Fans des SV Werder Bremen
Ein Überfall in der Fan-Szene von Werder Bremen beschäftigt das Amtsgericht Bremen. Sieben Hooligans aus der rechten Szene sollen im Jahr 2007 eine Feier von Werder-Fans aus der linken Szene gestürmt und eine Schlägerei begonnen haben, die mehrere Verletzte hinterließ. Ein Einzelfall – oder typisch für die Fanszene bei Werder Bremen? Radio Bremen hat dazu mit Wilko Zicht, Bremer Politiker und Kenner der deutschen Fußballfan-Szene, gesprochen.
Radikal, extrem – oder ein bunter Haufen?
Radio Bremen: Herr Zicht, wie würden Sie in kurzen Worten die Fanszene in Bremen charakterisieren?
Wilko Zicht: Im Vergleich zu Vereinen wie HSV, Dortmund oder Schalke hat Werder eine verhältnismäßig kleine organisierte Fanszene. Ungewöhnlich ist die ziemlich trennscharfe Aufteilung in Fanclubs, Hooligans und Ultras. Hier gibt es kaum personelle Überschneidungen. Anderswo sind die Grenzen vergleichsweise fließend.
Radio Bremen: Wie politisch sind die Fans in der Kurve? Haben bestimmte Gesinnungen Einfluss? Wenn ja: Von welchen Strömungen sprechen wir hier?
Zicht: Die Fanclub-Szene ist eine sehr bunte Mischung, die lässt sich nicht politisch verorten. Selbst bei den Hooligans verstehen sich nicht wenige als unpolitisch, doch die führenden Köpfe sind überwiegend rechtsradikal eingestellt und teilweise in der Neonazi-Szene aktiv. Unter den Ultras gibt es dagegen kaum noch Rechtsgesinnte. Etwa die Hälfte der Bremer Ultras lässt sich mittlerweile getrost als links einstufen. Das äußert sich vor allem in einem deutlich antifaschistischem Selbstverständnis und einem konsequenten Engagement gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie, Antisemitismus und anderen Diskriminierungsformen. Die dahingehenden Spruchbänder und Choreografien dürften den meisten Weser-Stadion-Besuchern nicht entgangen sein.
Radio Bremen: Werder Bremen hat schon über 20.000 Euro Strafe für Fanvergehen bezahlen müssen – wie groß ist das Thema Gewalt im Fanbereich?
Zicht: Die Strafen wurden ausgesprochen wegen des unerlaubten Abbrennens von pyrotechnischen Materialien. In der Tat wird das kompromisslose Pyro-Verbot von den Bremer Ultras nicht akzeptiert. Dafür gibt es aber gute Gründe, das darf man nicht mit Gewalt gleichsetzen. Größere gewalttätige Ausschreitungen seitens Werder-Fans gab es in den letzten Jahren jedenfalls nicht. Weil sich in den Ultras-Gruppen viele männliche Jugendliche und Heranwachsende aus unterschiedlichsten sozialen Schichten tummeln, sind natürlich auch einige Hitzköpfe dabei, die sich nicht immer im Griff haben. Das ist bei den meisten von ihnen aber nur eine Phase, die nach ein paar Jahren wieder vorbeigeht – und bis dahin versuchen die älteren Gruppenmitglieder, mäßigend auf sie einzuwirken. Die Hooligans dagegen sind voll und ganz ihrem Gewaltfetisch erlegen, leben ihn aber normalerweise nicht im unmittelbaren Stadionumfeld aus.
Radio Bremen: Wie ordnen Sie Taten wie die Schlägerattacken im Ostkurvensaal 2007 ein? Die Dramatik des Vorfalls wurde damals herunter gespielt…
Zicht: Es war der bisher gravierendste Ausbruch des seit Jahren schwelenden Konflikts zwischen Ultra- und Hooligan-Szene. Die Hooligans empfinden das offen antifaschistische Auftreten der Ultras als Provokation und reagieren mit den armseligen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen: Einschüchterungen und gewalttätige Übergriffe.
Wilko Zicht
Zicht (35) ist kaufmännischer Angestellter und Deputierter der Grünen in der Bremer Deputation für Bildung. Außerdem ist er Sprecher des Bündnisses Aktiver Fußball-Fans (BAFF), Werder-Fan und Betreiber der Website "wahlrecht.de".
Radio Bremen: Die Brutalität ging von rechtsextremen Hooligans der Vereinigung „Standarte“ aus – Randgruppe oder Trendbewegung unter den Anhängern von grün-weiß?
Zicht: Im Trend liegen sie ganz sicher nicht. Zwar schaffen es auch die Hooligans, hin und wieder neuen Nachwuchs an sich zu binden, aber letztlich sind sie ein Relikt, das nicht mehr in die Zeit passt. Das wissen sie auch, und das frustriert sie.
Radio Bremen: Der Großteil der Fußballfans ist friedlich. Haben sie eine Chance gegen die Chaoten was zu unternehmen oder dominiert Angst das Verhalten?
Zicht: Im Stadion kann jeder einigermaßen gefahrlos seinen Teil dazu beitragen, den Nazihools zu zeigen, dass sie nicht willkommen sind. Im Zweifel stehen hierbei die Werder-Fans solidarisch zusammen, wie vor drei Jahren das Spiel in Bochum gezeigt hat, als die Hooligan-Nachwuchsgruppe Nordsturm aus dem Gästeblock vertrieben wurde. Die direkte persönliche Konfrontation zu suchen, kann ich aber niemandem raten. Etwaige Vorfälle sollte man dann besser im Nachhinein der Werder-Fanbetreuung oder dem Fanprojekt melden.
Radio Bremen: Einige der jetzt vor Gericht stehenden Täter waren per Du mit Stadionordnern, erhielten überdies keine Stadionverbote. Ist zu viel Nähe zwischen Fans und Verein kritisch?
Zicht: Die Verflechtungen zwischen Werders Sicherheitsdienst und Hooligan-Szene waren tatsächlich ein großes Problem. Seit dem Ostkurvensaal-Überfall reagiert Werder hier aber wesentlich sensibler, problematisches Personal wird in anderen Stadionbereichen oder gar nicht mehr eingesetzt. Und wenn Werder erst eine rechtkräftige Verurteilung abwarten will, ehe ein langjähriges Stadionverbot verhängt wird, so finde ich das grundsätzlich in Ordnung. Aber dass das anscheinend nur für Nazi-Schläger gilt, während bei anderen Fans – insbesondere Gästefans – die bloße Einleitung eines Ermittlungsverfahrens für ein Stadionverbot durch Werder ausreicht, ist ärgerlich und unverständlich.
Radio Bremen: Wie schneidet Werders Fanszene im nationalen Bereich ab – Problemkind oder Vorbild?
Zicht: Die Problemkinder unter den deutschen Fanszenen sind gewiss in anderen Städten zu Hause. Auch in Bremen herrscht nicht die heile Welt, aber was das gesellschaftspolitische Engagement der aktiven Fans angeht, dürfen sich manch andere Fanszenen gerne von uns eine Scheibe abschneiden.
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