Pressemitteilungen: Fernsehen
NDR/RB-Fernsehen
Montag, 19. März 2011, 22.00-22.45 Uhr
"45 Min – Von der Mutter missbraucht"
Ein Radio Bremen-Film von Alexander Tieg und Florian Weiner
Christian (Name geändert) ist einer der wenigen, die von ihrem Martyrium berichten wollen. Der heute Mitte 40-Jährige wurde als Kind über viele Jahre missbraucht: Vom Vater – und von der Mutter. Für sie musste er als "Ersatzmann" herhalten: in ihrem Bett schlafen, ihr zu Willen sein, beim Sex den dominanten Part übernehmen. "Es gab auch im Alltag permanente Grenzüberschreitungen, Kontakte zu Außenstehenden wurden unterbunden, ich wusste nie, wann der nächste Missbrauch passieren würde", berichtet er: "Seelische Verbundenheit gab es keine, ich war extrem einsam." Viele Jahre hat er gebraucht, um darüber überhaupt sprechen zu können. In der Familie ist der Missbrauch bis heute ein Tabuthema. Mit der heute 83-jährigen Mutter hat er seit kurzem wieder Kontakt, beide leben in der gleichen Stadt. Der Kontakt zu ihr ist für Christian der Beweis dafür, dass ihn der Missbrauch nicht gebrochen hat. Über die Vergangenheit sprechen will die Mutter nicht.
Christian will nicht erkannt werden. Anonymisiert, aber mit unverstellter Stimme berichtet er von den unfassbaren Erlebnissen seiner Kindheit und seinem Weg, sie zu verarbeiten.
Auch Udo Gann wurde in seiner Kindheit von der eigenen Mutter missbraucht: "Sie wollte, dass ich sie mit Händen und Mund befriedige", erinnert sich der Mittfünfziger. Träume und Gewaltfantasien brachten die schrecklichen Kindheitserinnerungen vor zwölf Jahren mit einem Schlag zurück, die Udo bis dahin völlig verdrängt hatte.
Wenn es um sexuellen Missbrauch von Kindern geht, steht das Bild der vermeintlichen Täter fest: Männer. Es ist schwer vorstellbar, das es Frauen und Mütter gibt, die sexuelle Gefühle gegenüber (ihren) Kindern haben und diese auch noch ausleben. Es widerspricht fundamental dem Rollenverständnis von Frauen in unserer Gesellschaft. Doch es gibt sie. Experten schätzen, dass bei einem Prozent aller volljährigen Frauen in Deutschland die sexuelle Lust auf Kinder ausgerichtet ist. Das wären dann 300.000 potentielle Täterinnen. Nicht alle sind im medizinischen Sinn pädophil. Bei vielen geht es um Ersatzbefriedigung oder Machtausübung, ähnlich wie bei vielen männlichen Tätern. Taten von Frauen werden nur selten öffentlich, denn der Missbrauch durch Frauen, durch die eigene Mutter, scheint außerhalb der gesellschaftlichen Vorstellungskraft zu liegen. Und: Frauen können subtiler vorgehen, müssen sich das Vertrauen von Kindern nicht erst mühsam erschleichen, haben ohnehin viele enge Kontakte zu Kindern. Und wie bei den männlichen Tätern findet der Missbrauch oft in den Familien statt.
Die Journalisten Alexander Tieg und Florian Weiner haben sich auf die Suche gemacht nach den Täterinnen und ihren Opfern: in Internetforen, in pädophilen Chatrooms und auf Websites, Kliniken, Beratungsstellen für Missbrauchsopfer, Selbsthilfegruppen. Eine schwierige Recherche entlang der Abgründe von Sexualität. Auf ihrer Spurensuche treffen sie Psychologen, Sexualmediziner und einen Anwalt für Sexualstrafrecht.
Die Autoren bekommen schließlich Kontakt zu Michaela (Name geändert). Die Akademikerin gibt offen zu, immer wieder sexuelle Kontakte zu Kindern zu haben. Selbst ein Opfer elterlichen Missbrauchs, ist die Mittdreißigerin der Meinung, "sowas schade Kindern nicht" und diese könnten ja selbst bestimmen, was sie wollen oder nicht.
Der Film begleitet die Autoren auf ihrer Spurensuche zu einem Tabuthema, thematisiert auch die Schwierigkeiten, sich einem solchen Thema zu nähern, Informationen zu erlangen und Kontakt zu Täterinnen und Opfern herzustellen. Zu Wort kommen mehrere Betroffene, Opfer und Täterinnen sowie Experten aus Medizin und Strafrecht. Im Mittelpunkt stehen das persönliche Schicksal der Missbrauchsopfer Christian und Udo sowie die Sichtweise der Täterin Michaela.
Fotos können unter www.ard-foto.de abgerufen werden.
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