Menschen auf einer Bühne [Quelle: Radio Bremen, Michael Bahlo]
Siegerbeiträge zum Anschauen

Die Gewinner des Bremer Fernsehpreises 2013 bei der Gala zur Preisverleihung.

Die Gewinner des Bremer Fernsehpreises 2013

Die beste Sendung, der beste Beitrag, das beste Interview und die beste Innovation: Die Jury um Frank Plasberg zeichnete Redaktionen und Autoren mit dem Bremer Fernsehpreis 2013 aus. RBB, WDR, MDR, NDR und Radio Bremen konnten Preise und Auszeichnungen entgegennehmen.

Kein Preisträger in der ersten Kategorie

Für die erste Kategorie "Ganze Sendung" hatte die Vorjury fünf Einreichungen nominiert. Die Redaktionen von "Hallo Niedersachsen" (NDR), zibb "Zuhause in Berlin und Brandenburg" (RBB), "buten un binnen" (Radio Bremen), "WDR aktuell" (WDR) und der "Landeschau aktuell Baden-Württemberg" (SWR) hofften auf die Auszeichnung. Die Jury sprach zwei "Ehrende Anerkennungen" aus: für den RBB und den WDR. Frank Plasberg, der die Verleihung auch moderierte, fand viele lobende Worte für beide Redaktionen. Für einen Preis habe es aber für beide nicht ganz gereicht.

Neben Frank Plasberg saßen Hans Helmich (DW), Gabriele von Moltke (RBB), Birgitta Weber (SWR) und Dr. Peter Fritz (ORF) in der Jury.

Ehrende Anerkennungen für "zibb"

Als erste wurde das Format "zibb – Zuhause in Berlin und Brandenburg" mit einer "Ehrenden Anerkennung" ausgezeichnet. "Fernsehzuschauer von Berlin-Mitte bis Schwedt an der Oder zu unterhalten, ist schwer. Da kommt es auf die Themenmischung an. Und die stimmt bei zibb, dem Regionalmagazin für Berlin und Brandenburg", begründete Plasberg die Entscheidung von ihm und den anderen Jury-Mitgliedern. Mit einem Rückblick auf den 17. Juni 1953 und einem Ausblick auf den Hauptstadt-Besuch Obamas wecke die Sendung das Heimatgefühl der Zuschauer, ohne sich bei ihnen anzubiedern.

Auffallend viele junge Protagonisten kommen in den Beiträgen zu Wort – nicht selbstverständlich für eine Vorabendsendung, meint die Jury. Genauso wie das Thema des Serviceteils: Es geht um Tattoos – Streitpunkt über alle Generationen hinweg. zibb präsentiert dem Publikum eine Wundertüte an Themen in einem Studio, das sich von der üblichen Wohnzimmerdeko anderer Sender unterscheidet: Kühl, aber nicht ungemütlich. Mit dem geschickten Einsatz von Monitoren werden die Moderationen unterstützt.    

Ehrende Anerkennung für "WDR aktuell"

Es muss schnell gehen für Fernsehmacher, wenn man mit einer Nachrichtensendung bereits mittags auf Sendung muss. Da muss nicht alles glänzen – heißt es. Doch der WDR legt trotz des Zeitdrucks einen souveränen Auftritt hin, befand die Jury und sprach auch für "WDR aktuell" die Ehrende Anerkennung aus. "WDR aktuell besticht durch abwechslungsreiche Themen. Beeindruckend ist aber auch die klare, zuschauernahe Sprache der Moderatorin, die genauso wie die Autoren der Beiträge nie ins Agenturdeutsch verfällt", betonte Jury-Vorsitzender Frank Plasberg.

Gefallen hat der Jury die Aufbereitung von Ereignissen, bei denen Redakteure gerne in Routine verfallen: Der Live-Reporter berichtet von einem Verkehrsunfall in "leidenschaftlicher Präzision", so das Urteil der Juroren. "Mit dem Video eines Islamisten rüttelt die Redaktion auch noch zwölf Jahre nach dem 11. September die Zuschauer auf. Wenn am Ende der Sendung die Sonne über Duisburg aufgeht, sind wir sicher: Jetzt können wir mitreden über alles, was Nordrhein-Westfalen bewegt", sagte Plasberg abschließend.

Preis für "Besten Beitrag" geht an buten un binnen

Danach stieg die Spannung für die fünf Autoren und Redaktionsleiter der einzelnen Beiträge. Das Nordmagazin (NDR) bewarb sich mit seinem "Trailer Jahresrückblick". "Brandenburg aktuell" (RBB) warf mit dem Stück "Entlüftungszüge BER" seinen Hut in den Ring, genauso wie "buten un binnen" (Radio Bremen) mit dem Beitrag "Plantage" aus der Reihe "1.000 Meisterwerke", das Thüringen Journal (MDR) mit "Hochwasser im Wünschendorf" und "Zur Sache Baden-Württemberg" (SWR) mit "Behördenposse: Anwohner sollen für die Erschließung einer Straße bezahlen, die es schon lange gibt".

Der Bremer Fernsehpreis in dieser Kategorie ging an Dirk Blumenthal, der Autor von "1.000 Meisterwerke" (Radio Bremen). Der Beitrag habe Jubel, aber auch Zorn bei der Jury hervorgerufen – und sicherlich auch beim Zuschauer. "Das ist selten und schon deshalb preiswürdig", sagte Chef-Juror Plasberg, "erst scheint es, als wolle uns der Autor auf den Arm nehmen. Vorgeführt werden sollen aber diejenigen, die uns von oben herab erklären, was Kunst ist. Autor und Kameramann persiflieren auf geniale Weise die Sprache der Feuilletonisten. Dabei ergänzen sich Bild und Text perfekt." Die Kamera liefere scheinbar unbedeutende Details, die der Autor satirisch überhöht, heißt es in der Begründung. Blumenthal gab einen großen Teil des Lobs an seinen Kameramann Benno Soukup weiter.

"Und wenn es sich bei dem Kunstgegenstand auch noch um den Parkplatz aus der Nachbarschaft handelt, passt der Bericht ganz wunderbar in eine Regionalsendung", sind sich die fünf Juroren einig. Dass der Autor bei der Vertonung den Ton der Kunstkritiker trifft, hat die Jury ganz besonders amüsiert. So viel Kunst noch dazu an nur einem Tag produziert? "Das macht Radio Bremen so schnell keiner nach", sagte Plasberg.    

WDR führt das "Beste Interview"

Will noch jemand etwas von der Finanzkrise hören? Die Antwort ist ein klares Nein. Aber das Interview "5 Minuten mit … Jean Claude Juncker" des WDR mit Eurogruppenchef Juncker darf man nicht verpassen, ist sich die fünfköpfige Jury sicher. Die Redaktion der "Aktuellen Stunde" reist zusammen mit ihrer Moderatorin nach Luxemburg und zeigt den Politiker von einer ganz neuen Seite. "Das ist eine ganz unmögliche Frage", antwortet der Premierminister seiner Interviewpartnerin Asli Sevindim und bringt damit die Qualität des Gesprächs auf den Punkt: Weil die Fragen originell sind, sind auch die Antworten informativ.

"Wann erfährt man schon einmal etwas über die Verhandlungstaktik eines der mächtigsten Politiker Europas? Der technische Aufwand des WDR ist enorm, aber gerechtfertigt: Jeder entlarvende Gesichtsausdruck, jede Geste wird eingefangen", lautet das Urteil der Jury. Die Redaktion habe für die TV-Experten ein so vielschichtiges Bild des Politikers gezeichnet, der mal nachdenklich, mal wütend, mal witzig sein kann.

In der Kategorie waren außerdem folgende Redaktionen nominiert: "Hallo Niedersachsen" mit Studiogast Stefan Weil, Niedersächsischer Ministerpräsident (NDR), die Abendschau "10 Jahre RBB" (RBB), buten un binnen mit Studiogast Ulrich Mäurer, Bremer Innensenator (Radio Bremen) und "Zur Sache Baden-Württemberg" mit Studiogast Stefan Middendorf, Landeskriminalamt Baden-Württemberg (SWR).

MDR zeigt die "Beste crossmediale Innovation"

Die letzte Kategorie des Abends ehrte die "Beste crossmediale Innovation". Wer hat medienübergreifend am besten verknüpft und so die Vorteile von Online, Hörfunk und Fernsehen in Szene gesetzt? Die Entscheidung fiel auf "Sachsen-Anhalt heute" (MDR).

Der Mauerfall auf Twitter: Mit dem Medium der Zukunft in die Vergangenheit schauen – auf die Idee muss man erst einmal kommen. Der MDR ruft dazu auf, den 9. November 1989 per Twitter zu erleben. Einige der User schlüpfen in die Rolle historischer Protagonisten, die anderen kommentieren die Ereignisse rund um den Mauerfall. Die Macher der Aktion tun so, als habe es vor 23 Jahren bereits Handys gegeben. Der Effekt: Junge Leute erleben die Geschichte ihrer Region, die sie sonst nur aus Büchern kennen.

"Das Twittern setzt Emotionen frei, im Kopf entstehen Bilder, das Verständnis für die Beteiligten von damals wächst. Was der MDR inszeniert, ist innovativ", meint die Jury und logt besonders, dass hier die neuen Medien einmal nicht das Anhängsel von Hörfunk und Fernsehen sind. Sie selbst stehen im Mittelpunkt. "Und genau das macht das Ereignis für junge Zuschauerschichten attraktiv", heißt es in der Begründung.

Ehrende Anerkennung für den NDR für das "Beste Sonderformat"

Zum Abschluss verlieh die Jury noch eine "Ehrende Anerkennung" außerhalb der Kategorien für das "Beste Sonderformat". Damit zeichnet sie "Der Tag der Norddeutschen" aus, ein Projekt des Norddeutschen Rundfunks (NDR) mit Radio Bremen. Jeder Alltag ist erzählenswert – so lautete das Motto am Tag der Norddeutschen. 24 Stunden berichtet der Sender über das Leben von Menschen aus den unterschiedlichsten Orten und Schichten. "Wir erfahren, warum ein Bauer seine Kühe abgöttisch liebt, aber auch, dass nicht jeder Italiener so gut singt wie Pavarotti – auch nicht der Automechaniker mit Italo-Brille", sagte Plasberg.   

Der Sender ermöglicht einen Blick durchs Schlüsselloch in Welten, die einem sonst verborgen bleiben. Reportagen rund um die Uhr mit hohem Suchtfaktor: eine Reise von Flensburg bis nach Osnabrück, von der die Jury hoffte, sie möge nie enden. Die Juroren belohnen mit der Ehrenden Anerkennung den Mut des NDR, alles auf eine Karte zu setzen, ein Hochglanzprodukt zu präsentieren, mit dem sich Menschen aus fünf Bundesländern identifiziert haben.

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Bremer Fernsehpreis 2008-2013