Debatte ums Sitzenbleiben
In Bremen ist das Sitzenbleiben in bestimmten Jahrgangsstufen schon abgeschafft. Auch SPD und Grüne in Niedersachsen wollen jetzt nachziehen. Die "Ehrenrunde" ist teuer und bringt nichts. Bildungsforscher haben dies längst bewiesen. Die Diskussion um Pro und Contra Sitzenbleiben hat jetzt aber wieder begonnen. Der Deutsche Lehrerverband warnt vor einem "Vollkasko-Abitur".
Für viele Schüler eine Schmach. Auch deswegen suchen immer mehr Bundesländer nach neuen Wegen für lernschwache Schüler.
"Es gibt keine pädagogische Begründung für die Abschaffung, außer man ist ein naiver Utopist", sagte dessen Chef, Josef Kraus. Schulabschlüsse würden damit zu ungedeckten Schecks. Auch aus Bayern kommt eine klare Absage. "Blanker Unsinn", zitiert die Süddeutsche Zeitung Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). "Das ist bildungspolitischer und pädagogischer Populismus." Die designierte niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) stellte klar, dass Rot-Grün in Niedersachsen das Sitzenbleiben nicht sofort und für alle Schulen abschaffen will. Aber, so steht es im Koalitionsvertrag: "Sitzenbleiben und Abschulung durch individuelle Förderung überflüssig (zu) machen."
Sitzenbleiben trifft ürigens viele. Bundesweit wiederholen pro Jahr etwa zwei Prozent aller Schüler eine Klasse. Das sind insgesamt fast 156.000. Auch viele Prominente hatte es in der Schulzeit erwischt. Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (SPD) ist einer von Ihnen. Wer noch eine Ehrenrunde drehen musste? Klicken Sie sich durch die Bildergalerie.
Prominente Sitzenbleiber
Auch sie hatten Probleme in der Schule
Bremen hat das Sitzenbleiben bereits vor Jahren teilweise abgeschafft. Seitdem ist die sogenannte Ehrenrunde wegen schlechter Noten erst ab der neunten Klasse möglich. Aber auch in den Jahrgangsstufen davor ist es immer noch möglich, dass Schüler Klassen wiederholen. "Eltern, Schule und Schüler müssen sich in diesen Fällen aber einig sein", sagt Arno Armgort von der Gerwerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).
Im Schuljahr 2011/2012 mussten nach Angaben der Statitischen Bundesamtes gut 1.500 Bremer Schüler eine Klasse wiederholen. Mehr als die Hälfte davon an Gymnasien, die das Turbo-Abi anbieten. Mit fast vier Prozent ist die Sitzenbleiber-Quote an den Bremer Gymnasien (auch mit 13 Jahren Schulzeit) doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Gleiches gilt für die Grundschulen (Bremen ein Prozent/Bundesdurchschnitt 0,5 Prozent).
Klassenwiederholungen – teuer und unwirksam
Studie der Bertelsmann-Stiftung als PDF
Die Bertelsmann-Stiftung hatte in einer Studie herausgefunden, dass das Sitzenbleiben nicht positiv auf die Schüler wirkt. Im Gegenteil. "Es gibt eher negative Effekte", sagt André Zimmermann. "Wer eine Klasse wiederholt, schreibt kurzfristig bessere Noten, gerät aber meist schnell wieder in Rückstand." Viel sinnvoller sei es, Schüler individuell zu fördern. Zimmermann nennt Gründe dafür: Die Vielfalt in den Klassenzimmern nehme stetig zu, etwa durch Migrationshintergrund, steigende Gymnasialquoten und Zusammenlegungen von Schulformen. Und die Leistungsunterschiede in ein und derselben Klasse seien ohnehin groß: "In einer typischen neunten Klasse ist der beste Schüler beim Lernstand dem schlechtesten mehr als zwei Jahre voraus", nennt Zimmermann ein Beispiel.
In den vergangenen Jahren haben eine ganze Reihe von Ländern entschieden, das Durchfallen ganz oder zumindest teilweise für bestimmte Jahrgangsstufen oder Schulformen zu streichen. In Hamburg zum Beispiel ist Sitzenbleiben seit dem Schuljahr 2010 abgeschafft. Zurzeit gilt dies für die Klassen 1 bis 9, jährlich kommt eine weitere Stufe hinzu, so dass es bis 2017 in allen Klassen kein Sitzenbleiben mehr gibt. Das rot-grün regierte Rheinland-Pfalz will in einem Modellversuch den Verzicht aufs Sitzenbleiben testen. In Berlin ist das Sitzenbleiben an den Sekundarschulen (früher Haupt- und Realschulen) nicht mehr vorgesehen.
Schulsysteme der Bundesländer
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