Bundesliga-Transfers
Im Januar beginnt wieder die Transferperiode. Fast täglich gibt es dann neue Gerüchte um Spielerwechsel in der Bundesliga. Das Internetportal transfermartk.de nimmt diese auf oder befeuert sie. Warum ist Werder-Stürmer Claudio Pizarro gerade jetzt für andere Vereine interessant? Wie wird der Marktwert von 100 Millionen Euro von Lionel Messi ermittelt? Der Gechäftsführer von transfermarkt.de, Matthias Seidel, gibt Antworten.
Matthias Seidel, Geschäftsführer von transfermarkt.de.
radiobremen.de: Herr Seidel, ob Stern, Spiegel oder Kicker. Wenn es um Spielerwechsel im Profifußball geht, wird als Quelle für den Marktwert Ihr Internetportal genannt. Sie mischen im Millionengeschäft Fußball also maßgeblich mit. Gefällt Ihnen das?
Mir gefällt, dass die Marktwerte eine so hohe Akzeptanz bei den anderen Medien gefunden haben und mir gefällt, dass so unser Konzept mit unseren ehrenamtlichen Datenpflegern und Paten gewürdigt wird. Allerdings kann man nicht von einem Mitmischen reden, denn im Millionengeschäft Fußball sind wir nur ein Medium von vielen, die darüber berichten.
radiobremen.de: "Heimlicher Herrscher der Liga". So hat sie mal die Sport-Bild genannt. Nutzen Vereine wie Werder Bremen die Informationen von transfermarkt.de?
Besonders unsere Marktwerte wurden schon auf der einen oder anderen Hauptversammlung genannt. Gleichzeitig haben wir natürlich mit unserer Gerüchteküche eine wunderbare Übersicht über alle aktuellen Gerüchte mit den Einschätzungen der Fans. Unsere Datenbank mit mehr als 200.000 Fußballspielern weltweit macht uns auch zu einem wichtigen Nachschlagewerk für die Vereine, auch weil wir uns mit den Details zu den Spielerberatern und eben zu den Marktwerten von anderen Datenbanken abheben.
radiobremen.de: Barca-Star Lionel Messi hat einen Marktwert von 100 Millionen Euro. Gibt es dafür eine Rechenformel oder ist es mehr Bauchgefühl?
Anfänglich gab es noch eine Rechenformel mit vielen Parametern, aber schnell hat sich gezeigt, dass einige Spieler sich eben mit einem solchen Raster nicht abbilden lassen. Johan Micoud war so ein Beispiel. Micoud kam ablösefrei von Parmas Ersatzbank und war kein großes Thema in der französischen Nationalmannschaft, was aber nur daran lag, dass dieser Platz von Zinedine Zidane besetzt war. Aus der damaligen Fehleinschätzung ist eine konstruktive Diskussionskultur in unseren Marktwert-Foren entstanden. Diese Diskussionen haben wir dann weiter kultiviert, sodass wir nun wirklich von einem System sprechen können. Dieses System beruht auf einer gemeinsamen, konsensbasierten Entscheidungsfindung, wo wir in den Diskussionen gewisse Regeln vorgeben. Ein Fachbegriff wäre hier die sogenannte "Schwarm-Intelligenz".
radiobremen.de: Hat schon einmal ein Profi oder ein Berater versucht, direkt mit Ihnen Kontakt aufzunehmen, um den Marktwert eines Spielers nach oben zu korrigieren?
Selbstverständlich rufen bei uns auch Berater, Spieler oder deren Angehörigen an und wollen sich mit uns über die Marktwerte unterhalten. In der Regel geht es aber eher darum, dass diese auch das System verstehen wollen, wie wir die Marktwerte ermitteln. Auf die wenigen Versuche der Berater und Spieler den Marktwert zu pushen, lassen wir uns natürlich nicht ein.
transfermarkt.de
Das Portal gehört zu den größten deutschen Webseiten zum Thema Sport, speziell Fußball. Es hat mehrere Millionen Besucher pro Monat. Der gebürtige Bremer Matthias Seidel hat das Portal 2000 gegründet. 2008 hat die Axel Springer AG die Mehrheit von transfermarkt.de übernommen. Matthias Seidel hat übrigens für 4.510 Euro die berühmte Papierkugel aus dem Uefa-Cup-Halbfinale zwischen dem HSV und Werder gekauft.
radiobremen.de: Sie sind Experte und selbst Werder-Fan. 14 Verträge von Spielern laufen aus. Kommt jetzt der große Umbruch in Bremen?
In meinen jungen Jahren als Werder-Fan hat man irgendwann im Spätsommer den Weserkurier geöffnet und dort stand dann Otto Rehhagel mit seinen zwei bis drei Neueinkäufen. Damals wäre eine solche Situation sicher ein großer Umbruch gewesen, aber heute präsentieren die Vereine nicht selten mehr als zehn Neuzugänge pro Saison und somit sind 14 auslaufende Verträge kein Grund für große Besorgnis. Außerdem könnte ein großer Umbruch ja auch etwas Gutes haben. Bei den Transfers einzelner Spieler kann es anders aussehen: Claudio Pizarro hinterlässt sicher eine größere Lücke als zum Beispiel Mikael Silvestre, der ja durch sein Verletzungspech und die Neueinkäufe in der letzten Saison auf seiner Position große Konkurrenz hat. Die derzeitige Gefahr sehe ich eher darin, dass sehr viele Nachwuchsspieler den Verein verlassen könnten, da diese langsam an die Mannschaft herangeführt werden müssen. Hier ist es natürlich ärgerlich, wenn ein vielversprechender Spieler sein Glück lieber woanders sucht, wo er sich mehr Einsatzchancen verspricht.
radiobremen.de: Heißes Thema ist immer wieder ein möglicher Wechsel von Claudio Pizarro. Inter Mailand soll Interesse haben. Ist das ernst zu nehmen oder hat vielleicht ein Spielerberater seine Finger im Spiel?
Hier ist jedes Gerücht ernst zu nehmen, denn selbst wenn hier ein Berater dieses Gerücht bewusst streut, so muss es ja auch dafür eine Motivation geben. Pizarro macht sich über seine Zukunft Gedanken, wägt alles ab und prüft eben auch andere Angebote, das ist doch ganz selbstverständlich. Wenn das Angebot von Bremen aber nicht so weit von anderen Angeboten abweicht, kann ich mir gut vorstellen, dass er in Bremen bleibt. Immerhin hat er sich ja schon zweimal ganz bewusst für Werder Bremen entschieden.
radiobremen.de: Wie wahrscheinlich ist ein Wechsel von Pizarro in der Winterpause?
Claudio Pizarro ist ein ganz, ganz wichtiger Teil des Erfolgs von Werder. Die Bremer stehen nach einer verkorksten letzten Saison auf Platz 5 und haben sehr gute Chancen, einen Champions-League-Platz für die nächste Saison zu erreichen. Warum sollte Werder Bremen also Claudio Pizarro schon im Winter gehen lassen? Eine mögliche Ablösesumme wäre hier auch kein Anreiz, denn die wäre zu gering. Pizarro ist gerade deswegen für einige Vereine interessant, da er zum Saisonende ablösefrei wechseln kann. Und man muss bedenken, dass der Spieler jetzt schon 33 Jahre alt ist und seinen "letzten großen Vertrag" abschließen möchte. Wenn nun ein Verein kommt und ihm eine deutliche Gehaltserhöhung in Aussicht stellt, könnte ich mir vorstellen, dass Werder da nicht mithalten kann. Mit seinen 154 Bundesliga-Toren sind die Qualitäten des Peruaners natürlich auch ausländischen Clubs nicht verborgen geblieben.
radiobremen.de: Wen werden wir Ihrer Meinung nach demnächst nicht mehr im Werder-Trikot sehen?
Das ist natürlich ein Blick in die Glaskugel, aber ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass die älteren Spieler mit ihren Verletzungssorgen, wie zum Beispiel Christian Vander, Mikael Silvestre und Tim Borowski am Ende der Saison ihre Karriere beenden. Vielleicht werden auch hoffnungsvolle Talente verliehen, aber diese geben ja dann ihr Trikot nur kurzfristig in der Garderobe ab. Und dann muss man auch noch die Angebote abwarten, denn im modernen Fußball ist niemand unverkäuflich und so kann ich mir auch vorstellen, dass bei einem passenden Angebot Spieler wie Wesley, Sandro Wagner oder Aaron Hunt den Verein verlassen.
radiobremen.de: Werder spielt in dieser Saison nicht international und wird deswegen ein Minus einfahren. Millionen für Transfers sind nicht drin. Wo geht die Werder-Reise hin?
Wird Werder Bremen ein Minus einfahren? Man hat sich frühzeitig von "teuren" Spielern getrennt, um genau das zu vermeiden. Vielleicht hätte es sich der eine oder andere Fan gewünscht, dass man Spieler wie zum Beispiel Torsten Frings gehalten hätte, auch wenn der Verein dadurch ein Minus eingefahren hätte. So aber hat man nun neue Spieler geholt, von denen wir alle erwartet hätten, dass sie sich besser präsentieren. Wesley, Mehmet Ekici und Marko Arnautovic haben ja nicht plötzlich an der Weser das Fußballspielen verlernt. Im Grunde warten wir doch alle nur, dass bei allen - nach Möglichkeit gleichzeitig - der Knoten platzt und wir wieder um die Meisterschaft mitspielen. Und dass Transfer-Millionen nicht automatisch Erfolg bringen, haben Jürgen Klopp mit den "günstigen" Dortmundern und Felix Magath mit den "teuren" Wolfsburgen doch gerade erst bewiesen.
radiobremen.de: Wer entscheidet eigentlich bei einem Vereinswechsel? Der Spieler oder der Spielerberater?
Die Entscheidung, wann und wohin ein Spieler wechselt, ist so vielfältig und hängt sehr stark von der Persönlichkeit des Spielers ab. Ist seine Motivation das Geld? Dann kann der häufige Berater- und Vereinswechsel hilfreich sein. Oder ist es die langfristige Karriereplanung, bei der man nur bei einem Verein bleibt und dort später eine wichtige Rolle im Club übernimmt? Ist es nur der Ruhm, dann ist man vielleicht auch mit der Ersatzbank bei Bayern München zufrieden. Diese unterschiedlichen Typen erkennt man aber schon in der Jugend und für jeden Typ gibt es auch den passenden Berater.
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