückhaltung richtig
Die Politik der Lohnzurückhaltung in den vergangenen Jahren war richtig, weil sie dazu beigetragen hat, dass die Zahl der Arbeitslosen in den vergangenen zehn Jahren um mehr als zwei Millionen gesunken ist und das sind ja schließlich auch zwei Millionen Menschen, die jetzt ein Einkommen haben und damit Kaufkraft entfalten können.
Unsere europäischen Nachbarn haben wir mit unserer Lohnzurückhaltung nicht ruiniert. Zum einen werden niedrige Löhne vor allem in Branchen gezahlt, die nicht im internationalen Wettbewerb stehen. Zum anderen leben viele ausländische Unternehmen davon, dass sie der deutschen Metallindustrie Waren zuliefern. Wenn deutsche Unternehmen international wettbewerbsfähig sind, macht das an der Landesgrenze nicht halt. Sondern ein großer Teil der Produktion wird ja mit Zulieferungen aus anderen Ländern bestritten.
Wenn durch überzogene Lohnabschlüsse jetzt deutsche Maschinenbauer international nicht mehr wettbewerbsfähig wären, würden am meisten einige osteuropäische Nachbarn leiden, weil bei denen dann natürlich die Nachfrage nach den Vorprodukten drastisch sinken würde.
Warnstreik: Arbeiter wollen mehr Geld, [3:12]
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